­
­
­
­

Die Schweiz ist weniger gespalten, als viele glauben

In Abstimmungskämpfen tun sich Gräben auf. Doch im Alltag zeigt sich: Die Schweiz hält Gegensätze ganz gut aus. Das zeigen das Jodlerfest und die Fussball-Nati.
Grösstes Brauchtumsfest - und das in linker Hochburg: Das Jodlerfest in Basel. (Bild: GEORGIOS KEFALAS)

Je höher die Temperaturen, desto kühler der Kopf? Fast könnte man es meinen. Vor zwei Wochen, als die Schweiz noch bei deutlich angenehmeren Temperaturen über die 10-Millionen-Initiative abstimmte, zeichneten manche Kommentatoren das Bild eines gespaltenen Landes: Stadt gegen Land, links gegen rechts, Moderne gegen Tradition.

Von einer Dauererregung wie in den USA – und zunehmend auch in Deutschland – sind wir jedoch weit entfernt. Was wir sahen, war vor allem ein leidenschaftlich geführter Abstimmungskampf. Dazu gehören Zuspitzung und Polemik.

Ausgerechnet jetzt, wo die Schweiz eine der intensivsten Hitzewellen der letzten Jahre erlebt, zeigt sich eine andere Seite unseres Landes: eine fast mediterrane Coolness, eine erstaunliche Gelassenheit. Vielleicht ist sie sogar ausgeprägter als noch vor ein paar Jahren.

Da ist zunächst die Fussball-Nati. Vor acht Jahren löste der Doppeladler von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri einen Sturm der Entrüstung aus. Als Xhaka die Geste vor dieser WM erneut zeigte, zuckte das Land mit den Schultern. Auch die christlichen Zeichen von Ruben Vargas und Johan Manzambi provozieren kaum Reaktionen. Kein Kulturkampf-Alarm.

Und dann ist da noch das Eidgenössische Jodlerfest in Basel. Die urbane Kulturstadt als Hochburg des Brauchtums? Aber sicher. Tradition und Weltoffenheit vertragen und vermischen sich. Nicht jeder Jodler ist konservativ. Nicht jede Baslerin progressiv. Die helvetischen Milieus sind ausgesprochen durchlässig.

Natürlich öffnen sich Gräben, Heerscharen von Politologen befassen sich damit. Allerdings gab es erbitterte Abstimmungskämpfe schon immer, siehe EWR 1992. Entscheidend ist: Im Alltag funktioniert das Zusammenleben besser, als es die grossen Diagnosen vermuten lassen.

Begünstigt wird diese Entspannung durch ein globales Phänomen: das Ende der Wokeness. Die Zeit, in der jede Geste, jedes Symbol und jede unbedachte Wortwahl sofort zum Politikum wurden, scheint vorbei. Die Toleranz gegenüber Andersdenkenden wächst wieder. Der Liberalismus mag als politisches Konzept unter Druck stehen. Umso bemerkenswerter ist, dass die liberale Gesellschaft an Stärke gewonnen hat: Sie hält unterschiedliche Überzeugungen und Lebensentwürfe besser aus. Sogar in der Gluthitze.

 
Lädt

Schlagwort zu Meine Themen

Zum Hinzufügen bitte einloggen:

Anmelden

Schlagwort zu Meine Themen

Hinzufügen

Sie haben bereits 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

Entfernen

Um «Meine Themen» nutzen zu können, stimmen Sie der Datenspeicherung hierfür zu.

Kommentare
Keine Kommentare

    Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben

Kommentare hinzufügen

Ähnliche Artikel

Abo

Die Schweizer Kreuzkicker: Nati-Stars Manzambi und Vargas dienen als Lockvögel für die Kirche

Der eine wird schon bald Granit Xhaka ablösen. Der andere rechtfertigt die Rolle als Lieblingsschüler von Murat Yakin. Johan Manzambi und Ruben Vargas sind auf einer Mission - mit Jesus im Rücken.
27.06.2026
Abo

Die späte Erlösung dank Jokern – wie die Schweiz zu ihrem ersten WM-Sieg kommt

Die Schweiz gewinnt gegen Bosnien und Herzegowina 4:1 – Trainer Yakin wechselt den Sieg ein.
18.06.2026
Abo

Eine Katarstrophe zum WM-Start: Die Nati kassiert gegen den krassen Aussenseiter in der Nachspielzeit das 1:1

Chancenwucher in der ersten Halbzeit und pomadiges Verhalten gegen Ende der Partie sind verantwortlich für einen Fehlstart in die WM. Unsere Nati schenkt Katar den ersten WM-Punkt in deren Geschichte. Das hat eine peinliche Note.
13.06.2026

Wettbewerb

WM-Meile Vaduz: Fan-Tisch für jedes 1/8-Finalspiel zu ...
WM-Meile 2026

Umfrage der Woche

Arbeiten Sie bei hohen Temperaturen häufiger im Homeoffice?
­
­