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Drogen, Sex und Sackgeld: Der Elternguide fürs St.Galler Open Air

Ihre 15-jährige Tochter geht zum ersten Mal ins Sittertobel? Ihr 16-jähriger Sohn will am Festival übernachten? Auf vielfachen Wunsch bringen wir sie erneut: Unsere allseits geschätzte Anleitung für besorgte Eltern.
Am Open Air wird nicht mehr gebechert als an einem durchschnittlichen Dorffest. (Bild: Urs Bucher)
(Bild: Urs Jaudas)
(Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)
(Bild: Michel Canonica)
(Bild: Manuel Lopez/Keystone)
(Bild: Benjamin Manser)
(Bild: Luca Linder)
(Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)
(Bild: Imago Images)
(Bild: Anthony Anex/Keystone)

Alkohol

(Bild: Urs Jaudas)

Versuchen Sie nicht, Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter ein Abstinenzversprechen abzuringen; sie werden es sowieso nicht halten. Der Alkoholkonsum am Open Air ist generell hoch, es wird aber nicht mehr gebechert als an einem durchschnittlichen Dorffest. Dafür sind die Preise zu hoch und die Regeln zu restriktiv (mitbringen darf man nur noch drei Liter pro Person). Schnapsleichen sind deshalb erstaunlich selten. Und im Zweifelsfall leisten die Sanitäter vor Ort professionelle Arbeit.

Drogen

(Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone)

In den Open-Air-Anfängen flanierten die Haschisch-Verkäufer noch mit Bauchladen über das Gelände, der Joint gehörte zu den Standard-Requisiten des Festivalgängers. Auch Heroin war ein Thema, in den 1980er-Jahren wurden offiziell frische Spritzen verteilt. Diese Zeiten sind vorbei, die Grasraucher kriechen nur noch vereinzelt unter ihren Batik-Baldachinen hervor, König Alkohol regiert das Fest (--> Alkohol).

Sex

(Bild: Michel Canonica)

Ein Festival ist eine erotische Ausnahmesituation, ein schulter- und bauchfreies Dauerbalz-Happening. Für Adoleszente im hormonellen Dauerstress ist das schlimmer als eine Matheprüfung. Die Fachstelle für Aids- und Sexualfragen verteilte auf dem Gelände schon 7000 Kondome. Wie viele davon tatsächlich für den Ernstfall verwendet werden, ist unklar. Noch weht zwar der etwas verwaschene Geist von Woodstock im Sittertobel, doch die jahrelangen Präventionskampagnen gegen HIV, Hepatitis und ungewollte Schwangerschaften tragen mittlerweile Früchte: Für freie Liebe unter freiem Himmel ist die Jugend von heute definitiv zu züchtig. Open-Air-Schwangerschaften sind deshalb etwa gleich rar wie Goldnuggets in der Sitter.

Musik

(Bild: Manuel Lopez/Keystone)

Die Welt wird immer lauter, nur die Festivals nicht. Seit 1996 ist in der Schweiz die Schall- und Laserverordnung in Kraft, die Pegel an öffentlichen Veranstaltungen sind seither auf 100 Dezibel begrenzt. Das schützt aber nicht vor Ohrenschäden. Wer vier Tage ununterbrochen vor der Bühne steht, geht garantiert mit einem Tinnitus nach Hause. Ohrenstöpsel sind deshalb ein Muss (und werden überall verteilt). 

Sicherheit

(Bild: Benjamin Manser)

Grosse Menschenansammlungen lösen mittlerweile bei vielen ein mulmiges Gefühl aus. Die St.Galler Festivalleitung legt aber schon seit Jahren grossen Wert auf ein striktes (und erfolgreiches) Sicherheitsregime: Private Fahrzeuge kommen nicht einmal in die Nähe des Festivals, die Eingangskontrollen sind fast so restriktiv wie auf einem Flughafen, auf dem Gelände patrouillieren Sicherheitskräfte in Zivil. Das Open Air ist in dieser Hinsicht also nicht gefährlicher als die Strandferien in Lloret de Mar.

Geld

(Bild: Luca Linder)

Das Leben auf dem Festivalgelände ist teuer, ausser Kondomen und Ohrenstöpseln gibt es kaum etwas gratis (--> Sex --> Musik), schon ein Schnitzelbrot kann für einen Lehrlingslohn eine erhebliche Belastung sein. Geben Sie Ihrem Kind genug Geld mit. Aber übertreiben Sie es nicht! Ein Schnitzelbrot kann man auch selbst machen, die Zutaten dazu gibt es in den Grossverteilern rund um das Gelände oder mittlerweile auch im Festivalshop des Hauptsponsors direkt im Tobel. (Und einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen lernt man auch eher ohne Geld!)

Übernachten

(Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone)

Den Eltern ist es meist ein Graus, für Teenager das zentrale Thema: die erste Übernachtung im Tobel. Wobei: «Übernachten» bedeutet hier nicht mehr als «die Nacht im Tobel verbringen». Zum Schlafen kommt man auf dem Festivalgelände nämlich kaum. Dafür ist es zu laut, zu lustig, zu spannend. Schlafen kann man zu Hause wieder. Insofern gilt: Die Nacht ist auf dem Gelände kaum gefährlicher als der Tag – vorausgesetzt, man hat alle fünf Sinne beieinander (--> Alkohol).

Sekten

(Bild: Imago Images)

Weltanschauliche Extremisten waren an Festivals früher durchaus in sichtbarer Zahl vertreten. Aufgefallen sind damals vor allem die immer leicht lächerlichen Gestalten von Hare Krishna (Scientologen erkennt man ja nicht an ihrem Äusseren). Ernst genommen hat die aber niemand. Heute hingegen machen sich solche Figuren kaum mehr die Mühe, im Sittertobel auf Mitgliederfang zu gehen. Die Erfolgsquote ist schlicht zu gering. Die Gefahr, dass unbedarfte Jugendliche in die Fänge von homophoben Abtreibungsgegnern, Zeugen Jehovas oder Sonnentemplern geraten, ist auf einem Provinzbahnhof deutlich grösser.

Kommunikation

(Bild: Anthony Anex/Keystone)

Sie wollen Ihren Sohn, Ihre Tochter während des Festivals via Handy-Standleitung kontrollieren? Vergessen Sie’s. Sie werden vier Tage nichts hören. Nicht, weil der Empfang im Tobel schlecht, der Akku dauernd leer und das Netz überlastet ist. Das sind faule Ausreden. Das Netz funktioniert bestens, zudem gibt es Ladestationen (man kann sogar eine Power-Bank mieten und das Handy im Zelt aufladen). Und wer unter 30 ist, lässt nicht einmal im Vollrausch sein Handy unbeabsichtigt liegen. Legen Sie Ihr Telefon weg, entspannen Sie sich und verabreden Sie für Sonntagabend einen (keinesfalls auf die Minute genauen) Rückkehr-Zeitpunkt. Sie werden dann die Heimkehrer euphorisiert, leicht verkatert und völlig übermüdet wieder in die Arme schliessen können.

* Dieser Artikel wurde im Juni 2018 erstmals veröffentlicht

 
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