Mehr als Sprachförderung: Kinderärztinnen und -ärzte kritisieren St.Galler Kleinkind-Sprachtest
Wie viel frühe Förderung ist angemessen? Über diese Frage streitet sich die St.Galler Politik schon länger. Schon vor dem Eintritt in den Kindergarten können Entwicklungsdefizite entstehen. Eine obligatorische Untersuchung, wie sie die Regierung dem Kantonsrat vorgeschlagen hat, kann spätere teurere Therapien verhindern. Doch die Kosten eines Pflichttermins waren dem Kantonsrat zu hoch.
Nun hat die vorberatende Kommission nachgearbeitet – und kommt zum Schluss: Ein obligatorischer Erstkontakt mit einer Fachperson wäre mit unverhältnismässigem Aufwand verbunden. Anstelle davon sollen die Eltern einen Fragebogen zum Sprachstand ihrer Kinder ausfüllen. Das sei niederschwelliger und günstiger und habe sich in anderen Kantonen bewährt, schreibt die Kommission.
Die Kritik liess keinen Tag auf sich warten: Am Mittwochabend hat sich der Verein Ostschweizer Kinderärzte (VOK) in einem offenen Brief an die Mitglieder des Kantonsrats gewandt. Der VOK begrüsst zwar das Handeln grundsätzlich, erachtet die Idee aber nur als Minimallösung.
Warnung vor Fokus auf Sprache
«Aus kinderärztlicher Sicht greift die vorgeschlagene Lösung mit einer Sprachstanderhebung mittels Elternfragebogen deutlich zu kurz», schreibt der Verein in einer dem Brief beiliegenden Mitteilung. Im Offenen Brief führt er aus: «Aus fachlicher Sicht bleibt dieser Ansatz deutlich hinter einem ganzheitlichen Erstkontakt zurück.» Die Sprache sei ein wichtiger Entwicklungsbereich, eine Sprachstanderhebung allein könne jedoch relevante Auffälligkeiten in der sozialen, emotionalen, kognitiven oder motorischen Entwicklung nicht zuverlässig erfassen.
Erfahrungen würden zudem zeigen, dass nicht alle Kinder und Familien gleich gut erreicht würden. Das Kindeswohl müsse bereits in den ersten Lebensjahren im Zentrum stehen. «Wir sollten nicht warten, bis Entwicklungsprobleme oder belastende Lebensumstände erst beim Eintritt in den Kindergarten sichtbar werden.»
Den Vorschlag der vorberatenden Kommission bezeichnet der VOK als «ersten, kleinen Schritt»: Lösungen müssten mehrheitsfähig sein – vor diesem Hintergrund unterstütze der VOK den aktuellen Vorschlag im Sinne einer Minimallösung. Der Verein hofft allerdings darauf, dass daraus mit der Zeit eine umfassendere Frühe Förderung entstehen kann.
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