Diese Expertin hilft, wenn der Leistungsdruck schon im Kindergarten beginnt
«Kinder brauchen nicht bei jeder Kleinigkeit eine Wahlmöglichkeit», sagt Melanie Haid. Die ehemalige Lehrerin führt seit mittlerweile 15 Jahren ihre eigene Praxis «Fit for Kid». Kürzlich hat sie diese von Rebstein nach Altstätten verlegt. In ihrer Praxis unterstützt sie sowohl Eltern und Kinder als auch Lehrpersonen dabei, stressfrei durch Schule und Alltag zu kommen.
Viele Eltern würden sich heutzutage schwer damit tun, Erwartungen ruhig und konsequent zu vertreten, wie beispielsweise dem Kind zu sagen, dass es beim Ausräumen des Geschirrspülers helfen soll. «Kinder dürfen lernen, dass es nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten gibt.» Dieser Zuspruch tue besonders jungen Müttern und Lehrpersonen gut. Es ist eines der vielen Themen, die Haid in ihrem Intensivcoaching behandelt. Sie begleitet Familien während vier Wochen engmaschig. Dabei kommen Eltern und Kinder ein- bis zweimal pro Woche für 90 Minuten in die Praxis. Ziel sei es, festgefahrene Muster, etwa beim Lernen oder in der Erziehung, aufzubrechen und durch stärkende Verhaltensweisen zu ersetzen.
Vom Lerncoaching zur Familienbegleitung
Als Haid ihre Praxis eröffnete, suchten vor allem Eltern von Mittel- und Oberstufenschülern Unterstützung wegen schlechter Mathematiknoten. Damals standen fachliche Förderung und Lernstrategien im Vordergrund. «Heute steht die Persönlichkeit des Kindes im Mittelpunkt», sagt sie. Lernschwierigkeiten gebe es zwar weiterhin, weshalb sie nach wie vor ein Lerncoaching anbiete. Häufig müssten jedoch zuerst andere Belastungen angegangen werden. Besonders Prüfungsängste hätten in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – eine Folge des steigenden Leistungsdrucks, wie die 44-Jährige vermutet. Mit einfachen Atem-, Entspannungs- und Bewegungsübungen lernen Kinder, ihre Nervosität und Unkonzentriertheit besser zu regulieren.
Eltern suchen laut Haid heute deutlich früher Rat, teilweise schon, wenn die Kinder noch im Kindergarten sind. Oft haben Kindergärtnerinnen empfohlen, ein Kind abklären zu lassen. «Meist sind es lebhafte Buben, die Mühe haben, lange stillzusitzen oder einzelne Laute noch nicht korrekt aussprechen.» Haid plädiert dafür, die Entwicklung eines Kindes zunächst aufmerksam zu beobachten. «Nicht jede Auffälligkeit erfordert sofort eine Abklärung. Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Wichtig ist, dass Kinder nicht das Gefühl bekommen, mit ihnen stimme etwas nicht.» Das könne ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigen.
Auch der Alltag vieler Familien sei belastender geworden. Steigende Lebenshaltungskosten, längere Arbeitszeiten und der Vergleich unter Kindern, etwa bei Ferienzielen, Markenklamotten oder Smartphones, setzen Familien unter Druck. Gleichzeitig seien Kinder durch lange Schultage und Betreuungsangebote erschöpft. Viele Eltern wünschten sich deshalb vor allem eines: mehr Ruhe im Alltag.

Hinzu komme der steigende Leistungsdruck im Bildungssystem. Neue Lehrpläne und mehr Lernstoff in kürzerer Zeit belasteten nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrpersonen. Schlechte Noten oder Auffälligkeiten beim Kind erhöhen den Druck zusätzlich auf die Eltern. Gelinge es nicht, in diesem Spannungsfeld Ruhe zu bewahren, entstehe schnell ein Teufelskreis aus Überforderung, bei Kindern, Eltern und Lehrpersonen gleichermassen.
Medien als Dauerbrenner
Ein Thema, das in den vergangenen 15 Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat, ist der Medienkonsum. Besonders beim Lernen seien Smartphones oft ein Störfaktor. «Wenn das Handy ständig klingelt, fällt konzentriertes Arbeiten schwer», sagt Haid. Auch Belohnungen wie «Nach den Hausaufgaben darfst du fernsehen» seien aus lernpsychologischer Sicht nicht ideal. Medienkonsum direkt nach dem Lernen könne dazu führen, dass die Inhalte schlechter im Gedächtnis bleiben. Gleichzeitig beobachtet Haid, dass Kinder immer früher ein eigenes Smartphone erhalten. Viele Eltern würden bewusst darauf verzichten, stünden damit aber oft unter Druck. Haid ist überzeugt: Im Primarschulalter brauche es in der Regel kein eigenes Smartphone. Für die Erreichbarkeit reiche ein einfaches Handy ohne Internet oder eine Smartwatch. Wichtiger seien Freundschaften, Spiele, Vereine, kreative Freizeitaktivitäten und auch mal Langeweile. «Dort lernen Kinder die Fähigkeiten, die sie später auch im digitalen Raum brauchen.»
Neben Familien coacht Haid auch Lehrpersonen. Gerade junge Lehrkräfte seien pädagogisch gut ausgebildet, fühlen sich in Elterngesprächen oder im Klassenmanagement jedoch oft noch unsicher. «Wenn Eltern zu mir kommen und Frust über die Schule verspüren, kann ich die andere Seite aufzeigen, weil ich selbst von dort komme.» Sie sehe ihre Aufgabe darin, zwischen Schule und Eltern zu vermitteln. «Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn zwei Seiten gegeneinander arbeiten. Am Ende leidet immer das Kind.» Gelegentlich begleite sie Eltern auch zu Elterngesprächen. Eine neutrale Person helfe oft, damit beide Seiten einander besser zuhören.
Seit Juni arbeitet Haid in ihrer neuen Praxis in Altstätten. «Ich möchte hier einen Ort schaffen, an dem Kinder zur Ruhe kommen können.» Viel Holz, grosse Fenster und die Nähe zum Wald würden genau diese Atmosphäre schaffen. Die bisherige Praxis befand sich im eigenen Wohnhaus, das sie und ihre Familie inzwischen verkauft haben. Privat zieht es sie zurück nach Österreich, beruflich bleibt sie dem St.Galler Rheintal jedoch treu.
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