10-Millionen-Schweiz: Wollen wir insgeheim, dass es uns schlechter geht?
«Alles Wesentliche ist längst gesagt», spottete Karl Valentin, «nur noch nicht von allen.» Gilt im Fall der «Zehn-Millionen-Schweiz» definitiv. Und wenn ich mich trotzdem noch vordränge, so liegt das am Hans im Märchen. Schuld ist Hans im Glück. Er treibt sich schon lange um in meinem Stoffhaushalt, wartet auf seinen Einsatz. Und so eine Chance erlebt er nicht so rasch wieder: Die postmoderne CH-Sippe kokettiert mit seinem Revival. Sehnen wir uns insgeheim, den ganzen Krempel von Besitz und Wohlstand und Wachstum loszuwerden? Um die wahre Freiheit zu gewinnen, die sonst vertrocknet vor lauter Sorge ums Erwerben und Zusammenhalten materieller Güter?
Die Parabel vom Hans im Glück fand ich schon als Bub sofort doof – und attraktiv: Wie der Geselle sich frohgemut von allem Besitz löst, zunächst den Goldklumpen eintauscht gegen ein Pferd, dann das Pferd gegen eine Kuh, ein Schwein, eine Gans, schliesslich gegen einen ordinären Schleifstein, der prompt auf den Grund des Ziehbrunnens fällt; und wie Hans daraufhin, erleichtert, jeden Ballast los zu sein, frei und glücklich nach Hause wandert.
Grundstimmung im Land ist gereizt
Der Kleinbürger in mir rümpfte die Nase – wie kann Hans nur so leichtfertig handeln, was hätte er mit dem Gold unternehmen können, eine Firma gründen, Kindern die Ausbildung finanzieren, die Heilsarmee sponsern. Meine andere Seele bewunderte die Radikalität – wie sorglos er hergibt, Hauptsache, sein Herz bleibt froh, sein Gang wird leicht, er kann ja jederzeit wieder arbeiten, Hauptsache, er gewinnt seine innere Freiheit, die Unbeschwertheit des Gemüts.
Und jetzt: Passen wir in diese Parabel? «Zehn Millionen sind genug», forderte die Initiative und nahm in Kauf: Wohlstandsverluste, Wachstumsverzicht, Gürtel enger schnallen. War einer Mehrheit dann doch zu radikal, Initiative abgelehnt, ich weiss. Keine Wiedergeburt von Hans im Glück. Wir trauen dem Glück im Unglück nicht. Noch nicht? Die Grundstimmung im Land bleibt gereizt, skeptisch gegen die ungebremste Steigerungslogik des Fortschritts. Sie variiert stets dieselbe Tonart: «Wir müssen die Sorgen der Leute unbedingt ernst nehmen.» «Die Wachstumsschmerzen sind real.»

Das Leiden am Wachstum. Der Märchenhans war kein Feind von Besitz, nur mass er die Güter an deren Verhältnis zur inneren Vergnügtheit. Der Goldklumpen war absolut mehr wert als das Pferd, doch das läuft halt selbst und liegt dem Wanderer nicht auf dem Buckel. Darum weg mit ihm. Was genau drückt uns? Wir sagen: knapper Wohnungsmarkt, Dichtestress im Verkehr, Migration nicht im Griff, inländische Arbeitskräfte im Nachteil. Ist das alles? Oder kommt etwas ganz anderes hinzu? Dämmert uns, dass die Balance zwischen äusseren Gütern und innerer Zufriedenheit schief hängt?
Weltspitze in der Innovation – und in der Psychiatriedichte
Wir sind Weltspitze in Bildung, Demokratie, Präzision, Gesundheit. Diesen Status zu halten, ist ein ziemlicher Krampf. Und was haben wir davon? Die meisten sind gestresst, jeder Zweite sagt, er sei erschöpft, immer mehr werden depressiv. Feudaler als wir lebten Menschen nie – und doch ist die Schweiz Weltspitze in Psychiatriedichte. Offenbar kommt, gemessen am Aufwand für den Wohlstand, die Wärme und Freude des Lebensgefühls zu kurz. Oder merken wir einfach das Gesetz vom sinkenden Grenznutzen? Warum ist das erste Bier stets soviel besser als das fünfte? Weil wir Durst hatten. Hätten wir wieder mehr Durst dank weniger Wohlstand?
Geht es gar nicht um mehr oder wenig? Im Märchen wird, was Hans hat, stets weniger. Vor allem anders. Hans im Glück liebt die Veränderung. Ob mit Gold oder dem Pferd oder der Gans: das sind andere Lebensarten. In der Leichtigkeit zum Tausch findet er das Glück im Unglück.
Wir eher nicht. Wir tauschen nicht, wir bleiben gern bei dem, was wir haben. Auch wenn es uns sauer als froh macht. Sonst müssten wir uns noch selber verändern, Mamma mia, wo wir doch einzig wollen, dass Schluss ist mit den Veränderungen draussen. Behalten, was wir hatten. Die Schweiz als Ort, an dem sich ungestört und behaglich leben lässt. Wie gestern. Da war ich dabei, gestern. War mässig erfrischend. Und auch wenn das Märchen zweideutig bleibt: Der naive Hans versucht sein Glück erfolgreich da, wo es uns überrascht: nach vorn. Hinge er noch am Gold, wäre auch er ein Fall für Psychiatrie – als Hans im Unglück.
Ludwig Hasler ist Philosoph, Publizist und Buchautor.
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