«Moralischer Tiefpunkt»: Schweizer Politiker zu Fifa-Plan und Blatter-Kritik
Die Idee von Fifa-Präsident Gianni Infantino, einen Teil ihrer kommerziellen Rechte an der WM und anderen Wettbewerben abzutreten, löste in der Fussballwelt ein Erdbeben aus. Nach Bekanntwerden der Pläne haben die Landesverbände des europäischen Verbands UEFA geschlossen mit einem Boykott der WM gedroht, nun hat sie die Fifa zurückgezogen. Kritisch äusserten sich mit Uli Hoeness der Ehrenpräsident des FC Bayern und Sepp Blatter der Vorgänger von Infantino. Gegenüber «20 Minuten» sprach er auch von einem Seelenverkauf.

Doch auch in der Schweizer Bundespolitik bewegt das Thema, zumal die Fifa ihren Sitz in Zürich hat. Ein Beispiel ist SVP-Nationalrat Roland Rino Büchel, der früher für die Fifa verschiedene Marketingprojekte leitete. Für ihn ist klar: Hier hat sich ein Machtkampf zwischen Sportfunktionären abgespielt. «Das ist eine sportpolitische Kalberei, bei der es um viel Geld geht.» Er wolle sich nicht anmassen, die Pläne der Fifa zu bewerten, habe aber Verständnis für Fans, die einen Verrat am Fussball sehen.
«Starkes Stück»
Das von der Fifa geplante Konstrukt mit dem Tochterunternehmen Fifa Forward Enterprise (FFE) hätte auch Vorteile bringen können, findet er aber. «Wenn die Fifa künftig mehr Geld herausholt und weiterhin fair über alle Verbände verteilt, dann kann der Fussball global davon profitieren.» In der neuen Firma hätte die Fifa die meisten Anteile halten sollen. 20 Prozent wären an Private gegangen.
Die Reaktionen von UEFA und besonders von Blatter hält Büchel indes für heuchlerisch: «Gerade die UEFA hat alles gemacht, um ihre Profite kompromisslos zu maximieren, zum Beispiel mit der Geldmaschine Champions League. Dass ausgerechnet Sepp Blatter nun diese Pläne kritisiert, ist ein starkes Stück.» Denn auch Blatter habe bestimmte TV- und Marketingrechte an eine private Firma ausgelagert.
«Kein Halten mehr»: SP will strengere Regeln für die FIFA

Bei der SP spricht Nationalrat Ueli Schmezer von einem weiteren moralischen Tiefpunkt unter der Fifa von Gianni Infantino, bei dem es um Machtausbau und Selbstinszenierung gehe. Ihn stört auch, dass Anteile der neuen Firma an Thrive Capital gehen sollten, eine Firma in den Händen von Joshua Kushner. Der 41-jährige Risikokapitalgeber gehört zum erweiterten Kreis der Familie von US-Präsident Donald Trump, dessen Nähe Infantino immer wieder sucht. «Es gibt offenbar kein Halten und keine Grenzen des Anstands mehr», sagt Schmezer.
Positiv bewertet der Berner hingegen den angedrohten WM-Boykott der Landesverbände der UEFA. Es sei ihre Aufgabe, die Fifa-Spitze zu disziplinieren, wenn diese undemokratisch vorgehe. In ihre Pläne hatte die Fifa die Kontinentalverbände kaum einbezogen.
Schmezer findet, die Schweiz müsse handeln und das Vereinsrecht anpassen. Als in der Schweiz ansässiger Verein profitiert die Fifa seit Jahren von einem reduzierten Steuersatz.
Linke Kräfte fordern seit Jahren, dass sich das ändert, bisher erfolglos. «Es geht hier um milliardenschwere Sportverbände. Wer sich wie ein gewinnmaximierender Konzern aufführt, soll von der Schweiz auch als solcher behandelt werden», sagt Schmezer. Befürworten würde er auch ein der Finanzmarktaufsicht ähnliches Organ, das Verbände wie die Fifa zu mehr Transparenz verpflichtet.
Infantino will nun Verbände zusammenbringen
Neben der UEFA haben sich weitere Kontinentalverbände gegen die Verkaufspläne der Fifa gewehrt. Darunter die Concacaf (Nord- und Zentralamerika, Karibik) und die AFC (Asien), die vor allem das Vorgehen der Fifa kritisierten. Offen für den Vorschlag der Fifa zeigte sich hingegen die CAF (Afrika), die ihre Landesverbände aufforderte, sich mit dem Vorschlag der Fifa zu befassen.
Letztlich gab die Fifa dem Druck nach. Den Rückzug der Pläne gab sie am späten Freitagabend mit einem Statement von Gianni Infantino bekannt. «Nach sorgfältiger Abwägung aller Standpunkte ist deutlich geworden, dass das Projekt zu einer Spaltung geführt hat, die – ungeachtet des Ausmasses der Unterstützung – nicht mehr im Sinne des ursprünglich verfolgten Ziels ist», heisst es darin. Man wolle nun alle Parteien wieder zusammenbringen.
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