«Wenn ich male, dann geht es mir gut»: Leinwand und Pinsel helfen Silvia Maier, mit ihrer psychischen Erkrankung umzugehen
Alles läuft aus dem Bild heraus. Auch die Probleme. Grosse, bunte Blumen – blaue, gelbe und pinkfarbene – sind darauf zu sehen. Eine breite Farbpalette umfasst das Bild, das an der Wand über dem Sofa von Silvia Maier hängt. Doch es scheint, als wären die Farben beim Aufhängen noch nicht ganz trocken gewesen. Rinnsale führen fast wie Tränen über die Leinwand.
Es ist das Lieblingsbild von Silvia Maier, deshalb hat sie es behalten. «Unruhige Seelen, die das Licht suchen», sagt die 69-Jährige, seien darauf zu sehen. Dazwischen verbirgt sich auch der Körper einer Frau.
Silvia Maier wohnt im Betreuten Wohnen (Bewo) in Bütschwil. Hier erhalten Erwachsene mit psychischen Beeinträchtigungen Unterstützung in der Alltagsgestaltung. Die Bewohnerinnen und Bewohner werden im selbstständigen Wohnen gefördert und unterstützt. Es gibt Tagesstrukturen, wie gemeinsames Kochen oder Umgebungsarbeiten, an denen sich die Bewohnerinnen und Bewohner beteiligen können.
Eher zufällig entdeckt, dass ihr das Malen hilft
Die kleine, zierliche Frau öffnet die Türe zu ihrer Wohnung. Draussen sind die Häuser in dicken Nebel gehüllt, drinnen gibt es einen Wasserfall an Farben. Im Wohnzimmer lehnen bemalte Leinwände in verschiedenen Grössen übereinander an der Wand. «Es sieht hier mehr nach Galerie statt nach Wohnung aus, nicht?», sagt Maier. Eine Ständerlampe spendet warmes Licht, eine zweite Lampe, an der Decke in der Mitte des Raumes, ist reich geschmückt. Vögel, Zweige und mehrere Engelfiguren hängen daran. Ein typisches Accessoire für eine Künstlerin.
«Ich bin keine Künstlerin, ich bin Malerin. Künstlerin, das tönt so hochnäsig», sagt Silvia Maier. Engelsfiguren gibt es in ihrer Wohnung noch mehr. «Ich glaube, jeder Mensch hat einen Engel bei sich», sagt sie. In ihrem Leben hat sie auch schon auf einen Schutzengel zählen können.
Seit Silvia Maier 20 Jahre alt war, kämpft sie mit schweren Depressionen. Die Krankheit liege in der Familie. Sie verläuft schubweise. Die letzte Krise liege noch nicht lange hinter ihr. «Es kommt immer wieder, das ist tragisch», sagt sie leise.
Über Gefühle zu sprechen, das fällt ihr schwer und belastet sie. Lieber möchte sie über Kunst reden. «Wenn ich male, dann geht es mir gut», sagt sie. Vor zwanzig Jahren habe sie zufällig zum Malen gefunden und schnell gemerkt, dass es ihr helfe. Ausstellungen besuche sie zwar eher nicht, für Kunst im Allgemeinen und Malerei im Speziellen interessiere sie sich aber schon. Vor allem Vincent van Gogh mag sie.
Ein Farbenfeuerwerk statt Dunkelheit
Die Werke von Silvia Maier haben ihren eigenen Stil. Alle sind ausdrucksstark, abstrakt und vor allem bunt. Sie bringt die Farben auf die Leinwand, auch wenn es in ihr viel Dunkelheit gibt. Sie habe schon viele positive Rückmeldungen von Personen bekommen, denen ihre Bilder gefallen. Das macht sie stolz.
Inspiration findet sie zum Beispiel in der Musik. Auch Erlebtes verarbeite sie unbewusst in ihren Gemälden, erzählt Maier. Neben ihrer Leidenschaft, dem Malen, verbringt sie gern Zeit mit ihren Enkeln, der Tochter und deren Haustieren. Für das Malen muss sie ihre Wohnung nicht verlassen, sie hat sich in einem Zimmer ein kleines Atelier eingerichtet.
Der kleine Schreibtisch ist mit einer dicken Schicht aus Farbklecksen übersät. «Wenn man die Holzplatte ausschneidet, könnte diese selbst ein Kunstwerk darstellen», sagt Maier mit einem breiten Lächeln. Hinter dem Schreibtisch stapeln sich Pinsel, Farbtuben und Leinwände auf einer Kommode. Vielen Bildern hier fehle noch der letzte Schliff. «Ich muss sie noch nachbessern», erklärt sie.
Glücklich, wenn andere Freude an ihrer Kunst haben
Derzeit habe sie eine Malblockade. Es passiere immer mal wieder, dass sie einfach nichts malen könne. Wenn Silvia Maier hingegen in einer kreativen Phase ist, malt sie bis zu drei Bilder pro Woche. «Die Bilder sind einfach in mir drin», sagt sie. Sie verschenke viele ihrer Werke, zum Beispiel an ihre Ärzte oder Mitbewohnenden im Bewo. Selten verkaufe sie eines. Ihre Kunst einer Person zu schenken, die sie schätze und die sich darüber freue, das mache ihr die grösste Freude: «Ich lasse die Bilder gern los, das macht mich glücklich.»
Durch eine Spende von «Ostschweiz hilft Ostschweiz» kann Silvia Maier ihrer Leidenschaft auch weiterhin nachgehen und trotz kleinem Budget die essenziellen Malutensilien wie Farben und vor allem Leinwände besorgen.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, «Ostschweiz hilft Ostschweiz» zu unterstützen. Weitere Informationen finden Sie hier.
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