Jedes Jahr wieder von vorn: Warum sich Volley Toggenburg das antut
Maja Hedinger, Präsidentin von Volley Toggenburg, nennt auf der Website des Beratungsbüros EruMa AG in Ulisbach, das sie zusammen mit ihrem Mann führt, Troubleshooting im Elektrokomponentenbereich der Luftfahrt als Kompetenz. Troubleshooting ist auch in ihrem Amt im Volleyball oft gefragt. Manchmal ist es gleichzeitig Sisyphusarbeit. Und das alles mit einem Ziel: die Region Toggenburg in der NLA der Frauen zu halten, damit der Nachwuchs eine Perspektive hat. Das ist alles andere als selbstverständlich und gleicht jedes Jahr einem Ritt auf der Rasierklinge.
«Mit 250'000 Franken haben wir ein sehr kleines Budget zur Verfügung», erläutert die Präsidentin. Die Konkurrenz könne teilweise viel mehr Mittel einsetzen. Rund die Hälfte des Budgets fliesse in die NLA-Equipe, der Rest in die Nachwuchsarbeit. Damit könnten keine grossen Sprünge gemacht werden. «Um in der NLA einigermassen konkurrenzfähig zu sein, benötigen wir mindestens drei gute Ausländerinnen», ergänzt Hedinger. Mit dem bescheidenen Budget ist die Suche nach spielstarken ausländischen Spielerinnen extrem anspruchsvoll. Die meisten wechseln nach einem Jahr wieder, erachten Volley Toggenburg nur als Zwischenstation.

Gleichzeitig ziehen talentierte junge einheimische Spielerinnen wegen ihrer Ausbildung häufig weg. So zeigt sich vor der neuen Saison, die am 11. Oktober mit dem Auswärtsspiel in Schaffhausen beginnt, das gewohnte Bild: Drei Schweizer Spielerinnen (Jill Joos, Alina Marty und Laura Gassmann) sind vom letztjährigen Kader geblieben, elf Spielerinnen nicht mehr dabei. Vier neue Ausländerinnen (Ema Stikic aus Serbien, Maia Rackel aus den USA, die Portugiesin Nataliya Herasymiv und die Norwegerin Josefine Sorland Oires) sind gekommen und mit ihnen die Hoffnung, dass sie das Team anführen und mitreissen können.
Der Ligaerhalt als höchstes Ziel
Seit dem letzten Aufstieg in die NLA im Jahr 2019 haben immerhin rund zehn Nachwuchsspielerinnen den Sprung ins Fanionteam geschafft. Wer für Volley Toggenburg spielt, weiss, dass der Ligaerhalt das höchste der Gefühle ist. Seit der Saison 2009/10 hat das Team stets den 8., den 9. oder den 10. Rang belegt und ist zweimal abgestiegen (2010 in der Barrage, 2016 freiwillig). «Auch in der kommenden Spielzeit ist unser Ziel der Ligaerhalt», sagt Hedinger, die zugleich Managerin des NLA-Teams ist. Seit einem halben Jahrhundert ist sie mit dem Volleyballsport verbunden, in allen denkbaren Funktionen, früher auch als Spielerin.
Sie geht mit einem gewissen Optimismus in die neue Meisterschaft: «Ich habe den Eindruck, dass Spielerinnen und Staff rasch zusammengewachsen sind und eine verschworene Einheit bilden können.» Nicht nur viele Spielerinnen sind neu, auch die Trainer. Headcoach ist der 60-jährige Italiener Eraldo Buonavita. Er bringt die Erfahrung von 28 Saisons als Trainer mit, u.a. in Cheseaux und Lugano. Auch er hat oft den Verein gewechselt, 22-mal gesamthaft. Hedinger ist deswegen nicht beunruhigt: «Im Volleyballsport gibt es viele personelle Rochaden. Man kann die dadurch gesammelte Erfahrung auch als Pluspunkt sehen.» Buonavita schenke im Training den grundlegenden Fähigkeiten der Spielerinnen viel Beachtung, korrigiere sofort, gehe auf jede ein. Das gefalle ihr.

Er soll länger als ein Jahr bei Volley Toggenburg als Trainer wirken und dabei – zusammen mit seinem österreichischen Assistenzcoach Celebi Harmanci, der zugleich hauptverantwortlicher Trainer der 1.-Liga-Equipe von Volley Toggenburg ist – auch im Nachwuchsbereich Akzente setzen. In den Testspielen haben die Toggenburgerinnen gegen den NLB-Club Glaronia gewonnen, gegen NLA-Konkurrent Cheseaux auf Augenhöhe gespielt und gegen NLA-Konkurrent Pfeffingen das Nachsehen gehabt. Hedinger rechnet damit, dass ihr Team mit Aarau, Cheseaux, Genf und Franches-Montagnes die zwei Teilnehmer am Playout ausmachen werde, dessen Verlierer die Barrage gegen das beste aufstiegswillige NLB-Team zu absolvieren hat. Als mögliche Anwärter auf den Meistertitel nennt Hedinger die Meister Neuchâtel, Düdingen, Schaffhausen und Pfeffingen.
Die Halle bleibt ein Problem
Was die Präsidentin ebenfalls umtreibt, ist die prekäre Hallensituation in Wattwil. Die meisten Heimspiele wird Volley Toggenburg in der Rietsteinhalle austragen, zwei in der Rietwishalle. Das erste Heimspiel gegen Aarau am 18. Oktober ist eines der beiden. Immerhin konnte Volley Toggenburg in den vergangenen Schulferien – entgegen der zunächst kommunizierten Regelung – doch noch in der Rietsteinhalle trainieren. Auflage: Der Verein musste die Halle nach jedem Ferientraining reinigen. «Es ist ein kleiner Fortschritt», sagt Hedinger. Und schon drohen weitere Sorgenfalten: Im nächsten Jahr werde die Halle erst ab 18 Uhr zur Verfügung stehen, wodurch vor allem Trainingsmöglichkeiten für den Nachwuchs wegfielen. Lösung offen.
Was zur Gretchenfrage führen muss: Ist es unter den geschilderten Rahmenbedingungen überhaupt sinnvoll, jedes Jahr einen riesigen Aufwand zu betreiben, nur um irgendwie den Verbleib in der NLA sicherzustellen, zum Teil mit Glück, weil sich Ligakonkurrenten freiwillig zurückziehen? Maja Hedinger überlegt und sagt: «Jein». Sie würde sich mehr Unterstützung aus der Bevölkerung und der regionalen Wirtschaft wünschen, damit das Pendel zur Antwort Ja ausschlägt. Der grosse Unterschied von Volley Toggenburg in der NLA zu Sisyphus in der griechischen Mythologie: Dieser kann nicht freiwillig aufhören, seinen Stein den Berg hinaufzurollen – weil es eine göttliche Strafe ist.
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