«Der grösste Mist»: Der neue Lüchzgi wird für Kindergärten zum Problem
Vielseitig und komfortabel sei sie. Kinderleicht anzuziehen, im Sommer wie im Winter. In hohen Tönen pries der TCS vergangenen Frühling die Sicherheitsweste namens Lumi an. Sie ersetzt seit diesem Schuljahr den «Lüchzgi», der Generationen von Kindergartenkindern begleitet hatte.
Doch nach den ersten Wochen im Einsatz fällt das Urteil vieler Eltern und Kindergärten über die Neuheit ganz anders aus. Die Weste kommt in diversen Kantonen zum Einsatz. 115'000 Stück hat der TCS dieses Jahr verteilt. «Ein Schwachsinn» sei die Weste, «total unpraktisch», schreibt eine Mutter auf Instagram. «Der grösste Mist», stimmt Userin zu. In Videos und Kommentaren machen Eltern ihrem Ärger über Lumi Luft. «Alle fragen, wer auf diese blöde Idee gekommen ist», schreibt eine Lehrerin.
Viel Mehrarbeit, wenig Mehrwert
Unter Kindergartenlehrpersonen sei die Weste derzeit ein riesiges Gesprächsthema, sagt Sara Stutz. Sie ist Co-Präsidentin des Zürcher Verbands Zyklus 1, wozu auch der Kindergarten gehört. Das habe sicher auch mit Nostalgie zu tun. «Wir hängen am Bändel», sagt sie. Aber vor allem ist der Bändel-Ersatz aus ihrer Sicht alles andere als praktisch. «Die Weste ist für die Kinder viel aufwändiger zum Anziehen und bereitet den meisten grosse Mühe. Ohne Mithilfe von Erwachsenen schaffen sie es fast nicht», sagt sie. Zudem sehe man den Mehrwert nicht.
Der TCS begründete den Wechsel zur Weste damit, dass der Bändel die Sicherheitsanforderungen nicht mehr erfüllt habe. Die neue EU-Norm verlangt bessere Sichtbarkeit von allen Seiten, was die neue Weste dank Reflektoren, die über die ganze Weste verteilt sind, erfülle. Das Modell sei «in enger Zusammenarbeit» mit Kindergartenlehrpersonen entstanden.
Sara Stutz nimmt dies einigermassen ungläubig zur Kenntnis. Die meisten Kindergartenkinder seien heute mit Rucksack unterwegs. Doch um sie über den Rucksack zu ziehen, sei die Weste zu eng. Und wird sie drunter getragen, sieht man sie von hinten fast nicht mehr.
Es hagelt Reklamationen
Das sorgt auch im Kanton Bern für Kopfschütteln. Viele Kindergartenkinder könnten zudem den Reissverschluss noch nicht selbst schliessen, sagt Anna Katharina Zenger vom Verband Bildung Bern. Das sei zu Beginn eine Herausforderung. «Es gibt Kindergärten, die den Eltern die Westen schon vor den Sommerferien mitgegeben haben, damit sie mit den Kindern üben können.»

Auf Instagram berichten Eltern davon, dass einzelne Kindergärten resigniert wieder auf die alten Leuchtbändel gewechselt hätten. Zahlreiche Kindergärtnerinnen und Eltern wandten sich mit Reklamationen an den TCS. Mehrere Verbände planen ein koordiniertes Protestschreiben.
Der TCS will nicht beziffern, wie viele Beschwerden man bereits erhalten hat. Es sei nachvollziehbar, «dass die Umstellung auf die Leuchtweste Lumi zu Beginn herausfordernd sein kann», wiegelt Sprecher Marco Wölfli ab. Aus Sicht des TCS lässt sich die Weste gut anziehen, selbst wenn das Kind einen Rucksack trägt oder noch keinen Reissverschluss öffnen kann. Man sei überzeugt, dass sich Kinder, Eltern und Lehrpersonen rasch an die neue Weste gewöhnen würden.
Aus Sicht von Kindergärtnerinnen steht der grosse Stresstest für Lumi hingegen erst noch bevor. Der Winter naht. «Und wie wir die Weste über die dicken Winterjacken bringen sollen, ist ein grosses Fragezeichen», sagt Kindergärtnerin Sara Stutz.
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