Lehrpersonen im Überfluss? Die grosse Wende an den Schulen
An der Pädagogischen Hochschule Zürich beginnt das Semester mit einem Rekord: So viele Studierende wie nie zuvor starten in der zweiten Septemberwoche hier die Ausbildung. Insgesamt studieren damit erstmals über 4000 Studierende an der PH Zürich.
Das ist eine Entwicklung, die sich seit Jahren an allen Pädagogischen Hochschulen des Landes beobachten lässt. Immer mehr junge Menschen wollen Lehrpersonen werden und auch Quereinsteigerprogramme sind gefragt.
Eine dieser motivierten Erstsemestlerinnen ist Mirja. Sie arbeite gerne mit Kindern, weil sie ehrlich seien und unverfälscht. «Schweiz heute» trifft sie und weitere Studentinnen auf dem Campus an. Sie möchten nur mit Vornamen in diesem Artikel erscheinen.
Mirjas Kommilitonin Lien sagt, sie möchte Kindern im Leben etwas mitgeben und ihnen helfen, die Welt zu verstehen. Kyra mag die kreativ-spielerische Art des Unterrichts, den Kinder in der Unterstufe besonders schätzen. Amina berichtet von einer Lehrerin aus der eigenen Schulzeit, die ihr als Vorbild dient.
Die angehenden Primarlehrerinnen wollen unterrichten, weil sie etwas bewirken möchten. Aber natürlich spielt bei der Berufswahl auch mit, dass Lehrerin ein sicherer Beruf ist. Der Staat zahlt den Lohn, es drohen keine Massenentlassungen wie in der Privatwirtschaft, dafür viel unterrichtsfreie und flexibel gestaltbare Zeit. Einen Job finden? Easy. Darum macht sich hier niemand Gedanken.

Immer weniger Schüler, immer mehr Lehrpersonen
Zumindest noch nicht. Denn während die Studierenden ins Semester starten, spielen die ersten Kinder einer besonders geburtenschwachen Generation in den Kindergärten. Sie haben Jahrgang 2022. Und sie markieren einen demografischen Umbruch, der das Bildungswesen verändern wird. Es dürfte die grösste Veränderung der vergangenen zwanzig Jahre sein.
Seit 2018 kommen immer weniger Kinder zur Welt. Im zweiten Pandemiejahr 2021 gab es zwar ein kurzes Geburtenhoch, ein Jahr später folgte aber ein umso stärkerer Rückgang. Die Folge: Ab kommendem Jahr ist gemäss dem Bildungsbericht Schweiz «mit einem markanten Rückgang der Schülerzahlen» zu rechnen, der sich mit Verzögerung über die höheren Schulstufen fortsetzen wird.
Die Autoren des Berichts gehen gestützt auf Daten des Bundesamts für Statistik davon aus, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler in der Primarstufe bis 2034 um sechs Prozent sinken wird.
Gleichzeitig werden weniger Lehrpersonen pensioniert. Die weiter steigenden Studierendenzahlen an den PHs laufen diesen Trends diametral entgegen. Die Statistiker des Bundes gehen für die kommenden Jahre von bis zu zwanzig Prozent mehr Bachelorabschlüssen aus. Daraus folgern die Bildungsbericht-Autoren: Schon bald gibt es statt eines Lehrpersonenmangels einen -überschuss.
Vorboten dieser Entwicklung zeigen sich schon jetzt. Die Zürcher Bildungsdirektion teilte diesen Frühling mit, dass es im Kanton nach Jahren des Mangels endlich wieder genügend Lehrkräfte für die Volksschule gibt.
«Wer zu diesem Beruf berufen ist, findet eine Stelle»
Mirja, Lien, Kyra und Amina schliessen ihr Studium 2029 ab. Aber sie können sich kaum vorstellen, dass sich die Vorzeichen bis zu ihrem Abschluss komplett verändern. «Das kommt schon irgendwie gut», sagt Mirja. «Und sonst ist die PH-Ausbildung eine gute Grundlage, aus der sich etwas anderes ergeben kann.»
Kyra kann sich vorstellen, sich in Heilpädagogik weiterbilden zu lassen. Dort wird der Fachkräftemangel weiterhin bestehen. Auch Lien nimmt es gelassen. Die Dozierenden hätten sie zwar vorgewarnt, dass es schwieriger werden könnte, schon während des Studiums Stellvertretungen zu übernehmen. Das sei aber kein entscheidender Einschnitt.
Gelassen sehen es auch die angehenden Primarlehrerinnen Franziska und Naemi, die im zweiten Studienjahr sind. Der Lehrpersonenmangel ist noch allgegenwärtig. Sie waren selbst schon für Stellvertretungen an Schulen im Einsatz, die händeringend nach Personal suchen und wo Klassen wegen Platzmangels in Container-Provisorien unterrichtet werden.
Die beiden geben zu bedenken, dass zwar viele an der PH studieren, aber auch viele den Beruf rasch wieder aufgeben. Sie kennen solche Fälle aus ihrem Umfeld. Leute, die sich ohne intrinsische Überzeugung als Plan B oder C für den Lehrberuf entscheiden, sich davon gutes Geld und viele Ferien versprechen, aber schliesslich völlig ausgelaugt abbrechen müssen.
«Wenn du keine Leidenschaft fürs Lehren hast, gehst du unter», sagt Franziska. «Ich glaube, wer zu diesem Beruf berufen ist, muss auch künftig keine Angst haben, eine Stelle zu finden.»
Vorbei mit der faktischen Jobgarantie?
Bildungsforscher Stefan Denzler stimmt ihr zu. Er hat den Bildungsbericht Schweiz mitverfasst und sitzt in Beiräten mehrerer pädagogischer Hochschulen. «Für hochmotivierte junge Leute mit Diplom wird es aber weiterhin Platz geben, auch wenn sie möglicherweise länger suchen oder den Kanton wechseln müssen», sagt er. In der Zentralschweiz oder in der Nordwestschweiz, insbesondere im Aargau, werde sich die Situation nicht so rasch ändern.
Denzler hofft, dass die Entwicklung dazu führt, dass die Bildungsqualität wieder zunimmt. Wie es im Kanton Zürich im aktuellen Schuljahr schon der Fall ist, werden künftig wohl kaum mehr Personen ohne Lehrdiplom vor Schulklassen gestellt. Mehr Professionalität, weniger Wechsel.
Wieder Zeit für Entwicklungen statt Notlösungen
Auch Dagmar Rösler zeigt sich erfreut. Sie ist Präsidentin des Schweizer Dachverbands der Lehrerinnen und Lehrer und hofft, dass dadurch sowohl die Bildungsqualität als auch das Ansehen des Lehrberufs steigen.
In einigen Kantonen machen Personen ohne Diplom heute rund ein Viertel der Lehrkräfte aus, sagt sie. Jeder Kanton gehe anders mit ihnen um. In einigen werden sie auf ihren Posten bleiben dürfen, in anderen, etwa in Zürich, müssen sie die PH-Ausbildung nachholen, wenn sie weiterhin als Lehrpersonen tätig sein möchten.

Der Verband stellt sich auf den Standpunkt, dass diplomierte Lehrkräfte Vorrang haben sollten. «Lassen wir es selbst nach den Mangeljahren zu, dass ohne Ausbildung unterrichtet wird, untergraben wir unseren Beruf. Das wäre ein falsches Signal», sagt Rösler. Diese Diskussion habe sie in den letzten Jahren zuhauf geführt. «Es reicht nicht aus, es einfach gut mit Kindern zu können.» Die Schülerinnen und Schüler hätten ein Recht auf ausgebildete Lehrpersonen, zu denen sie eine Beziehung aufbauen können.
Sie freue sich also, wenn in den Schulen die Belastung abnimmt und sich die Gedanken weniger um Notlösungen und wieder mehr um Weiterentwicklung drehen können. Die Diskussion könnte sich zum Beispiel auf das Thema Schulraum verlagern: Was braucht die Schule von heute, damit Lehrpersonen zeitgemäss unterrichten können? «Ein Klassenzimmer muss heute mehr sein als ein Raum mit zwanzig Pulten. Es braucht Räume für Projekte und Teamarbeiten», sagt Rösler. «Das einfach als Gedankenanstoss für eine Zeit, in der wir nicht mehr aus allen Nähten platzen.»
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