«Es liegt an uns allen»: Ostschweizer Gesundheitsdirektoren diskutieren Krankenkassenprämien
Die Prämien der obligatorischen Krankenkasse im kommenden Jahr sind da. Und damit die alljährliche Preisexplosions-Debatte: In den Ostschweizer Kantonen steigen die durchschnittlichen Prämien zwischen 4,0 und 5,9 Prozent. Wie jedes Jahr stellt sich die Frage: Wie lange geht das noch so weiter? Darüber diskutierten im TVO-Talk «Zur Sache» bei Moderator Marco Latzer die Gesundheitsdirektoren Urs Martin (Thurgau) und Yves Noël Balmer (Appenzell Ausserrhoden) sowie Stefan Böni, Regionaldirektor Ostschweiz der Swica.
Urs Martin begann gleich mit Ostschweizer Eigenlob: Die Region sei mit ihren vergleichsweise tiefen Prämien eine «Insel der Glückseligen»: In der Schweiz bestehe ein starkes West-Ost-Gefälle. «Alle vier Ostschweizer Kantone stehen im Vergleich sehr gut da.»
Yves Noel Balmer ging im Sinne seiner SP-Zugehörigkeit auf die Belastung jener mit tiefen und mittleren Einkommen ein: «Das Ausmass muss irgendwo ein Ende finden. Es macht mir Sorgen, dass 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung aus eigener Kraft die Prämien nicht mehr zahlen können.» Doch auch Balmer geizte nicht mit Eigenlob. Die gemeinsame Spitalplanung der Ostschweizer Kantone sei ein wichtiger Beitrag dazu, das Gesundheitssystem effizient und die Kosten tief zu halten. Er lobte die jüngst verkündete vertiefte Zusammenarbeit als Meilenstein. Stefan Böni stimmte aus Perspektive der Krankenkassen in dieses Lob ein.
Bevölkerung in der Verantwortung
Allem Lob zum Trotz hatte Böni keine gute Nachricht: «Die Prämie wird heute und morgen nicht stagnieren oder sinken. Dafür müsste sehr viel passieren.» Teure Medikamente und die Angehörigenpflege treiben unter anderem die Kosten. «Da müssen die Regierungen reagieren. Doch andererseits liegt es an uns allen.»
In diesem Punkt war sich die Diskussionsrunde einig. Urs Martin machte ein Beispiel: «Es gibt Leute, die im November zum Hausarzt gehen und sagen: ‹Ich habe meine Franchise ausgeschöpft, was kann ich noch tun.›» Jede konsumierte Leistung müsse hinterfragt werden, sagte Martin und fügte als Beispiel für beliebte und teure Leistungen die Abnehm-Medikamente an. «Ein Milliardengeschäft für die Industrie. Ich jogge 100 Kilometer im Monat, das ist mühsamer, läuft aber nicht über die obligatorische Versicherung.»
Auch Balmer nahm die Bevölkerung in die Verantwortung: «Die Gesundheitskompetenz hat abgenommen. Früher wussten die Leute, was man bei einer Erkältung machen kann, heute geht man relativ schnell zur Apotheke.» Bei wirklich notwendigen Behandlungen dürfe nicht das Portemonnaie entscheidend sein. Doch momentan sieht er einen Teufelskreis: «Je mehr die Leute zahlen, desto höher ist die Erwartungshaltung.» Daher müsse die Diskussion, was die Grundversicherung abdeckt und was nicht, weitergeführt werden.
Wenig Einigkeit gab es hingegen bei der alljährlichen Frage nach einer Einheitskasse anstelle der derzeitigen 34 Anbieter – während Balmer fand, eine regionale Einheitskasse wäre eine Chance, lehnte Martin entsprechend seiner SVP-Zugehörigkeit die Idee ab. Damit war er gleicher Meinung wie Böni, der sagte: «Die Arbeit bleibt gleich. Man hätte vielleicht zwei oder drei CEOs weniger – die Frage ist, ob das den Unterschied macht, den wir brauchen.»
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