Rega-Basis St.Gallen hebt immer öfter ab – doch viele Gerettete sind unverletzt
Wer derzeit an einem sonnigen Tag im Alpstein unterwegs ist, benötigt manchmal Geduld. An beliebten Fotospots wird gewartet, an Engstellen wie der Himmelsleiter bilden sich oft Warteschlangen. Während die einen die Aussicht auf den Säntis oder den Seealpsee geniessen, kreist über ihnen immer wieder der Rettungshelikopter.
Der grosse Andrang in beliebten Wandergebieten wie dem Alpstein macht sich auch bei der Rega bemerkbar. Die Basis St.Gallen half seit Anfang Jahr rund 100 Personen beim Wandern oder Bergsport. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es 52. Die Rega weist allerdings darauf hin, dass die Einsatzzahlen stark vom Wetter abhängen. Schöne Wochenenden und Feiertage mit vielen Menschen in den Bergen führen regelmässig zu mehr Rettungseinsätzen.
Nicht jeder Einsatz in der Ostschweiz wird von der Basis St.Gallen geflogen
Die Rega betreibt schweizweit 14 Helikopterbasen. Welche Crew zu einem Einsatz ausrückt, hängt unter anderem vom Einsatzort, der Verfügbarkeit und davon ab, welche Basis den Notfall am schnellsten erreichen kann. Für Einsätze im Alpstein wird regelmässig die Basis St.Gallen aufgeboten, je nach Situation kommen laut Rega aber auch die Basen Mollis und Untervaz oder die AP3-Luftrettung in Balzers zum Einsatz. Deshalb bilden die Zahlen der Basis St.Gallen nicht alle Rettungseinsätze im Alpstein ab. (sae)
Mehr als die Hälfte der Einsätze sind Evakuationen
Besonders auffällig ist die hohe Zahl der Evakuationen: 57 der 100 Einsätze in diesem Jahr betrafen Personen in einer solchen Notlage. Nicht jede Evakuation folgt auf einen spektakulären Absturz. Häufig handelt es sich um sogenannte Blockierungen: Die Betroffenen können ihre Tour wegen Erschöpfung, Überforderung, einer Verirrung oder eines Wetterumschwungs nicht mehr selbstständig fortsetzen oder abbrechen – obwohl sie unverletzt sind.
Dass viele Einsätze nicht auf schwere Abstürze zurückgehen, zeigte bereits eine Auswertung dieser Zeitung vom vergangenen Jahr. Auf Basis der Bergnotfallstatistik des Schweizer Alpen-Clubs wurde deutlich, dass die Blockierung zu den häufigsten Gründen für Notlagen im Alpstein gehören. Mehr als 40 Prozent der Geretteten benötigten damals keine ärztliche Behandlung. Die Rega kam für ihre Einsätze ab der Basis St.Gallen auf einen tieferen Wert: Rund jede fünfte Person wurde unverletzt gerettet.
«Für unsere Crews ist es besser, wenn jemand rechtzeitig alarmiert, bevor aus einer Blockierung oder Erschöpfung ein lebensbedrohlicher Unfall wird», schreibt die Rega. Insgesamt beobachte sie einen verantwortungsvollen Umgang mit der Rega-App und der Alarmnummer 1414.
Eine Evakuation kann schnell teuer werden
Gerade bei Evakuationen unterschätzen viele die finanziellen Folgen. Wer unverletzt aus einer Notlage gerettet werden muss, kann nicht automatisch davon ausgehen, dass Kranken- oder Unfallversicherung die Kosten übernehmen. Die Rega prüft nach jedem Einsatz, ob eine Leistungspflicht der Versicherungen besteht. Bleiben Kosten ungedeckt, kann das schnell teuer werden: Ein Helikoptereinsatz der Rega kostet im Durchschnitt rund 4500 Franken. Bei aufwendigen Such- oder Lawineneinsätzen können die Kosten auf mehrere zehntausend Franken steigen.
In solchen Fällen können Rega-Gönnerinnen und -Gönner profitieren. Die Rega kann ihnen die Kosten gemäss den Gönnerbestimmungen erlassen. Allein im vergangenen Jahr verzichtete sie nach eigenen Angaben auf mehr als 14 Millionen Franken an Einsatzkosten, die nicht von Versicherungen übernommen wurden. Die Rega betont allerdings, dass ihre Gönnerschaft keine Versicherung, sondern ein Solidaritätsbeitrag ist.
Ostschweiz mit zweithöchster Zahl tödlicher Wanderunfälle
Dass der Alpstein trotz seiner vergleichsweise geringen Fläche zu den unfallträchtigsten Wanderregionen der Schweiz gehört, zeigt auch ein Blick auf die nationale Bergnotfallstatistik. Wie der Tages-Anzeiger auf Basis der SAC-Daten seit 2012 auswertete, kamen in der Ostschweiz 105 Menschen bei Wanderunfällen ums Leben. Nur in der Zentralschweiz waren es mit 140 Todesfällen noch mehr.
Die meisten Wanderungen im Alpstein enden zwar mit schönen Erinnerungen, statt mit einem Helikopterflug. Kommt es dennoch zu einer Notlage, empfiehlt die Rega, nicht zu lange zuzuwarten: Die Rega appelliert deshalb an Wanderinnen und Wanderer, ihre Touren realistisch zu planen und im Zweifelsfall lieber früh Hilfe anzufordern, als eine gefährliche Situation eskalieren zu lassen.
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