Warum der Nebel am Bodensee länger bleibt – und was der Ostschweiz diesen Herbst bevorsteht
Herr Holstein, was kann man besser abschätzen, einen Hitzesommer oder einen grauen Herbst?
Christoph Holstein: Das lässt sich nicht pauschal sagen. Beide Wetterphänomene benötigen eine beständige Hochdrucklage. Das heisst: Die Wetterlage muss über längere Zeit stabil bleiben, damit sich eine Hitzeperiode oder mehrere Nebeltage entwickeln können.
Grundsätzlich handelt es sich aber um zwei unterschiedliche Phänomene. Welches sich besser vorhersagen lässt, hängt vom Einzelfall ab. Beide lassen sich höchstens etwa zwei Wochen im Voraus abschätzen.
Wie neblig wird der Herbst in der Ostschweiz?
Entscheidend ist die Wetterlage. Bei anhaltendem Hochdruck wird die Luft kaum durchmischt. Dadurch können Inversionen entstehen. Normalerweise nimmt die Temperatur mit der Höhe ab. Bei einer Inversion ist es umgekehrt: Kalte Luft liegt am Boden, wärmere darüber. Solche Wetterlagen begünstigen die Bildung von Nebel. Wechselhaftes Wetter mit durchziehenden Fronten und Niederschlägen bringt dagegen meist weniger Nebel.
Wie zuverlässig lässt sich Nebel vorhersagen?
Drei bis fünf Tage im Voraus lässt sich Nebel relativ sicher vorhersagen. Prognosen, die eine Woche oder mehr im Voraus getroffen wurden, sind in der Regel mit sehr grosser Unsicherheit behaftet. Das ist bei Nebellagen meistens auch der Fall, ausser es stellt sich eine langanhaltende Wetterlage ein, dann sind Vorhersagen teils auch für eineinhalb bis zwei Wochen möglich.
Wieso ist die Bodenseeregion mehr von Nebel betroffen als die restliche Ostschweiz?
Das hängt mit dem See zusammen. Im Winter hält sich der Nebel entlang von Gewässern oft länger. Dort ist die Luft feuchter, weshalb sich der Nebel langsamer auflöst. Auch liegt die Bodenseeregion in einer Muldenlage, wodurch eine Inversion oft länger anhaltend ist als in anderen Regionen. Dadurch löst sich der Nebel verzögert oder gar nicht auf.
Stimmt es, dass die Tendenz für Nebeltage gesunken ist?
Ja, das stimmt. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Zahl der Nebeltage tendenziell abgenommen. Von Jahr zu Jahr gibt es jedoch Schwankungen. Der langfristige Trend bedeutet also nicht, dass es jedes Jahr weniger Nebeltage gibt als im Vorjahr.
Was hat die Luftqualität damit zutun?
Ende der 1990er-Jahre wurden verschiedene Gesetze und internationale Abkommen beschlossen, die die Luftqualität verbesserten. Seither befinden sich weniger Aerosole in der Atmosphäre. Ein Aerosol ist ein Gemisch von flüssigen und festen Partikeln. Das können verschiedene Partikel sein, von Meeressalz über schwefelhaltige Partikeln bis zu Feinstaub. Durch die Abnahme von Aerosolen gelangt mehr Sonnenlicht auf die Erdoberfläche. Die stärkere Sonneneinstrahlung kann wiederum dazu führen, dass sich eine Inversion und damit auch der Nebel auflöst.
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