Reena Krishnaraja und Marta Ulreich: Zwischen Glace und Glühwein
Die trendigen Kaltschalen werden durch Kürbissuppen ersetzt, die erste Erkältungswelle schlägt um sich und nackte Füsse sind (zum Glück) plötzlich nirgends mehr zu sehen… Der Herbst hat begonnen. Spätestens, wenn man morgens sieht, wie sich acht Leute auf einem winzigen Fleckchen Sonne aufwärmen, weil sie ihre Jacke zu Hause vergessen haben, weiss man: der Sommer ist endgültig vorbei.
Und ja, es ist nicht einfach, loszulassen. Wir verstehen das. Denn auch wenn man es sich noch nicht eingestehen möchte: Das letzte Glace, das man hatte, war wahrscheinlich das letzte für eine ganze Weile. Der Grill wird nicht mehr angeschmissen, die kurzen Hosen wandern in den Keller und Crop Tops sollten ebenfalls dorthin verbannt werden, wenn man keine Nierenbeckenentzündung riskieren will.
Die verstopfte Nase ist nicht mehr dem Heuschnupfen, sondern dem hustenden René aus dem Büro zu verdanken. Und während man sich im Sommer noch gemütlich zum Sonnenuntergang einen Aperol Spritz genehmigte, gluschtets einem jetzt mehr nach einem heissen Tee im Warmen, auch wenn es immer noch jemanden gibt der sagt: «Aber t Sunne schiint doch no, do mömmer scho usehöckle!», ja Ursula, sie scheint zwar, aber horizontal, durch drei Wolkenschichten hindurch, bei 9°C mit Biiswind!
So verschwinden langsam die gemütlichen, lauen Balkonabende und man sitzt schon um 19.30 Uhr frierend draussen und wird am nächsten Morgen mit einem kratzigen Hals belohnt. Auch das nächtliche Fensteröffnen kann nun mit einer potenziellen Lungenentzündung enden.
Aber wir müssen es auch positiv sehen: Die Beinhaare können endlich anfangen, das Winterfell zu bilden. Die Suppensaison ist angebrochen, die Jahreszeit, in der man einen Topf mit Gemüse und Wasser befüllt, alles püriert und behaupten kann, man habe gekocht. Und weil wir mittlerweile erwachsen sind, kochen wir in der WG natürlich gleich fünf Liter Suppe, frieren mindestens drei Portionen ein und bringen sie ungefragt mit, um zu zeigen, wie erwachsen wir sind.
Und endlich können wir wieder viel zu viel Geld für Produkte ausgeben, an denen sonst im Jahr kein Mensch Interesse hat: Vermicelles-Pressen, Deko-Kürbisse, Kürbiskernöl, ein eigenes Pilzkörbli… Auf einmal wird man nämlich zum absoluten Funghi-Connaisseur und geht im Wald Pilze sammeln. Zumindest bis jemand bemerkt, dass man (Reena) beim Essen die Champignonstücke aus der Champignons Sauce pickt. Die Gerichte werden also endlich wieder deftiger, da schlägt Martas schwäbisches Herz besonders fest: Käsespätzle, Semmelknödel, alles mit Bratensauce und Zwiebeln! Und auch der Alkoholkonsum flacht endlich ein wenig ab, weil einem bei jedem Spritzgetränk nach drei Minuten die Finger einfrieren. Naja, zumindest, bis die Glühweinsaison beginnt... In der Zwischenzeit gibt es was ganz Cooles, Hippes, Trendiges: Pumpkin Spice Latte! Und ja, im Herbst wird auch der muskulöseste Gym-Bro zu einer kleinen Chai-Maus!
Und als wäre die ganze Übergangszeit nicht schon verwirrend genug, bekommen wir Ende Oktober sogar noch eine Stunde geschenkt. Einfach so. Warum genau, verstehen wir zwar bis heute nicht, aber eine Stunde mehr Schlaf nehmen wir natürlich immer gerne. Und falls jemand fragt, ob denn schon Zeit für Glühwein ist… wir sind dabei und bringen Suppe mit!
Reena Krishnaraja ist Stand-up-Comedian aus Grub und studiert Sozialwissenschaften in Bern. Gemeinsam mit ihrer WG-Kollegin Marta Ulreich schreibt sie diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer, Toni Brunner und Jérôme Müggler.
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