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«Tiger hat nichts falsch gemacht»: Das sagt der Chef des Plättli Zoos zum tödlichen Angriff in England

Ein Mann ist in Yorkshire in eine Tiger-Anlage eingedrungen und hat sein Leben verloren. Hatte der Mann überhaupt eine Chance? Hätte man den Tiger töten müssen? Christoph Wüst, Betriebsleiter des Frauenfelder Plättli Zoos, der ebenfalls Raubkatzen hält, nimmt Stellung.
von Daniel Walt
So faszinierend wie gefährlich: sibirische Tiger. (Bild: Symbolbild: Keystone)
Christoph Wüst, Betriebsleiter im Frauenfelder Plätti Zoo. (Bild: Archvibild: Niklas Thalmann)
Im Frauenfelder Plättli Zoo gibt es keine Tiger mehr, dafür aber Löwen. (Bild: Archivbild: Andrea Stalder)

Es sind verstörende Szenen, die im Netz die Runde machen: Ein junger Mann sitzt in einem Aussengehege des Wildparks von Yorkshire im Gras – Auge in Auge mit Altai, einem sibirischen Tiger. Er redet auf das Raubtier ein, scheint es mit erhobenem Zeigefinger zu ermahnen, ihn nicht anzugreifen. Der Tiger seinerseits begutachtet den Mann, der in sein Revier eingedrungen ist, mit einer gewissen Neugier, wie es scheint. Videos zeigen, wie Altai den Mann wiederholt mit seinen riesigen Pranken berührt, ihn umstösst, nach ihm schnappt:

Der Vorfall geht für den Mann tödlich aus: Obwohl Tierpfleger offenbar mehrere Warnschüsse abfeuern, erliegt der Mann den Verletzungen, die ihm der Tiger zufügt.

«Noch keinen kennengelernt, der überlebt hat»

Christoph Wüst, Betriebsleiter im Frauenfelder Plättli Zoo, hat langjährige Erfahrung mit Raubtieren. Bis 2010 hielt der Plättli Zoo ebenfalls Tiger, aktuell gibt es dort Löwen und Pumas zu sehen. «Ich habe noch keinen kennengelernt, der in einer solchen Situation überlebt hat», sagt er auf die Frage, ob der junge Mann auch nur die geringste Chance hatte. Generell gelte es, möglichst die Ruhe zu bewahren. «Aber sagen Sie das mal jemandem, der sich einem Tiger gegenübersieht!»

Aufgrund der Aufnahmen geht Wüst nicht davon aus, dass Tiger Altai den Mann als Futter oder Gefahr betrachtete, sondern vielmehr als Spielobjekt. «Sonst wäre er wohl sofort auf ihn losgegangen beziehungsweise hätte ihn rasch getötet», so Wüst. Doch Tiger spielten auf eine andere Art, als wir Menschen es uns gewohnt seien: Prankenschläge oder Bisse eines Raubtieres gehen laut Wüst meistens tödlich aus, selbst wenn der Tiger das vielleicht gar nicht beabsichtigt hat. «Da steckt so viel Kraft mit drin.»

Christoph Wüst, Betriebsleiter im Frauenfelder Plätti Zoo. (Bild: Archvibild: Niklas Thalmann)

Den Tiger rechtzeitig erlegen? «Das ist kein schöner Job»

Auf die Frage, inwieweit Zooangestellte das Schlimmste vielleicht noch hätten verhindern können, sagt Christoph Wüst: «Eine Möglichkeit ist es, Lärm zu erzeugen – beispielsweise mit Knallkörpern, dem Abfeuern von Gummischrot oder dem Entleeren eines Feuerlöschers.» Dann könne es passieren, dass das Raubtier erschrecke und sich zurückziehe.

Zu Stimmen, die finden, man hätte den Tiger mit einem Präzisionsschuss rechtzeitig töten müssen, hält der Plättli Zoo-Betriebsleiter fest: «Das ist kein schöner Job und muss immer der letzte Schritt sein.» Dies auch vor dem Hintergrund, dass der Tiger dem Menschen je nach Situation sogar noch schlimmere Bissverletzungen zufüge, wenn einem kein Blattschuss gelinge.

Kein direkter Kontakt zwischen Raubtieren und Pflegern

Im Plättli Zoo ist es in den vergangenen 20 Jahren, die Christoph Wüst überblicken kann, noch zu keinen heiklen Situationen zwischen Besucherinnen und Besuchern sowie Raubtieren gekommen. «Unsere Puma-Anlage ist komplett geschlossen.» Und um ins Löwengehege zu gelangen, müsste man einen vier Meter hohen Zaun überwinden, der zudem auch noch mit Strom gesichert ist.

Auch für die Sicherheit der Tierpflegerinnen und -pfleger hat der Plättli Zoo vorgesorgt: «Zu einem direkten Kontakt zwischen ihnen und den Raubtieren kommt es nie», sagt Christoph Wüst. Während die Pfleger arbeiten, befinden sich die Tiere entweder in einer zweiten Anlage oder im Stall. Zudem sorgt ein Schleusensystem für noch mehr Sicherheit.

Im Frauenfelder Plättli Zoo gibt es keine Tiger mehr, dafür aber Löwen. (Bild: Archivbild: Andrea Stalder)

«Altai darf nicht bestraft werden»

Zurück nach England. Weshalb der junge Mann ins Tigergehege gestiegen war, ist nun Gegenstand von Ermittlungen. Christoph Wüst seinerseits kennt Fälle, in denen Menschen mit suizidalen Absichten in Raubtier-Gehege eingedrungen sind – oder weil sie sich einem Tier besonders verbunden fühlten.

Der Zoo in Yorkshire seinerseits äusserte seine tiefe Betroffenheit über den Tod des Mannes – und versicherte auf vielfache Nachfrage gleichzeitig, Tiger Altai werde aufgrund des Vorfalls nicht eingeschläfert. Für Christoph Wüst ist das der einzig richtige Entscheid: «Der Tiger kann nichts dafür, dass der Mann in sein Gehege eingedrungen ist. Altai hat sich so verhalten, wie es ein Tiger nun mal tut, und hat nichts falsch gemacht. Deshalb darf er nicht bestraft werden.»

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/ostschweiz/tiger-angriff-in-yorkshire-das-sagt-der-chef-des-plaettli-zoos-art-766421

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