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Jérôme Müggler: Mehr Freihandel statt Weltverbesserung und innenpolitische Händel

Ohne offene Märkte hat die Ostschweizer Industrie ein Problem. Tagblatt-Kolumnist Jérôme Müggler erklärt, warum Freihandelsabkommen für die Region wichtiger sind als politische Wunschlisten.
von Jérôme Müggler
Jérôme Müggler, Tagblatt-Kolumnist und Direktor der IHK Thurgau. (Bild: Niklas Thalmann)

Die Schweiz ist ein kleines Land mit einem grossen Aussenhandel. Unser Wohlstand beruht wesentlich darauf, dass Unternehmen ihre Produkte weit über den begrenzten Heimmarkt hinaus verkaufen können. Das gilt speziell für die industriell geprägte Ostschweiz – quasi die Werkbank der Schweiz.

China, Indien und die Mercosur-Staaten stehen exemplarisch dafür. China gehört zu den wichtigen Absatzmärkten der Exportwirtschaft. 2025 wurden Waren im Wert von 29,6 Milliarden Franken nach China exportiert und für 21,6 Milliarden importiert. Das bestehende Freihandelsabkommen wird derzeit modernisiert. Künftig sollen 99 Prozent der Schweizer Exporte zollfrei nach China gelangen können.

Indien wiederum ist ein Zukunftsmarkt, an dem eine exportorientierte Volkswirtschaft kaum vorbeikommt. Das seit Oktober 2025 geltende Abkommen verbessert den Marktzugang für 95 Prozent der Schweizer Exporte. Die Zolleinsparungen werden auf rund 167 Millionen Franken jährlich geschätzt. Auch das Abkommen mit den Mercosur-Staaten eröffnet neue Chancen: Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay bilden einen Markt mit rund 270 Millionen Menschen. Nach Ablauf der Übergangsfristen sollen 96 Prozent der Schweizer Ausfuhren zollfrei sein.

Für die Ostschweiz sind das keine abstrakten Zahlen. Unsere Region lebt von Maschinenbau, Präzisionstechnik, Elektronik, Medtech und spezialisierten Zulieferern. 2025 exportierte die Ostschweiz Waren für rund 22,5 Milliarden Franken. 2024 gingen St.Galler und Thurgauer Waren im Wert von rund 855 Millionen Franken nach China. Und die Bedeutung der neuen Märkte wächst: In einer Umfrage der Ostschweizer Handelskammern erwarten 44 Prozent der befragten Unternehmen eine steigende Bedeutung Indiens, bei Mercosur sind es gar 46 Prozent.

Freihandelsabkommen sind deshalb keine diplomatischen Trophäen, sondern handfeste Standortpolitik. Jeder eingesparte Zoll verbessert die Wettbewerbsfähigkeit eines Ostschweizer Herstellers gegenüber Konkurrenten, die einen privilegierten Marktzugang haben.

Gerade deshalb dürfen solche Abkommen nicht für andere politische Zwecke instrumentalisiert werden. Selbstverständlich müssen berechtigte Interessen der Landwirtschaft berücksichtigt werden. Nicht statthaft ist aber, wenn Teile der Politik Freihandelsabkommen zum Pfand für die Absicherung des heimischen Agrarschutzes machen. Ein Handelsvertrag ist kein Instrument zur Durchsetzung sachfremder innenpolitischer Forderungen.

Ebenso fragwürdig ist die Vorstellung, die Schweiz könne andere Länder über Handelsabkommen nach eigenen Vorstellungen erziehen. Wir dürfen und sollen für Menschenrechte, Nachhaltigkeit und gute Arbeitsbedingungen eintreten. Doch Handelspolitik ersetzt weder Aussenpolitik noch Entwicklungszusammenarbeit. Wer jedes Abkommen mit Bedingungen aus der eigenen politischen Agenda überlädt, riskiert am Ende nicht bessere Abkommen, sondern gar keine.

Freihandel bedeutet nicht, die Welt gutzuheissen, wie sie ist. Er bedeutet, mit ihr Handel zu treiben, verlässliche Regeln zu schaffen und Schweizer Unternehmen zu unterstützen. Für ein exportabhängiges Land – und ganz besonders für die industrielle Ostschweiz – ist das keine Ideologie. Es ist wirtschaftliche Vernunft.

Jérôme Müggler stammt aus Frauenfeld und ist Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) Thurgau. Er schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer und Toni Brunner, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/ostschweiz/jerome-mueggler-mehr-freihandel-statt-weltverbesserung-und-innenpolitische-haendel-art-755296

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