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Paul Rechsteiner: Aasgeier über der Altersvorsorge

Alt Ständerat Paul Rechsteiner beobachtet einen beunruhigenden Trend. Menschen, die kurz vor der Pensionierung stehen, beziehen immer öfter ihre Altersvorsorge als Kapital. Das sei fataler Fehler, schreibt der Tagblatt-Kolumnist.
von Paul Rechsteiner
Paul Rechsteiner, Tagblatt-Kolumnist und ehemaliger St.Galler SP-Ständerat. (Bild: Niklas Thalmann)

Leute, die vor der Pensionierung stehen, erzählen mir in letzter Zeit öfter, dass sie ihre Altersvorsorge bei der Pensionskasse als Kapital beziehen wollen. Zu einem bedeutenden Teil oder sogar ganz. Damit würden sie besser fahren als mit der Rente, bei den Steuern und überhaupt. Fast immer hat dabei eine entsprechende Beratung eine Rolle gespielt. Manche erschrecken, wenn ich ihnen sage, welchen kapitalen Fehler sie mit diesem Entscheid machen würden.

Was mir im Kleinen begegnet, bestätigt sich im Grossen. 2025 wurden bei den Pensionskassen erstmals überhaupt mehr als 50 Prozent der Altersguthaben als Kapital ausbezahlt. Und nicht in Form von Renten. In den letzten fünf Jahren haben sich die Kapitalbezüge verdoppelt.

Diese Entwicklung fällt nicht vom Himmel. Eine ganze Heerschar von Beratern, angefangen von Banken und Versicherungen bis hin zum VZ-Vermögenszentrum, raten eindringlich zum Kapitalbezug. Das oft begleitet von aggressivem Marketing. Was Wunder: An Pensionskassenrenten verdienen sie nichts. Das Kapital hingegen muss angelegt werden. Das ist lukrativ. Für die Berater. Für die Banken und Versicherungen. Hier winken Einnahmen und Provisionen.

Für die Altersvorsorge der Pensionierten ist das fatal. Hat jemand nur noch kurze Zeit zu leben, mag die Rechnung mit dem Kapitalbezug aufgehen. Was aber, wenn man achtzig Jahre alt wird? Oder neunzig? Oder sogar 95? Reicht das Geld dann noch? Eine Frage, die rasch zum Albtraum werden kann. Auf den ersten Blick mag das Alterskapital in der Pensionskasse beeindruckend sein, wenn man sonst im Leben niemals ein solches Vermögen anhäufen konnte. Wer rechnet, merkt aber rasch: Nur schon mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung fährt man mit der Rente weit besser als mit dem Kapital.

Manche werden von den Beratern damit geködert, dass sie nur mit dem Kapital etwas vererben können, dem Ehegatten, den Kindern. Schon bei den Ehegatten ist diese Rechnung aber krass falsch. Nur mit der Pensionskassenrente gibt es auch eine Witwen- oder Witwerrente. Sie beträgt 60 Prozent der Altersrente. So etwas existiert beim Kapitalbezug nicht.

Und was haben die Kinder davon, wenn die Eltern auf die Rente verzichten, um ihnen eventuell noch etwas vererben zu können? Ihnen ist doch am besten gedient, wenn die Eltern ein gesichertes Auskommen haben, ohne Angst haben zu müssen, am Ende noch auf Unterstützung angewiesen zu sein.

Vermögensberater versprechen oft grossartige Renditen, wenn man das Kapital über sie anlegt. Beeindruckende bunte Kurven zeigen ein Vermögen, das ständig grösser wird. Unterschlagen wird, dass die Kurven immer nur günstige Verläufe der Vergangenheit spiegeln. Real sind bei der Kapitalanlage vor allem die Risiken. Die drohenden Verluste und die damit einhergehenden Ängste. Keine noch so lukrative private Kapitalanlage kann bei der Rendite wirtschaftlich mit der Rente der Pensionskasse Schritt halten.

Die fatale Tendenz zum Kapitalbezug unterminiert unser System der Altersvorsorge. Das muss dringend wieder umgedreht werden. Dafür müssen jene, die den Leuten statt Renten Kapitalbezüge andrehen, als das bezeichnet werden, was sie sind: Aasgeier auf Kosten der Altersvorsorge.

Paul Rechsteiner stammt aus St.Gallen und ist ehemaliger SP-Ständerat. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Toni Brunner, Carla Maurer und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/ostschweiz/paul-rechsteiner-warnt-vor-kapitalbezug-bei-der-altersvorsorge-art-751934

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