Spektakulärer Fall Hanning: Luzerner Geheimdienst-Spur führt bis nach Moskau
Wer mit Geheimdienstexperten über die Schweiz spricht, bekommt früher oder später jenen Satz zu hören, den man als Bürger und Bürgerin eigentlich nicht hören will: «Hier wimmelt es vor ausländischen Spionen.»
Dass dies keine masslose Übertreibung ist, zeigen nicht nur diverse Fälle aus der Vergangenheit, bei denen die Schweiz als Knotenpunkt internationaler Nachrichtendienst-Netzwerke auftaucht. Auch der aktuelle Fall des deutschen Ex-Geheimdienstchefs August Hanning legt das nahe.

Sollten sich die Vorwürfe gegen den am Dienstag verhafteten 80-Jährigen bestätigen, handelt es sich um einen der grössten Spionageskandale der jüngsten Geschichte. Hanning steht im Verdacht, Landesverrat begangen zu haben, indem er Geheiminformationen an ausländische Geheimdienste verkaufte.
Aufgrund seiner Position als Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), die er zwischen 1998 und 2005 bekleidete, verfügt Hanning über einen direkten Draht zu praktisch allen grossen Geheimdiensten. Seit Jahren wird ihm nachgesagt, auch nach seiner Zeit beim BND Kontakte mit Agenten aus Israel, China und Russland gepflegt zu haben.
Nun zeigen Nachforschungen von «Schweiz heute», dass insbesondere die Verbindungen nach Moskau enger sein dürften als hierzulande bislang angenommen.
Angst vor internationalen Sanktionen
Eine wichtige Rolle spielen dabei auch die beiden Schweizer Firmen, die im Zusammenhang mit Hannings Verhaftung immer wieder auftauchen. Namentlich System 360 sowie Pluteos in Luzern. Bei Pluteos firmiert der Ex-BND-Präsident noch immer als Verwaltungsratspräsident, bei System 360 ist er erst im Mai als Verwaltungsrat ausgeschieden.

Ein Besuch vor Ort bei den beiden Firmen offenbart, dass Pluteos de facto nur noch auf dem Papier existiert. An der Adresse, die auf der Firmenwebsite angegeben ist, gibt es kein Büro mehr. Und an der Adresse, die im Handelsregister eingetragen ist, hat Pluteos zwar ein Büro, das aber laut mehreren Quellen kaum noch frequentiert wird. Die Firma sei seit über vier Jahren nicht mehr aktiv.
Aus nachvollziehbaren Gründen: Gemäss eigenen Angaben hält der Geschäftsmann Samuel Danilowitsch, der über beste Beziehungen nach Moskau verfügt, mehr als 50 Prozent der Anteile an Pluteos. Wie aus dem Firmenumfeld zu erfahren ist, hatte Danilowitsch die operative Tätigkeit der Firma nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 weitgehend eingestellt – aus Sorge, sie könnte den internationalen Sanktionen zum Opfer fallen.
Verwaltungsrat schweigt zu Eigentümern
Liquidieren wollte Danilowitsch Pluteos allerdings nicht, in der Hoffnung, der Krieg möge bald enden. Dies ist insofern von Bedeutung, als Pluteos über Jahre hinweg als Muttergesellschaft des anderen Unternehmens aus Hannings Netzwerk in Luzern fungierte: System 360. Nach eigenen Angaben ist die Firma auf Background-Checks spezialisiert, etwa bei der Rekrutierung von Kaderleuten.

Heute seien die beiden Unternehmen, die sich zeitweise denselben Sitz teilten, rechtlich komplett voneinander getrennt, betont Wolfgang Maute, der sowohl bei Pluteos als auch bei System 360 im Verwaltungsrat sitzt. Auch hätten beide Firmen nichts mit den Vorwürfen gegen Hanning zu tun.
Seine Mandate wolle er deshalb weiterführen, sagt Maute. «Wir sind bemüht, uns rechtskonform zu verhalten.» Auf Fragen nach der gegenwärtigen Firmen- und Eigentümerstruktur mag der Verwaltungsrat indes nicht antworten – und verweist auf die Abwesenheit einer Deklarationspflicht in der Schweiz.
Aus den Gründen, warum man sich mit Pluteos 2018 ausgerechnet in der Schweiz niedergelassen hat, haben die Verantwortlichen nie einen Hehl gemacht. Nach dem deutschen Gesetz zur Geldwäschebekämpfung hätten sie die Identität der wirtschaftlich Berechtigten seit der Einführung des Transparenzregisters 2017 öffentlich machen müssen. In der Schweiz mussten sie dies bisher nicht. Dies «wäre nach Schweizer Recht wohl sogar unzulässig», liess ein Anwalt im Namen von System 360 dem deutschen Magazin «Stern» einst auf eine entsprechende Nachfrage ausrichten.
Razzien an zwei Standorten in Luzern
Seit vergangener Woche hat sich die Ausgangslage für die Firmenverantwortlichen aber hierzulande verändert. Seit dem 1. Oktober kennt auch die Schweiz ein Transparenzregister, wenngleich dieses nicht öffentlich einsehbar ist. Konkret haben Pluteos und System 360 nun fünf Monate, ihre wirtschaftlich Berechtigten dort einzutragen. Noch sei man dem nicht nachgekommen, verrät Maute, aber der Prozess laufe. «Wir haben ja noch etwas Zeit.»
Inwiefern die beiden Schweizer Firmen mit den Spionagevorwürfen gegen Hanning in Verbindung stehen, müssen nun die deutschen Ermittlungsbehörden klären. Bisher ist nicht bekannt, welche ausländischen Geheimdienste der Ex-BND-Präsident mit Informationen versorgt haben soll.
Fest steht: Im September 2025 wurden im Zusammenhang mit Hannings Verwicklung in den prominenten Prozess gegen die deutsche Steakhouse-Erbin Christina Block auch bei Pluteos und System 360 in Luzern Razzien durchgeführt. Bei diesen Durchsuchungen, die primär Hannings Haus und Firmen in Deutschland betrafen, hatten die Ermittler überhaupt erst den «Beifang» gemacht, der zu den aktuellen Vorwürfen sowie der Verhaftung in dieser Woche geführt hat.
Auffällig bleiben die Spuren, die von Luzern über Umwege nach Moskau führen. Hanning war nach seiner Versetzung in den Ruhestand 2009 immer wieder eng mit einflussreichen Geschäftsleuten aus Russland und dem Kaukasus verbunden. Unter anderem mit dem hierzulande für seine Strabag-Beteiligung bekannten und inzwischen sanktionierten russischen Oligarchen Oleg Deripaska, für den er 2013 vor einem Londoner Gericht als Zeuge aussagte.
Wirtschaftsgipfel in Moskau gesponsert
Dasselbe gilt für Hannings geschäftliches Umfeld. Pluteos-Mehrheitsaktionär Danilowitsch etwa fungierte 2004 zeitweise als Direktor einer Londoner Unternehmung namens Russian Cultural Association Limited – neben zwei russischen Geschäftsleuten und der Tochter eines belgisch-usbekischen Oligarchen.
Auch taucht in Hannings Firmennetzwerk immer wieder der Name Sergej Rubinstein auf, ein deutscher Geschäftsmann, der zwischen 2013 und 2017 für einen russischen Oligarchen aus dem Rohstoffsektor tätig war.
Im Mai 2019 traten die drei Geschäftspartner – Hanning, Danilowitsch und Rubinstein – dann im Namen von Pluteos als Sponsoren eines hochrangigen Wirtschaftsgipfels namens «Club of Three» in Moskau auf. Diskutiert wurden dort etwa die Beziehungen zwischen Europa und Russland, aber auch Sicherheitsfragen und die westlichen Sanktionen.
Hanning selbst hat sich bisher nicht zu den Vorwürfen gegen ihn geäussert. Über seinen Anwalt liess er ausrichten, dass er zwar im Besitz geheimer Dokumente gewesen sei, jedoch keine Informationen zum Nachteil der Bundesrepublik Deutschland an ausländische Geheimdienste weitergeleitet worden seien. Für ihn sowie alle anderen hier erwähnten Personen gilt die Unschuldsvermutung.
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