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«Was ist das für ein Vorbild bei dieser Dürre?»: Bauernpräsident kritisiert Vielflieger im Bundesrat

Markus Ritter spricht über die extreme Trockenheit, drohende Preissteigerungen und den Fleischkonsum. Und er sagt, in welchem Punkt der Bundesrat kein Vorbild ist.
von Julian Spörri, Doris Kleck
Nur noch ein Rinnsall: Der Brunnen auf dem Hof von Bauernpräsident Markus Ritter. (Bild: Lorena La Spada)
«Dieses Jahr gibt den Bauern zu denken»: Markus Ritter blickt mit Sorge über die ausgedörrte Weide. (Bild: Lorena La Spada)

30 bis 40 Mal pro Tag schaut Bauernpräsident Markus Ritter auf die Wetterapps. Drei schaut er sich regelmässig an und gleicht die Prognosen ab – darunter auch eine aus Österreich. Am meisten interessiert ihn der Regenradar. Wie alle Bauern hofft er auf Niederschlag. Wir treffen den Mitte-Nationalrat auf seinem Biohof oberhalb von Altstätten. Zum Abschied gibt es je vier Äpfel. Sie sind nur halb so gross wie normal.

Am Schlachtviehmarkt klagen Landwirte über die Trockenheit: «Es ist der Wahnsinn». Haben Sie diesen Sommer auch den Wahnsinn erlebt?

Markus Ritter: Ja, eine solche Trockenheit habe ich persönlich noch nie erlebt. Am ehesten lässt sich die Situation mit 1947 vergleichen. Auch 2003 gab es einen extremen Hitzesommer. Damals hatte es bis Anfang Juni allerdings noch viel geregnet, sodass im Boden Reserven vorhanden waren. Dieses Jahr sind wir bereits mit einem Defizit in den Sommer gestartet. Das macht die Situation so aussergewöhnlich.

Was macht das mit den Bauern?

Sie sind einem grossen psychischen Druck ausgesetzt. Für Viehhalter ist die Situation besonders schwierig. Die Kühe wachsen einem ans Herz. Viele mussten bereits die Wintervorräte anzapfen. Futter zuzukaufen ist schwierig, weil es überall knapp ist. Die Heupreise sind um bis zu 50 Prozent gestiegen. Weil sich die Tiere in der aktuellen Situation kaum verkaufen lassen, landen sie beim Metzger. Auch 1947 mussten Zehntausende Kühe zusätzlich geschlachtet werden.

Drohen dieses Jahr ähnliche Dimensionen?

Das hängt unter anderem davon ab, ob es in den nächsten Wochen regnet. Klar ist: In den Monaten Juni und Juli wurden im Vergleich zum Vorjahr bereits 7000 Kühe mehr geschlachtet. Unser Aufruf an die Bauern, die Kühe gestaffelt zu liefern, hat Wirkung gezeigt. Ruhe zu bewahren ist wichtig, sonst zerfällt der Preis.

Nun kommen viele Kühe von den Alpen zurück. Werden die Schlachtzahlen nochmals steigen?

Davon ist auszugehen. Ich hoffe aber, dass der Alpabzug sukzessive erfolgt und die Tiere in den höheren Lagen noch etwas länger bleiben können.  Von den tiefer gelegenen Alpen kommen sie bereits jetzt zurück. Auch wir müssen unsere Rinder wegen der Trockenheit noch diese Woche zurückholen – zwei Wochen früher als üblich.

Haben Sie auf Ihrem Hof, den Ihre Söhne vor drei Jahren übernommen haben, genügend Futter? Oder müssen auch Sie Kühe früher als geplant zum Schlachten bringen?

Bei uns ist es vor allem am Berg oben sehr trocken. Im Rheintal ist es etwas besser. Vielleicht müssen auch wir noch die eine oder andere Kuh abgeben. Grundsätzlich sollten wir mit dem Futter aber durchkommen. Uns hilft, dass die Trockenheit bei uns etwas weniger ausgeprägt ist als etwa in Basel oder Solothurn. Je weiter man von Osten nach Westen geht, desto schlimmer wird die Situation. Zudem haben wir unseren neuen Stall nur zu drei Vierteln gefüllt. Als Biobetrieb konnten wir nicht so einfach Tiere zukaufen, nachdem wir den neuen Stall in Betrieb genommen hatten.

2003 bezifferte der Schweizerische Bauernverband die Verluste wegen der Hitzewelle auf bis zu 500 Millionen Franken. Können Sie schon schätzen, wie viel es heuer sein werden?

Für eine belastbare Aussage ist es zu früh. Weil diesmal alle Regionen betroffen sind, werden die Verluste aber sicher höher sein als 2003. In Österreich schätzt man die Schäden bereits auf eine Milliarde. Bei uns sind die Kartoffeln und Zuckerrüben noch im Boden. Sie sehen nicht gut aus, aber Gewissheit haben wir erst nach der Ernte. Auch beim Mais wird es sicher geringere Erträge geben. Bei der Milch hängt viel davon ab, wie stark die Kuhbestände reduziert werden.

Müssen wir für diese Lebensmittel im Supermarkt bald mehr bezahlen?

Ja, die Preise dürften steigen. Wie stark, hängt von Angebot und Nachfrage ab. Immer wenn die verfügbaren Mengen in der Schweiz und im Ausland deutlich zurückgehen, gibt es Preisanpassungen. Gerade bei Kartoffeln und Zuckerrüben ist dies wahrscheinlich. Bei Getreide wie Weizen und Gerste sieht es besser aus, weil vieles noch vor der Dürreperiode gewachsen ist und gut geerntet werden konnte. Am meisten draufzahlen werden aber nicht die Konsumenten, sondern die Landwirtschaft selbst.

Wieso?

Die Detailhändler haben signalisiert, dass sie bereit sind, gewisse Zusatzkosten aufgrund der Dürre anzuerkennen. Es wird Verhandlungen geben. Doch wenn ein Gemüsebauer einen Drittel weniger Ertrag hat und die Produzentenpreise um zehn Prozent steigen, bleibt ihm unter dem Strich trotzdem deutlich weniger.

Schaut man sich die Kartoffelfelder an, kann man sich kaum vorstellen, dass dort noch viel wächst. Sind die Detailhändler gesprächsbereit, auch kleinere Kartoffeln abzunehmen?

Ja, wir haben positive Signale. In einem guten Erntejahr sind strenge Qualitätsanforderungen kein Problem, weil genug geerntet wird. Dieses Jahr muss man grosszügiger sein – und auch einmal eine Kartoffel akzeptieren, die etwas kleiner ist als die Norm. Solche Kartoffeln könnten allerdings auch der Tierfütterung dienen.

Anders gesagt: Es gibt weniger Kartoffeln, und die müssen wir auch noch mit den Tieren teilen?

Bilanz ziehen können wir zwar erst nach der Ernte. Aber es ist durchaus denkbar, dass dieses Jahr zusätzliche Mengen in der Tierfütterung landen. Viehhalter können auf diese Weise ihre Kühe noch zwei bis drei Monate länger durchbringen. Eben habe ich aus der Westschweiz gehört, dass dort bereits Zuckerrüben geerntet werden, damit die Kühe etwas zu fressen haben.

Der Bundesrat lehnte es am Mittwoch ab, die ausserordentliche Lage auszurufen, die auch Landwirtschaftsvertreter wie der oberste Älpler und SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh verlangt hatten. Unterstützen Sie die Forderung?

Nein, hier bin ich zurückhaltend. Das Allerwichtigste ist, nicht in Panik zu geraten. Wir sind in einem engen Austausch mit der Bundesverwaltung und dem Bundesrat. Zusammen schauen wir, welche Lösungen möglich sind. So wird Wasser auf gewisse Alpen geflogen und die Zölle für Futtermittelimporte wurden gestrichen. Viele Massnahmen wurden zudem bereits in vergangenen Jahren in die Wege geleitet, etwa indem die Bewässerung von Ackerflächen finanziell unterstützt wird. Diese Anstrengungen gilt es fortzusetzen. Jetzt, in der akuten Krise, Politik zu machen, bringt wenig, da die Prozesse zu lange dauern.

In einem offenen Brief äussern Landwirte harsche Kritik am Bauernverband – weil er sich gegen Klimaschutzmassnahmen wehre. Hat Sie diese Kritik aus den eigenen Reihen überrascht?

Überrascht haben mich zwei Sachen: Erstens, dass die Mitteilung von einer deutschen E-Mail-Adresse verschickt worden ist. Zweitens konnte ich unter den ersten 700 Unterzeichnenden keine zehn Bauern identifizieren – und ich kenne viele Bauern. Die Unterzeichnenden hatten vom Bauernverband eine dynamischere Kommunikation erwartet. Doch wir haben uns bewusst zurückgehalten; die Führung muss in einer Krise besonnen agieren und darf keine Panik schüren. Der Bauernverband unterstützte das CO₂- und das Klimaschutzgesetz genauso wie die Energiestrategie. Was die Landwirtschaft tun kann, macht sie. Etwa bei der Reduktion  von Ammoniak und Methan.

Für das Klima wäre es besser, wir würden mehr pflanzliche Nahrungsmittel und weniger Fleisch essen, wie es die Ernährungssicherheitsinitiative aus der Feder von Franziska Herren fordert.

Jetzt muss ich etwas agronomische Nachhilfe geben. Frau Herren argumentiert, dass auf 60 Prozent der Ackerflächen Tierfutter angepflanzt wird. Das stimmt theoretisch, doch ein Drittel der Fläche fällt wegen der Fruchtfolge, die wir einhalten müssen, weg. Zwischendurch muss man Kunstwiesen ansäen, damit sich der Boden erholen kann – und das wird dann eben als Tierfutter verwendet. Es bleiben noch 27 Prozent Ackerland, auf denen Silomais oder Gerste für Tierfutter angepflanzt wird.

Auch der Bundesrat wünscht sich, dass weniger Fleisch gegessen wird.

Wenn die Konsumenten mehr pflanzliche Lebensmittel wollen, sind wir Bauern die Ersten, die mitmachen. Doch die Leute essen eben auch gerne Poulet oder Schweinefleisch, Milch und Eier. Vor allem die Nachfrage nach Poulet und Eiern ist gewaltig. Wir haben zu wenig Hühnerställe und importieren 50'000 Tonnen Poulet pro Jahr.

Finden Sie das eine gute Entwicklung? Mehr Hühner bedeuten auch mehr Futterimporte.

Die Frage ist, ob sich die Landwirtschaft nach der Nachfrage richten soll oder ob wir die Konsumenten umerziehen wollen. Das ist das Problem der Initiative von Frau Herren. Sie verlangt eine Selbstversorgung von 70 Prozent netto – also ohne Futterimporte. Das schafft man nur mit massiv mehr pflanzlichen Lebensmitteln. Doch können wir die Konsumenten so erziehen, dass sie sich hauptsächlich von Polenta, Hafermus und Ribel ernähren?

Die Landwirtschaft wird aber auch stark vom Staat gestützt. Frau Herren kritisiert Direktzahlungen für die Tierhaltung, dazu kommt die Absatzförderung. Jedes Kind kennt «Schweizer Fleisch, alles andere ist Beilage».

Es gibt keine Direktzahlungen, welche die Fleischproduktion anheizen. Sie hängen heute weitestgehend von der Fläche ab. Bei der Marketing- und Absatzförderung geht es darum, den Mehrwert von Schweizer gegenüber ausländischen Produkten aufzuzeigen. Das macht man nicht nur für Fleisch, sondern auch für Brot oder Gemüse. Die Gelder werden nach dem Produktionsvolumen verteilt. Deshalb fliesst am meisten in die Absatzförderung für die Produkte aus der Tierhaltung.

So erhält man den Status quo.

Ja, aber da sind wir wieder bei der Nachfrage und dem Poulet: Ich hätte auch lieber, wenn die Menschen mehr Schweinefleisch essen würden. Hier haben wir die Ställe und das Know-how. Wenn wir nicht produzieren, was die Leute wollen, kaufen sie das Fleisch einfach ennet der Grenze.

Der Bund will den Klima-Fussabdruck unserer Ernährung reduzieren und ausdrücklich die pflanzenbasierte Ernährung stärken. Gleichzeitig sagen Sie, die Landwirtschaft solle produzieren, was die Konsumenten heute nachfragen. Widerspricht Ihre Position damit nicht den Klimazielen des Bundes?

Wichtig ist eine ausgewogene und regionale Ernährung. Und die Ernährung soll auch noch Freude machen. Ich stelle einfach fest, dass der Fleischkonsum stabil bleibt. 50 Kilogramm pro Kopf und Jahr, das heisst ein Kilogramm für sieben Tage. Das gibt nicht einmal eine Bratwurst pro Tag! Gleichzeitig geht der Tierbestand in der Schweiz zurück, weil die Tiere mehr Leistung erbringen.

Macht Ihnen die Vorstellung Sorgen, dass Ihr Sohn in 20 oder 30 Jahren mit deutlich mehr Hitze- und Trockenperioden wirtschaften muss?

Es wird sehr anspruchsvoll. In unserem Betrieb werden zum Beispiel Naturwiesen zum Problem. Wo immer möglich, müssen wir Kunstwiesenmischungen mit mehr tiefwurzelnden Pflanzen ansäen. Wir brauchen hitzebeständigere Pflanzen und mehr Futterreserven. Im Ackerbau gilt dasselbe: eher Sonnenblumen als Raps und in Wasserspeicherung und Bewässerung investieren. Ich frage mich aber auch, was in Ländern wie Frankreich, Portugal oder Spanien passiert, wo Süsswasser zur Herausforderung wird. Europa ist der Kontinent, der sich am schnellsten erwärmt.

«Dieses Jahr gibt den Bauern zu denken»: Markus Ritter blickt mit Sorge über die ausgedörrte Weide. (Bild: Lorena La Spada)

Wird der Bauernverband künftig ökologischer politisieren?

Der Bauernverband ist der Nachhaltigkeit verpflichtet; Ökologie ist ein wichtiges Thema für uns. Wir haben inzwischen 20 Prozent Biodiversitätsförderflächen, obwohl wir immer kritisch waren. Was mir am meisten Sorge macht, ist aber die Produktion. 2025 lag der Selbstversorgungsgrad bei 45 Prozent, wir streben 50 Prozent an. Das Augenmerk muss auf Produktion, Wertschöpfung und Einkommen liegen. Mit 17 Franken pro Stunde kann man heute nicht mehr leben und investieren.

Das tönt nach weniger Ökologie und nach einer intensiveren Landwirtschaft.

Nein, mehr Wertschöpfung ist die Lösung.

Glauben Sie, SVP-Präsident Marcel Dettling findet den Klimawandel immer noch gut für die Landwirtschaft?

Man hört ihn auf alle Fälle nicht mehr. Dieses Jahr gibt den Bauern zu denken. Der Klimawandel verschärft unsere Probleme bei Trockenperioden spürbar. Das Bewusstsein, dass er eine grosse Herausforderung ist und Investitionen bedingt, ist da. Was mir Sorgen macht, ist die Ohnmacht: Auch wenn wir hier durchgreifen, gibt es immer noch China, die USA oder Indien. Es ist frustrierend, dass sie sich nicht stärker gegen den Klimawandel engagieren.

Wo würden Sie denn ansetzen, wenn Sie hierzulande durchgreifen könnten?

Der grösste Hebel sind die Gebäude und der Verkehr. Aber die Leute fliegen wahnsinnig viel. So gross kann die Sorge ums Klima gar nicht sein. Ich schaue regelmässig meinen ökologischen Fussabdruck an. Wir leben bescheiden, haben eine Solaranlage und essen regionale Bio-Produkte. Aber wer einmal ins Flugzeug steigt, kann den guten ökologischen Fussabdruck vergessen! Oder die Leute, die am 1. August fünf Reden gehalten haben und mit dem Helikopter geflogen sind. Was ist das für ein Vorbild bei dieser Dürre?

Sie spielen auf Umweltminister Albert Rösti an.

Er war nicht der Einzige. Jetzt können wir nur hoffen, dass es vorbei ist. Und nicht im Herbst noch eine weitere Hitzewelle kommt. Mein Vater erzählte mir von 1947: Die letzte Hitzewelle kam im September. Damals sammelten sie die Birnen auf unserem Hof in Altstätten ein und verluden sie auf die Bahn. Im Kanton Bern wurden sie den Kühen verfüttert, damit die Tiere noch irgendetwas zu fressen hatten.

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/schweiz/markus-ritter-zur-duerre-es-drohen-hoehere-preise-im-supermarkt-art-751436

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