Wahl aberkannt in Grenchen: Erneuter Eklat in der Solothurner Uhrenstadt
Grenchen. Immer wieder Grenchen.
Am 31. Dezember 2025 übernahm Susanne Sahli (FDP) von ihrem Vorgänger und Parteikollegen François Scheidegger feierlich die Schlüssel für das Grenchner Stadtpräsidium. 169 Tage später wurde sie vom Bundesgericht per sofort ihres Amtes enthoben.
Die höchstrichterliche Absetzung Sahlis von letzter Woche bringt die Solothurner Stadt mit 19'000 Einwohnern erneut in die nationalen Schlagzeilen.
Grenchen ist ein Knotenpunkt der SBB und eine Hochburg der Uhrenindustrie. Doch mit der Pünktlichkeit ist es so eine Sache. Das Bundesgericht setzte die Stadtpräsidentin ab, weil es beim entscheidenden zweiten Wahlgang vom 28. September 2025 zu «erheblichen Verfahrensmängeln» gekommen war.
Einer davon: Die briefliche Stimmabgabe im Briefkasten am Stadthaus ist gemäss Gesetz nur bis Mitternacht vor dem Wahltag möglich. Doch die Leiterin des Wahlbüros entnahm die Stimmcouverts erst am Sonntagmorgen, weil sie «nicht nachts um 24 Uhr einen Briefkasten leeren» gehe.
FDP-Kandidatin Susanne Sahli gewann mit nur 25 Stimmen Vorsprung vor Patrick Crausaz (GLP). Gemäss Bundesgericht liegt es deshalb «im Bereich des Möglichen», dass die Unregelmässigkeiten den Wahlausgang entschieden haben.
Die erfolgreiche Wahlbeschwerde stammt aus der Feder eines Grenchner Stimmbürgers, der auch national mit juristischen Eingaben für Furore sorgt: Elias Vogt, der mit seinem Verein «Freie Landschaft Schweiz» von Bodensee bis Genfersee mit Rekursen gegen Windkraftanlagen kämpft und zwei Volksinitiativen zum Thema eingereicht hat.
Schon der erste Wahlgang der Stadtpräsidiumswahl vom 29. Juni 2025 sorgte für Schlagzeilen. Die SP-Kandidatin zog sich drei Wochen vor der Wahl überraschend zurück. Sie machte «persönliche und gesundheitliche Umstände» geltend. Kurz zuvor hatte ihr Vater, zu dem sie laut eigenen Angaben seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr pflegt, seine Kandidatur als Parteiloser eingereicht.
Grenchen, immer wieder Grenchen.
Ab 1899 wurde die Arbeiterstadt Grenchen während 114 Jahren von sozialdemokratischen Stadtpräsidenten regiert. Der letzte von ihnen war Boris Banga (1991–2013), der zeitweise auch im Nationalrat sass.

Banga war ebenso streitbar wie engagiert. Er sorgte für unzählige Schlagzeilen: Mobbingvorwürfe aus der Stadtverwaltung. Ein Nachbarschaftsstreit wegen eines zu hohen Ahornbaums. Oder polemische Kommentare, die seine Frau unter kritische Artikel eines SVP-nahen Lokal-Onlinemediums absetzte. (Banga sah darin «den grössten Liebesbeweis, den ich je erhalten habe».)
Warum ist die Grenchner Lokalpolitik dermassen skandalträchtig? Farah Rumy hat eine einfache Erklärung: «Die Lösung für viele Probleme in Grenchen», sagt die 34-jährige SP-Nationalrätin aus der Stadt, «ist es, das verkrustete Establishment aufzubrechen».
Grenchen sei zwar der Einwohnerzahl nach eine Stadt, aber es habe einen sehr dörflichen Charakter, sagt Rumy, die nächstes Jahr voraussichtlich als Nationalratspräsidentin zur höchsten Schweizerin gewählt wird. «Es gibt eine ungute Machtkonzentration bei wenigen Personen, die oft aus dem Hintergrund agieren.»

Grenchen hätte grosses Potenzial. Aber viele Einwohner – insbesondere Junge und Menschen mit Migrationshintergrund – fühlten sich von der Lokalpolitik nicht abgeholt. Das zeige sich auch in der tiefen Stimmbeteiligung. «Wir müssen die Partizipation und die Identifikation mit der Stadt stärken», fordert Rumy.
Wann die kassierte Stadtpräsidiumswahl wiederholt wird, steht noch aus. Am Dienstagabend befasste sich der Grenchner Gemeinderat mit dem Bundesgerichtsurteil. Die Bürgerlichen sprachen von einem «Super-GAU», die SP von einem «schmerzhaften Verdikt».
Die Uhrenstadt Grenchen beheimatet auch das Schweizer Krimiarchiv. Der nächste Plot-Twist ist nur eine Frage der Zeit.
Grenchen, immer wieder Grenchen.
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