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«Nummer 10» lässt nicht locker – warum Platini noch einmal gegen Infantino und die Fifa klagt

In seinem Hafenbistro bei Marseille verfolgt Michel Platini die Fussball-WM nur am Rande. Stattdessen beschäftigt den 71-Jährigen ein alter Konflikt.
von Henry Habegger
Der frühere Uefa-Präsident Michel Platini letztes Jahr beim Verlassen des Gerichtsgebäudes in Muttenz BL. Soeben wurde er auch in zweiter Instanz vom Betrugsvorwurf freigesprochen. (Bild: Urs Flueeler/Keystone (25. März 2025))
Platini im Juli 2024 am Filmfestival Magna Graecia in Catanzaro in Kalabrien. (Bild: Ernesto Ruscio/Getty Images)

Das WM-Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Südafrika sah er nicht. Michel Platini, in den 1980er-Jahren einer der weltbesten Fussballer, hatte anderes zu tun. Er habe an diesem Abend in seinem Bistrot im südfranzösischen Cassis zwei gute Freunde empfangen und sich ihnen gewidmet, sagt der 71-Jährige.

Einige Tage zuvor hatte Platini – in Frankreichs Fussballkreisen immer noch als «Nummer 10» verehrt – bekannt gegeben: Er habe zwei neue Klagen gegen die Fifa und deren schillernden Boss Gianni Infantino eingereicht.

Das eine ist eine Zivilklage, mit der Platini vom Weltfussballverband Schadenersatz in unbekannter Höhe fordert. Das andere ist eine Strafanzeige wegen «falscher Anschuldigung», mit der der Franzose jene zur Rechenschaft ziehen will, die ihn, wie er vermutet, 2015 bei der Bundesanwaltschaft zu Unrecht angeschwärzt hatten. Es geht um die Anschuldigungen, die letztlich seine Wahl zum Fifa-Präsidenten verhinderten.

Hintergrund waren die berüchtigten zwei Millionen Franken, die der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter im Jahr 2011 an Platini zahlen liess. Dies als Abgeltung für frühere Beraterdienste, wie es hiess. Aber Platinis Gegner sahen 2015 die Chance, ihn aus dem Rennen um den Fifa-Vorsitz zu werfen. Die Bundesanwaltschaft erhielt einen Tipp und eröffnete ein Strafverfahren. Blatter und Platini wurden von der Fifa gesperrt. Statt Platini wurde Anfang 2016 Gianni Infantino Nachfolger von Blatter auf dem Fifa-Thron, auf dem er sich bis heute hält. Dabei erwiesen sich die Vorwürfe später juristisch als falsch: 2022 und 2025 wurden Blatter und Platini vom Bundesstrafgericht vom Betrugsvorwurf freigesprochen.

Die Frage nach dem fünften Teilnehmer

Die Strafanzeige richtet sich gegen Infantino, aber auch gegen Marco Villiger und Domenico Scala. Villiger war Fifa-Chefjurist, Scala Chef der Audit- und Compliance-Kommission des Weltfussballverbands. Zudem richtet sich die Anzeige gegen drei frühere Exponenten der Schweizer Bundesanwaltschaft: Michael Lauber, der 2015 Bundesanwalt war, seinen Sprecher André Marty sowie Olivier Thormann. Er war damals Staatsanwalt und arbeitet heute als Richter am Bundesstrafgericht in Bellinzona. Thormann war es, der das Strafverfahren eröffnet hatte. Platini sieht in ihnen willfährige Gehilfen der Verschwörer.

Schon 2018 und 2021 hatte der Franzose in der gleichen Sache unter anderem gegen Infantino Anzeige eingereicht. Diese wurden von der französischen Justiz für zulässig erklärt, aber an die Schweiz übermittelt, weil die Akteure sich hier befänden. Platini protestierte 2022 öffentlich gegen die Übermittlung: Die Schweizer Justiz werde keine einzige Untersuchungshandlung vornehmen, prognostizierte er. Tatsächlich wurden beide Verfahren eingestellt, eines wegen Verjährung.

Jetzt nimmt die «Nummer 10» einen neuen Anlauf und setzt die französische Justiz unter Druck, die Verfahren selbst zu führen. Dafür hat er neue Anwälte beauftragt. Neu ist auch die Schadenersatzklage, die er in Marseille deponiert hat.

«Michel ist ein Champion, er lässt nicht locker», sagt Platinis Kommunikationsverantwortlicher Jean-Christoph Alquier auf die Frage, warum der Franzose die Sache nicht ruhen lasse. Platini selbst sagte schon 2025 nach seinem zweiten Freispruch: «Jetzt kann ich wieder angreifen.»

Platini im Juli 2024 am Filmfestival Magna Graecia in Catanzaro in Kalabrien. (Bild: Ernesto Ruscio/Getty Images)

Platini und seine Entourage halten, das wird in Gesprächen klar, die Schweizer Justiz für parteiisch, wenn nicht korrupt. Spätestens seit der «Schweizerhof»-Affäre um die Geheimtreffen des früheren Bundesanwalts Lauber mit Infantino. Diese kosteten Lauber letztlich den Job. Protokolle von den Treffen gibt's keine, und an das ominöseste der Treffen im Juni 2017 mochte sich angeblich keiner der Teilnehmer mehr erinnern. Dabei deutete die Rechnung des Hotels Schweizerhof sogar darauf hin, dass noch ein fünfter Teilnehmer da war.

Alte Seilschaft neu in Bellinzona

Wer war der fünfte Mann? Innerhalb der Bundesanwaltschaft gab es Gerüchte, es habe sich um Joël Pahud, den Staatsanwalt des Bundes, gehandelt. Dieser ist Mitglied der Fifa-Taskforce und ein Zögling von Thormann, der damals in der Bundesanwaltschaft die Abteilung Wirtschaftsdelikte leitete. Pahud dementierte. Wer im «Schweizerhof» mit wem was besprach, konnte nie geklärt werden.

Nicht nur das Platini-Lager vermutete immer, es sei auch um das Strafverfahren gegen die «Nummer 10» gegangen, in das die Fifa viele Ressourcen investierte.

Kürzlich ist etwas passiert, was Platinis Misstrauen gegenüber der Schweizer Justiz nicht verringern wird. Pahud, bei der Bundesanwaltschaft 2021 ausgeschieden und heute Anwalt in Genf, macht einen überraschenden Karriereschritt: Die Bundesversammlung wählte ihn letzte Woche als GLP-Mitglied zum nebenamtlichen Richter am Bundesstrafgericht in Bellinzona. Und zwar in die einflussreiche Berufungskammer. Dort wirkt sein einstiger Chef und Ziehvater Thormann – bis vor Kurzem gar als Präsident. Eine alte Seilschaft ist an neuer Wirkungsstätte tätig.

Thormann war der FDP beigetreten und 2019 Richter geworden, nachdem er die Bundesanwaltschaft nach einem Krach mit Lauber verlassen musste. Lauber hatte Thormann vorgeworfen, mit dem Fifa-Chefjuristen Villiger zu kungeln. Ein Strafverfahren gegen Thormann wurde allerdings später eingestellt.

Doch zurück zu Platini: Beobachter glauben, dass sich 2015 einflussreiche Sport-Akteure aufmachten, ihn als Fifa-Chef zu verhindern. Weil der Franzose zur Gefahr für die Funktionärs-Nomenklatura geworden wäre. «Platini war anders, er war unberechenbar und launisch, wie einst schon als Fussballer. Er passte nicht in die exklusive Apéro-Welt der Funktionäre, die er verachtete», sagt ein Schweizer Insider, der den Franzosen gut kennt. Irgendwann habe man sich dann auf Infantino verständigt.

Erste Anhörung in Marseille

Die «Nummer 10» lässt jedoch nicht locker. Bezüglich der Zivilklage gegen die Fifa sei auf Anfang Dezember in Marseille eine erste Anhörung angesetzt, sagt sein Sprecher Alquier.

Platini selbst, der in seiner Zeit als Fussball-Funktionär am Genfersee lebte, sitzt heute oft im «Bistrot de Nino» im Fischerhafen von Cassis bei Marseille. Er führt das Lokal mit seiner Tochter. Über die neuen Verfahren will er nicht reden. Es sei an Polizei und Justiz, ihre Arbeit zu machen und die Vorgänge endlich aufzuklären.

Auch zur Fifa mag er sich nicht äussern, schon gar nicht zu Infantino, der sich und seine Macht an der aktuellen WM in Amerika schamlos inszeniert. Das Einzige, was Platini am Telefon dann doch noch sagt: Frankreich habe diesmal gute Chancen, Weltmeister zu werden. Mit Kylian Mbappé als «Nummer 10».

Keine der Personen, die von Platini angezeigt wurden, wollte sich zur Anzeige äussern. Die Fifa liess eine Anfrage unbeantwortet. Die Bundesanwaltschaft will sich nicht äussern. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/schweiz/michel-platini-setzt-seinen-streit-mit-der-fifa-fort-art-740538

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