Wer ist der Manzambi der Schweizer Politik?
Die Schweiz sucht einen neuen Bundesrat. Was dieses Mal bemerkenswert ist: Gleich zwei Bundesräte mischen sich in die Nachfolge ein. Guy Parmelin, der abtritt, wünscht sich eine Frau zwischen 45 und 49 Jahren. Ob er den potenziellen Kandidatinnen damit einen Gefallen tut, ist fraglich. Wo er aber recht hat: Ein Generationenwechsel wäre eine gute Idee. Und eine Frau ebenso.
Auch Elisabeth Baume-Schneider hat einen Wunsch an die SVP und die Bundesversammlung gerichtet. Für sie ist wichtig, dass Parmelins Sitz in der Romandie bleibt. Die Westschweiz soll weiterhin zwei Vertreter in der Landesregierung haben. Auf Tele Züri erinnerte sie daran, dass es schon lange her sei, dass die Romands nicht zwei Bundesräte stellten.
Anmassende Deutschschweizer Rechnung
Baume-Schneider hat einen Punkt. Für uns Deutschschweizer lautet die gängige Formel: fünf Deutschschweizer, zwei Lateiner. Dabei werfen wir Romands und Tessiner in einen Topf, was ziemlich anmassend ist. Beide sind sprachliche Minderheiten. Der Austausch zwischen diesen Landesteilen ist deswegen aber nicht intensiver als jener mit der Deutschschweiz.
Der Blick ins Bundesratslexikon ist jedenfalls interessant. Das letzte Mal, dass die Westschweiz nur einen Bundesrat stellte, liegt 56 Jahre zurück. Die Konstellation fünf Deutschsprachige, ein Romand und ein Tessiner gab es zuletzt von 1967 bis 1970.
Trotzdem sind Baume-Schneiders Befürchtungen zu relativieren.
Erstens ist damit zu rechnen, dass der Tessiner Ignazio Cassis eher früher als später zurücktritt. Kann die FDP nach den nächsten Wahlen ihren zweiten Sitz halten, könnte sie diesen mit einem Romand besetzen. Das würde ihr ohnehin gut anstehen: In der Westschweiz ist die FDP mittlerweile relevanter als in der Deutschschweiz.
Zweitens hat eine andere Frage zu Recht an Bedeutung gewonnen: jene nach der Vertretung der Frauen. Die Bundesverfassung verlangt, dass Landesgegenden und Sprachregionen angemessen berücksichtigt werden. Von den Geschlechtern steht dort nichts. Trotzdem gehört es mittlerweile zum Konsens, dass mindestens drei Frauen in die Regierung gehören. Seit dem Rücktritt von Viola Amherd sind es nur noch zwei. Und der historische Nachholbedarf ist beträchtlich. Seit 1848 gab es gerade einmal zehn Bundesrätinnen.
Die Westschweiz dagegen war gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil historisch gut vertreten. Auch das ist richtig so. Die Mehrheit tut gut daran, Minderheiten zu schützen.
Plötzlich waren die Lateiner in der Mehrheit
Drittens hat die Bundesversammlung die sprachregionale Arithmetik bei den letzten Wahlen selbst ziemlich entspannt gehandhabt. Als Guy Parmelin 2015 gewählt wurde, sassen plötzlich drei Romands im Bundesrat. Dass das Parlament lieber einen dritten Westschweizer als den Deutschschweizer Thomas Aeschi wählte, dürfte die SVP-Parteileitung am wenigsten erwartet haben.
Bei der Wahl von Elisabeth Baume-Schneider 2022 wurde es noch bemerkenswerter: Mit ihr, Alain Berset und Parmelin regierten drei Romands, dazu kam der Tessiner Cassis. Die Deutschschweiz war plötzlich in der Minderheit. Von wegen angemessene Vertretung der Sprachregionen.
Die Schweiz hat diese Episode gut überstanden. Und sie wird es auch überstehen, wenn die Romandie für kurze Zeit nur mit einem Bundesrat vertreten sein sollte. Benachteiligt wurde sie zuletzt mit Bestimmtheit nicht. Die jüngsten Wahlen zeigen vielmehr: Die Schweiz hat einen erstaunlich entspannten Umgang mit der Herkunftsfrage entwickelt. Besonders laut wird sie meistens dann bemüht, wenn sie politisch gerade nützt.
Die Nati wird gerade von der Westschweiz übernommen
Mittelfristig ist es trotzdem wichtig, dass die Romandie wieder zwei Bundesräte stellt. Knapp ein Viertel der Bevölkerung lebt dort. Und die Diskussion um das Frühfranzösisch zeigt, wie sensibel das Verhältnis zwischen den Sprachregionen bleibt.
Noch ist Parmelins Nachfolge ohnehin nicht geregelt. Abschreiben sollte man die Romands keineswegs. Falls sie ihren zweiten Sitz verlieren, gibt es aber einen Trost: In der Fussball-Nati übernehmen gerade die Welschen.
Spieler wie Johan Manzambi, Winsley Boteli, Zachary Athekame, Alvyn Sanches, Zeki Amdouni, Dan Ndoye oder Denis Zakaria lassen die Schweiz träumen – über die Sprachgrenzen hinweg.
Für den Zusammenhalt ist das womöglich mindestens so wertvoll wie die Zusammensetzung des Bundesrates. Bleibt nur eine Frage: Welcher Westschweizer Politiker löst bei Deutschschweizer Jugendlichen so viel Begeisterung aus wie Johan Manzambi? Wenn sich einer findet, wäre vielleicht sogar die Debatte ums Frühfranzösisch erledigt.
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