Katholische Kirche zahlt Genugtuung – Missbrauchsopfer muss darauf Steuern entrichten
Die Vorfälle haben sich am Gymnasium Champittet in Pully ereignet. Ein Lehrer, ein Mitglied des Augustinerordens des Grossen Sankt Bernhard, verging sich Ende der 1970er-Jahre an einem damals 12-jährigen Schüler. Jahrzehnte später gestand der Priester dem Opfer, das damals das Internat besuchte, die Übergriffe. Strafrechtlich konnte der Kirchenmann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden; der Fall war verjährt.
Das Opfer leidet noch immer unter den Geschehnissen von damals. 2022 traf es mit Vertretern der katholischen Kirche und der Kongregation des Grossen Sankt Bernhard eine aussergerichtliche Vereinbarung: Die Kongregation zahlt 220'000 Franken Genugtuung – 20'000 Franken für die sexuellen Übergriffe, 200'000 Franken symbolisch für die Schulkosten.
Genugtuungszahlungen sind steuerfrei. Doch im vorliegenden Fall befreite die Waadtländer Steuerverwaltung bloss die 20'000 Franken für den sexuellen Missbrauch von den Steuern. Nach einer Intervention des Opfers erhöhte die Steuerverwaltung den Beitrag auf 100'000 Franken.
Dagegen legte das Opfer Beschwerde beim Verwaltungsgericht ein. Mit einem Entscheid vom 2. Oktober stützte dieses die Steuerverwaltung. Das bedeutet: Der Fiskus langt bei 120'000 Franken der kirchlichen Entschuldigungszahlung zu. Die Zeitung «La Liberté» und das Westschweizer Radio und Fernsehen berichteten zuerst über den Fall.
Opfer schockiert über Verwaltungsgericht
Das Verwaltungsgericht stützte sich auf ein Urteil des Bundesgerichts. Darin sprach es einem Mädchen, das im Alter von 8 bis 18 Jahren von seinem Vater sexuell missbraucht wurde, eine Genugtuung von 100'000 Franken zu. Das Bundesgericht schrieb, diese Summe sei aussergewöhnlich hoch und stelle ohne Zweifel den Maximalbetrag für solch gelagerte Fälle dar.
Das Opfer zeigte sich gegenüber RTS schockiert über die Waadtländer Steuerbehörden und das Verwaltungsgericht. Die Kirche habe die Summe als steuerfreie Genugtuung ausgerichtet, sagte es gegenüber RTS. Der ehemalige Internatsschüler und sein Anwalt Frédéric Ney kündigten an, den Fall ans Bundesgericht weiterzuziehen. Der Staat reisse einen Teil der Wiedergutmachung der katholischen Kirche an sich, kritisiert Ney.
Die katholische Kirche verfügt über einen Fonds, mit dem sie Opfer verjährter sexueller Übergriffe durch Priester und Vertreter der katholischen Kirche mit Genugtuungsbeiträgen entschädigt. Im letzten Jahr richtete der Fonds für 33 Fälle 555'000 Franken aus. Der Höchstbetrag beläuft sich auf 20'000 Franken. Im Jahr 2024 fielen die Zahlungen mit 1'171'000 Franken in 83 Fällen besonders hoch aus. Der Grund liegt darin, dass die Missbrauchsdebatte im Jahr 2023 einen Höhepunkt erreichte, nachdem die Universität Zürich eine Studie im Auftrag der katholischen Kirche publiziert hatte. Darin dokumentieren die Forscherinnen und Forscher mehr als 1000 Fälle sexueller Übergriffe seit den 1950er-Jahren.
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