Reena Krishnaraja und Marta Ulreich: Danke für nichts, Chatti!
«Jo wiedermol da huere Tschättschipiti!» Wir alle haben im Verlaufe der letzten Jahre diesen Satz mindestens einmal von einem mittelalten Herrn mit gräulichen Haaren gehört. Falls nicht sogar du dieser mittelalte Herr mit gräulichen Haaren bist. ChatGPT, Gemini, Copilot und wie sie alle heissen. Künstliche Intelligenz ist mittlerweile überall und gefühlt gibt es für jedes noch so kleine Problem eine passende KI-Lösung.
Normalerweise zerbrechen auch wir uns für die Kolumne stundenlang den Kopf, beschwören mit drei Kaffees und viel Zeitdruck unser eloquentestes Ich, um ein Thema zu finden, welches uns 23-Jährige beschäftigt und gleichzeitig auch dich als eher nicht 23-Jährige:n Leser:in interessiert. Dabei könnten wir auch einfach einen kurzen Prompt eingeben und uns in wenigen Sekunden eine mehr oder weniger gute Kolumne generieren lassen. Das wäre natürlich praktisch.
Und genau das ist das Problem. Denn während wir uns darüber freuen, dass uns eine Maschine in wenigen Sekunden mühsame Arbeit abnimmt, vergessen wir gerne, dass KI riesige Rechenzentren benötigt, die enorme Mengen an Strom und Wasser verbrauchen. Für manche Dinge, die wir damit erledigen, wirkt dieser Ressourcenaufwand doch ziemlich unverhältnismässig. Eine ChatGPT-Anfrage verbraucht im Schnitt 0,5 Liter Wasser (Angabe ohne Gewähr)… Alleine Konversationen wie «Schreib die Geburtstagsgrüsse für meine Schwiegereltern», «Formuliere es bitte persönlicher», «Nein, das ist jetzt zu persönlich, so gerne habe ich sie jetzt auch nicht» verbrauchen gefühlt einen ganzen Wochenbedarf an Wasser für eine Person.
Bei der KI-Frage schlagen zwei Herzen in uns, einerseits unser nachhaltiges Hafermilch-Herz, das diese ausbeutende KI nicht supporten will. Aber da ist auch das faule Studentinnenherz, das sich über jede schnelle Textzusammenfassung freut und sich das Erwachsenwerden erleichtern will: «Wie lange darf ich den Reis draussen stehen lassen?», «Wie lange Herzschmerz nach einer Situationship?», «Warum haben wir so viele Müggli in der WG?», «Geht schwarzer Schimmel mit Desi-Mittel weg?», «Wie schlimm ist es, einmal ohne Zähneputzen ins Bett zu gehen?».
Die KI beantwortet einem nicht nur die fragwürdigen Fragen, sondern man wird auch noch gelobt! Lob, ohne, dass man einen Bachelorabschluss haben muss, das Altglas entsorgt oder ein ganzes Umstyling gemacht hat. «Oh, das ist ja eine super Frage!», «Wow, was für eine tolle Idee, du clevere Maus!» (Okay, Letzteres war etwas creepy von Chatti). Und ja, der Wasserverbrauch ist hoch, aber gibt es nicht noch Schlimmeres? Was ist mit Jeans oder Kaffee?! Eine einzige Tasse Kaffee benötigt in der Produktion nämlich etwa 132 Liter Wasser. Das sind zwischen 2'500 und 25'000 ChatGPT-Anfragen! Und wenn man dann auch noch auf Kaffee verzichten muss…
Und während wir uns fragen, ob KI irgendwann sogar all unsere Arbeitsplätze übernimmt, hat sie möglicherweise längst angefangen, unsere Kolumnen zu schreiben!
Oder auch nicht, wir haben es nämlich ausprobiert, und ChatGPT einen Teil dieser Kolumne schreiben lassen. Nur haben wir am Ende länger gebraucht, weil wir den Text so lange umgeschrieben haben, bis es komplett unser eigener war. Vielleicht macht KI uns also gar nicht unkreativer, sondern sogar kreativer. Vielleicht müsste die KI deshalb immer genau solche Antworten liefern, die gut genug sind, dass man sie verwenden möchte, aber schlecht genug, dass man sich nicht damit zufriedengibt. Ähnlich, wie wenn man mit Liebeskummer in seinen 20ern zu seinen Eltern geht: Man bekommt einen gut gemeinten Rat, über den man kurz nachdenkt, aber doch auf keinen Fall umsetzen wird.
Reena Krishnaraja ist Stand-up-Comedian aus Grub und studiert Sozialwissenschaften in Bern. Gemeinsam mit ihrer WG-Kollegin Marta Ulreich schreibt sie diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer, Toni Brunner und Jérôme Müggler.
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