Entlassungen bei Tamedia: «Viele haben schlaflose Nächte»
Die Reden sind geschwungen, die Transparente wieder eingerollt, die Protestaktion vor dem Tamedia-Redaktionsgebäude schon fast vorbei, da geraten SP-Nationalrätin Jacqueline Badran und Tamedia-Mediensprecher Edi Estermann aneinander.
«Entschuldige dich!», herrscht ihn Badran an. «Bei wem?», will Estermann wissen. Badran: «Ja, bei wem wohl? Bei der Belegschaft!» Der Schlagabtausch geht noch eine Weile weiter, dann wendet sich Estermann von Badran ab und den wartenden Journalisten und Journalistinnen zu.
Mehrere Dutzend Menschen haben sich am Dienstagmittag vor dem Tamedia-Gebäude an der Werdstrasse in der Stadt Zürich zum Protest eingefunden. Sie schwenken Transparente, halten Plakate hoch. «Kein Journalismus ohne Journalist:innen», steht auf einem. «Sparen ist kein Geschäftsmodell», auf einem anderen. «Journalismus statt KI – Stopp Entlassungen jetzt», heisst es auf dem grössten Transparent, das die Protestierenden gemeinsam entrollen.

Die Redaktionen von Tamedia riefen zum Protest auf, nachdem die Geschäftsleitung am 5. Oktober angekündigt hatte, 41 Angestellte zu entlassen. Die allermeisten davon sind in journalistischen Berufen tätig. 75 Prozent der Stellen werden in der Deutschschweiz, 25 Prozent in der Romandie abgebaut.
«Das fühlt sich scheisse an, es ist überhaupt nicht lustig», sagt Alexandra Aregger, Reporterin Tamedia.
Gegenüber Watson sagt Aregger, die den täglichen Tamedia-Podcast «Apropos» moderiert: «Vielen Kollegen und Kolleginnen geht es nicht gut, viele haben schlaflose Nächte.» Noch hat die Geschäftsleitung nicht kommuniziert, wer Tamedia verlassen müssen wird.
Aregger ist seit 2022 bei Tamedia als Journalistin angestellt, hat also auch schon die Entlassungen 2023 (Abbau von 48 Stellen) und 2024 (Kündigung von mindestens 25 Personen) miterlebt. «Es ist frustrierend, dass es Jahr für Jahr aufs Personal abgewälzt wird, das kann nicht sein», sagt Aregger.

Was den Journalistinnen und Journalisten bei den Zeitungen von Tamedia besonders sauer aufstösst: Nach der letzten grossen Entlassungswelle im September 2024 hatte Tamedia versprochen, während zwei Jahren keinen Mitarbeitenden zu kündigen. Daran hielt sich der Verlag. Aber nur fünf Tage, nachdem die Frist ausgelaufen war, folgte der neueste Kahlschlag.
«Ich verstehe den Frust der Kollegen und Kolleginnen», sagt Tamedia-Sprecher Edi Estermann gegenüber Watson. Es sei eine schwierige Zeit für alle Beteiligten, Tamedia befinde sich in einem Transformationsprozess. Darum könne Tamedia dieses Mal auch keinen neuen Entlassungsstopp aussprechen, sagt Estermann. Heisst das umgekehrt, dass in den nächsten zwei Jahren weitere Entlassungen folgen werden?
«Ich glaube nicht daran, dass in den nächsten zwei Jahren keine weiteren Leute entweder entlassen oder nicht ersetzt werden», sagt Edi Estermann.
Man könne das nicht schönreden, das sei die Realität, sagt Estermann und fügt an: «Journalismus bei Tamedia muss sich selbsttragend finanzieren». Das sei das, was Tamedia mit der Transformation und also auch den Entlassungen anstrebe.

Tatsache ist allerdings, dass der Journalismus bei Tamedia zurzeit selbsttragend ist. Der Halbjahresbericht der TX Group weist für das Unternehmenssegment Tamedia, das aus allen Bezahlzeitungen von Tamedia besteht, eine Marge von 2,7 Prozent aus. Anders formuliert: Die Journalistinnen und Journalisten der Zeitungen von Tamedia erwirtschaften Gewinn.
Es ist ein weiterer Punkt, der die Tamedia-Angestellten wütend und fassungslos macht. Der Verlag entlässt Journalisten und Journalistinnen, obwohl die Bezahlzeitungen Gewinn machen. Watson wollte von Sprecher Estermann wissen, warum das so ist. Trotz zweimaligen Nachfragens blieb er unkonkret.
Genau das ist es auch, was SP-Politikerin Jacqueline Badran vor das Tamedia-Gebäude getrieben hat, um ihre Solidarität zu bekunden. Sie führt aus, dass Journalismus schon immer aus einer Mischung aus Abos und Inseraten finanziert worden sei.
Dass die Führung der TX Group rund um Verwaltungsratspräsident Pietro Supino jetzt so darauf poche, dass Journalismus selbsttragend sein müsse, bezeichnet Badran als «ahnungslos» – zumal die TX Group mit Online-Kleinanzeigen ja gutes Geld mache: «Diese sollten den Journalismus finanzieren und nicht die Dividende von Herrn Supino.»

Tamedia-Reporterin Alexandra Aregger ist wichtig, dass aus der Protestaktion keine Trauerfeier wird. «Es geht heute nicht darum, Tamedia ins Grab zu tragen. Wir glauben an uns!», sagt sie in ihrer Rede und erntet dafür Applaus. Am Ende der Protestaktion skandiert die Menschenmenge: «Stoppt die Entlassungen!»
Von Verwaltungsratsdirektor Pietro Supino wünscht sich Aregger eine Perspektive, wo es mit dem Unternehmen hingehe. «Wir machen diesen Beruf nämlich wahnsinnig gerne», sagt Aregger.
Wenige Stunden nach dem Protest scheint die Antwort von Tamedia klar. Ab 16:30 Uhr folgten erste Anrufe an Journalistinnen und Journalisten, dass sie am folgenden Tag entlassen würden.
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