Jan hat kein Zuhause – wie viele Menschen sein Schicksal teilen, weiss niemand
Mittwochmittag im Haus La Prairie in Bern. Für fünf Franken gibt es hier ein Mittagsmenü. Rund 50 Menschen warten auf ihr Essen, jeder Platz ist besetzt. Für einige ist es die einzige Mahlzeit, die sie an diesem Tag einnehmen werden, wie Gespräche zeigen. Mehr können sie sich nicht leisten.
Esther Streiff-Béraud engagiert sich seit 16 Jahren im La Prairie. «Zurzeit ist der Andrang gross», sagt sie. Abweisen würden sie aber niemanden. Stattdessen öffnen sie zusätzlich das Musikzimmer oder andere Räume und bewirten die Leute dort.

Auf das Essen freut sich auch Jan*, ein älterer Mann, der gebrochen Deutsch spricht. Jan lebt auf der Strasse und verdient sein Geld als Musiker. «Es ist nicht viel», sagt er. Ein Teil des kleinen Einkommens schickt er an seine Familie. Jan ist in der damaligen Tschechoslowakei geboren, heute Tschechien und Slowakei, wo seine Familie noch immer lebt.
Seine Tage folgen meist demselben Rhythmus: Er wacht in der Notschlafstelle auf, isst im La Prairie zu Mittag, musiziert auf der Strasse und geht für die Nacht wieder in die Notschlafstelle Sleeper, wo die Übernachtung fünf Franken kostet. Dort schlafe er mit mehreren Männern im selben Raum. Jan sagt: «Ich bin froh, dass ich irgendwo schlafen kann.»
Wie viele Menschen in der Schweiz wie Jan kein eigenes Zuhause haben, weiss niemand genau.
Schweizer Daten sind ungenügend
Ein kürzlich erschienener OECD-Bericht stellt der Schweiz ein schlechtes Zeugnis aus: Hierzulande gibt es weder eine offizielle Definition von Obdachlosigkeit noch eine amtliche Statistik obdachloser Personen. Auch eine nationale Strategie zur Bekämpfung der Obdachlosigkeit fehlt.

Schon eine 2022 veröffentlichte Studie im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen bezeichnete die Datenlage als unbefriedigend und empfahl ein Monitoring auf allen drei Staatsebenen. Gleichzeitig lieferte die Studie erstmals eine Schätzung für die ganze Schweiz: Rund 28 Prozent der Gemeinden nahmen an einer Befragung teil, bei der sie die Anzahl Obdachloser auf ihrem Gebiet schätzen mussten. Hochgerechnet auf die ganze Schweiz gingen die Forschenden von 3810 obdachlosen Personen aus, weitere 16'355 Menschen waren von Wohnungsverlust bedroht.
Seit der Online-Befragung der Gemeinden sind fünf Jahre vergangen. Die damals errechneten Zahlen seien heute nicht mehr aktuell, sagt Jörg Dittmann, Mitautor der Studie und Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. «Ich wäre vorsichtig, die Ergebnisse auf die heutige Zeit anzuwenden.» Ob und wie sich die Lage verändert hat, lasse sich aufgrund fehlener Daten nicht sagen.
Deshalb hat Watson in den Städten nachgefragt.
In Bern steigt die Zahl an, in Basel bleibt sie gleich
Der Stadt Bern sind aktuell 56 obdachlose Menschen bekannt, wie diese auf Anfrage mitteilt. Aufsuchende Sozialarbeitende aktualisieren die Zahl alle zwei Wochen, hinzu kommen Hinweise aus der Bevölkerung, der Polizei und der Stadtverwaltung. Knapp die Hälfte der erfassten Personen besitzt eine ausländische Staatsangehörigkeit.
«Die Anzahl Obdachloser steigt seit einigen Jahren stetig an», schreibt eine Sprecherin des Sozialamts. Zudem hielten sich Betroffene häufiger nur kurz in Bern auf und zögen danach weiter. Öffentliche Notschlafstellen müssten aufgrund einer kantonalen Regelung regelmässig Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus abweisen. Dadurch steige der Druck auf private und kirchliche Notstrukturen, die «hoch ausgelastet und teilweise überlastet» seien.

Zürich zählt anders: Sip, die Sozialarbeit auf Zürichs Strassen, und das Sozialwerk Pfarrer Sieber führen seit 2024 zweimal jährlich Stichtagszählungen auf der Strasse und in den Notschlafstellen durch. Für eine Tendenz reichten die bisherigen Erhebungen noch nicht, teilt das Sozialdepartement mit. Immerhin: Die Notschlafstellen hätten 2025 niemanden abweisen müssen, es gebe genügend Plätze.
In Basel-Stadt stammt die letzte Zählung von 2020. Damals wurden 68 obdachlose Menschen ermittelt. Eine neuere Erhebung fehlt. Weil die Notschlafstellen in den vergangenen Jahren jeweils ungefähr zur Hälfte ausgelastet gewesen seien, sieht der Kanton keine Hinweise auf eine Zunahme. Dazu beigetragen haben dürfte laut Basel-Stadt das seit 2020 bestehende Angebot «Housing First», das wohnungslosen Menschen dauerhaften Wohnraum vermittelt.
Vergleichen lassen sich die Angaben kaum, da die Städte unterschiedliche Methoden haben. Auch auf nationaler Ebene wäre die Erfassung anspruchsvoll, sagt Experte Dittmann: «Wie erreicht man die Betroffenen? Wie definiert man Obdachlosigkeit? Möchte man auch Menschen erfassen, die bei Dritten übernachten, weil sie keine Wohnung mehr haben?» Manche Menschen schliefen zudem versteckt im Wald, in Parkhäusern oder in Schächten. Trotz dieser erschwerenden Umstände sei eine Erhebung wichtig: «Wir müssen es zumindest versuchen.»
Andere Länder zeigen, dass es möglich ist. Die nordischen Staaten erheben seit Jahrzehnten regelmässig Zahlen zur Obdachlosigkeit. In Deutschland verpflichtet das Wohnungslosenberichterstattungsgesetz den Bund zu einer amtlichen Statistik.
«Es fehlt der politische Wille»
Das Bundesamt für Sozialversicherungen schreibt auf Anfrage von Watson, Nothilfe und Unterstützung Bedürftiger lägen in der Kompetenz der Kantone. Deshalb seien auch die Beobachtung und Bekämpfung von Obdachlosigkeit Sache der Kantone und Gemeinden. Der Bund könne unterstützend wirken, etwa durch die punktuelle Finanzierung von Forschungsprojekten.
Das nationale Armutsmonitoring ermöglicht laut BSV zwar Aussagen über Risikogruppen und die Entwicklung der Armut – aber nur, soweit Daten vorhanden sind. Analysen zur Obdachlosigkeit seien deshalb nicht möglich.
Auch Bern und Basel sehen keine dringende Notwendigkeit für eine regelmässige nationale Erhebung. Obdachlosigkeit zeige sich vor allem in urbanen Zentren, argumentiert Bern. Zielführender sei der Austausch zwischen den Städten. Basel hält schweizweit einheitliche Definitionen und einen fachlichen Austausch für sinnvoll, nicht aber zwingend eine regelmässige nationale Zählung.

Dittmann hat wenig Verständnis, dass der Bund das Thema Obdachlosigkeit aus dem nationalen Armutsmonitoring ausklammert. «Obdachlosigkeit ist die extremste Form von Armut.» Das nationale Armutsmonitoring wäre aus seiner Sicht deshalb der richtige Ort, um etwa die Auslastung von Notschlafstellen statistisch zu erfassen. «Das wäre ein Zeichen, dass der Bund das Phänomen anerkennt.»
Eine mögliche Erklärung für die Zurückhaltung des Bundes sieht Dittmann in der langen Schweizer Tradition, Obdachlosigkeit über die Zivilgesellschaft zu bewältigen. Hinter vielen Gassenküchen, Kafistuben und weiteren Angeboten stünden private Vereine oder kirchliche Organisationen. Dittmann kritisiert: Damit schiebe die öffentliche Hand einen Teil ihrer Verantwortung ab.
Dass die Schweiz bis heute keine gesetzliche Verpflichtung für eine Statistik kennt, erklärt Dittmann so: «Es fehlt der politische Wille.» Doch nur mit wiederkehrenden Erhebungen könne die Politik das Ausmass beurteilen und geeignete Massnahmen beschliessen. «Obdachlosigkeit verschwindet nicht, wenn wir die Augen davor verschliessen.» Die Bekämpfung des Phänomens sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Viele wissen nichts über die Situation von Obdachlosen
Zurück im La Prairie in Bern. Das Offene Haus finanziert sich seit über 40 Jahren durch Spenden und Beiträge durch die römisch-katholische Gesamtkirchengemeinde. Wie Esther Streiff-Béraud sind alle Mitarbeitenden ehrenamtlich tätig. Dank freiwilligen Beiträgen können sie rund dreimal im Monat das Essen komplett kostenlos anbieten. Doch das Geld wird knapp, weil die Kosten stetig steigen und die Spenden nicht.

Streiff-Béraud wünscht sich deshalb mehr Engagement der öffentlichen Hand – und mehr Bewusstsein für Armut: «Vielen ist nicht klar, dass es in der Schweiz Menschen gibt, die auf vergünstigte Mahlzeiten angewiesen sind. Viele schauen vielleicht auch bewusst weg.»
Um 15 Uhr schliesst das Offene Haus. Jan verlässt es an diesem Mittwochnachmittag kurz davor. Mit seiner Handorgel unter dem Arm macht er sich auf den Weg ins Stadtzentrum. Wohin er geht, weiss er noch nicht.
Bis 22 Uhr muss er den Tag irgendwie herumbringen. Dann öffnet die Notschlafstelle Sleeper. Ein Bett im Mehrbettzimmer kostet dort fünf Franken – mehr kann er sich mit seinem kleinen Einkommen nicht leisten. Sonst bliebe ihm nur eine Nacht auf der Strasse.
*Name erfunden
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