Wegen Temu & Co.: Altkleider-Geschäft steht vor dem Kollaps
Sascha Sardella rümpft die Nase. Aus dem aufgerissenen Kleidersack kommt ihm allerlei entgegen: T-Shirts, die nach Keller miefen, Frottiertücher – und eine dreckige Unterhose. Er fischt eine dunkelblaue Badehose mit Flamingo-Print aus dem Haufen. «Höchstens zweimal getragen», sagt er. Wiederverwerten könne man sie trotzdem kaum. Sardella deutet auf das Primark-Label: Die Qualität sei einfach zu schlecht.
Altkleider in Plastiksäcken – das ist der Rohstoff, mit dem Sardella täglich arbeitet. Er ist Betriebsleiter bei Tell-Tex, jenem Sammelunternehmen, dessen Container in der ganzen Schweiz stehen. An diesem Mittwochnachmittag herrscht auf dem Areal des Recyclinganbieters Kurz Altmetall AG reger Betrieb. Lastwagen und Betonmischer fahren unter der Zürcher Hardbrücke ein und aus. Hier wird auch der Inhalt der Tell-Tex-Container verladen und in ausländische Sortierwerke transportiert.
Doch das Geschäft wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Heute ist es darauf ausgerichtet, dass die Kleider entweder weiterverkauft oder wiederverwertet werden können – etwa zu Putzlappen oder Autositzen. Doch: «Während die Sammelmenge steigt, wird die Qualität der Kleidung immer schlechter», sagt Sardella.

Er nimmt einen Rock aus der Sammlung und dehnt ihn auf die doppelte Breite. «100 Prozent Polyester.» In Osteuropa liesse sich das Stück vielleicht noch verkaufen – ansonsten werde es verbrannt. Oft sind es Stücke von Billiganbietern wie Temu und Shein, die in der Kehrichtverbrennung enden.
«Wegen der Flut an Billigware bricht der Altkleidermarkt zusammen», warnt Sardella. Europäische Sammelbetriebe stellen den Betrieb ein oder zahlen immer weniger für die Ware. Das Sammeln lohne sich kaum noch. «Allein im letzten Jahr hatten wir einen Preiseinbruch von 40 Prozent.»
Politik fordert eine Branchenlösung
Die Warnungen haben die Politik auf den Plan gerufen. Die Zürcher FDP-Nationalrätin Regine Sauter sieht die Lösung in einer neuen Branchenvereinbarung. Die Organisation Fabric Loop stünde schon bereit, um diese umzusetzen. Sie schlägt eine Recycling-Abgabe für Kleidungsstücke vor, die beim Kauf bezahlt würde. Diverse Schweizer Detailhändler und Marken sind an Bord, darunter Migros und Coop.
«Ähnlich wie beim PET-Recycling soll man es auch hier der Branche überlassen, die Wiederverwertung zu organisieren, und nicht auf Lösungen durch den Staat setzen», sagt Sauter. Die Politik brauche es dennoch: Nur mit einer gesetzlichen Grundlage wären die Regeln auch für ausländische Onlinehändler wie Temu und Shein verbindlich.
Die Abgabe soll dann das gesamte Recyclingsystem vorfinanzieren: «Von der Konsumenteninformation bis zur Sammlung, Sortierung, Recycling und Reparatur», sagt Nina Bachmann, Präsidentin von Fabric Loop. Die operative Umsetzung würde ausgeschrieben. Für den Start wäre ein Pauschalbetrag denkbar: In Frankreich liegt dieser laut Bachmann zwischen 20 und 70 Cent pro Kilo, was etwa vier bis 15 Rappen pro T-Shirt entspricht.
90 Prozent aus dem Ausland
Am kommenden Mittwoch entscheidet der Nationalrat über Sauters Forderung. Mitglieder aller Fraktionen unterstützen sie, auch der Bundesrat empfiehlt die Annahme. Widerstand kommt von SVP-Nationalrat Erich Hess. Ihm gehe es um eine Grundsatzfrage, sagt er. «Der Staat kann sich nicht überall einmischen.» Die Branche müsse eine Lösung finden ohne politisches Eingreifen.
Für die Textilsammler ist die Einbindung der ausländischen Konkurrenz jedoch entscheidend. «Eine Besonderheit des Textilmarktes ist, dass über 90 Prozent der Ware von ausländischen Unternehmen stammen», sagt Nina Bachmann. Allein Temu und Shein knacken laut dem Beratungsunternehmen Carpathia die Grenze von einer Milliarde Franken Umsatz in der Schweiz. «Wir brauchen eine verbindliche Regelung, um Trittbrettfahrer einzubinden», so Bachmann.

Mit der Abgabe könnten auch neue Recyclingtechnologien gefördert werden. Heute werde primär für den Secondhand-Markt sortiert, erklärt Bachmann. «Eine Chanel-Tasche wird für den Weiterverkauf aussortiert – die defekte 100-Prozent-Baumwollbettwäsche aber nicht fürs Faser-zu-Faser-Recycling.» Dabei gäbe es dafür bereits Abnehmer.
«Leute wollen etwas Gutes tun»
Sardella hofft auf die Schützenhilfe aus Bern: «Ohne die Branchenlösung Fabric Loop gibt es die heutige Altkleidersammlung vielleicht noch drei bis vier Jahre. Was kommt danach?» Ein Kollaps des heutigen Sammelsystems könne nicht im Interesse der Bevölkerung sein: «Die Leute werfen ihre Kleider in diese Container, mit der Absicht, etwas Gutes zu tun.»
Unter dem Kleiderberg finden sich denn auch immer wieder Perlen. Sardella riecht an einem Stapel T‑Shirts: «Die sind so gut gewaschen, die könnten direkt ins Regal.» Es sind die Ausnahmen, von denen das System noch lebt – und die im wachsenden Berg aus Billigware immer seltener werden.
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