Jérôme Müggler: Der Kanton Thurgau braucht einen Turnaround-Plan
Ein Unternehmen mit der Ausgangslage des Kantons Thurgau bekäme früher oder später einen aktivistischen Investor ins Haus, der die Führung auswechselt und einen Sanierungsplan durchsetzt. Bevor es so weit kommt, kann ein Verwaltungsrat selbst eine Kurskorrektur einleiten. Das wäre im vorliegenden Fall das Parlament, aber auch die Bevölkerung.
Doch lassen Sie mich zuerst eine Analyse der Ist-Situation machen: Der Kanton hat ein strukturelles Defizit. Beim Kantonalen Wettbewerbsindikator der UBS bewegt sich der Thurgau seit Jahren im breiten Mittelfeld und hat 2025 einen Platz verloren – noch solide, aber ohne Wachstumsstory, ohne Differenzierung gegenüber der Konkurrenz. Beim Innovations- und Kreativitätsindex der Hochschule Luzern dümpelt der Kanton auf dem viertletzten Platz.
Beim Nationalen Finanzausgleich verzeichnet er sowohl 2026 als auch 2027 den grössten Rückgang des Ressourcenindex unter allen 26 Kantonen. Nicht irgendeinen – den grössten. Während andere Kantone ihre Marktanteile ausbauen, verliert der Thurgau relativ an Wert. Die Wirtschaftsförderung, quasi die Verkaufsabteilung des Kantons, fristet derweil ein Schattendasein – zu wenig Budget, zu wenig Personal, keine gesetzlichen Rahmen, um neue Unternehmen zu akquirieren und um notwendiges Wachstum zu stimulieren.
Der Thurgau hätte bessere Voraussetzungen als viele echte Sanierungsfälle. Es fehlt an sich nicht an Substanz: starke Industriebetriebe, eine robuste KMU-Struktur, engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer, eine gute Lage zwischen den Wirtschaftsräumen Zürich und Bodensee, die Nähe zu Hochschulen und eine attraktive Wohnumgebung.
Aus meiner Sicht hat der Thurgau jedoch keinen Plan, wie er in zehn Jahren dastehen will – und erst recht keinen, wie er dorthin kommt. Der allzu progressive Wandel ist in der Thurgauer DNA nicht dominant. Die Papiere «Strategie 2040» oder «Leitbild Wirtschaft Thurgau» sind wenig visionär und liegen längst in der Schublade. Andere Kantone setzen auf gezielte Standortförderung, investieren im grossen Stil in Forschung, Innovation und Cluster-Initiativen, positionieren sich mit attraktiven Steuersätzen und einer aktiven Standortförderung. Der Thurgau verwaltet, wo er gestalten müsste.
Erst kürzlich hat der Regierungsrat Bilanz über die Halbzeit der Legislatur gezogen. 26 von 68 Massnahmen aus den Regierungsrichtlinien seien bereits umgesetzt. Betrachtet man die bereits umgesetzten Massnahmen, kann man ernüchternd feststellen, dass es eine zähe zweite Halbzeit werden könnte. Einige Massnahmen waren «nice to have» in Zeiten des Überflusses, bringen den Kanton aber nicht relevant weiter. Andere liegen ausserhalb des Einflusses der Regierung oder existieren bereits. Im gleichen ist es speziell, dass eine Geschäftsleitung Ziele definiert und deren Erreichung gleich selbst beurteilt.
Es wäre Zeit dafür, dass ein Ruck durch den Kanton geht und die Politik aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Es braucht eine mutige Definition des Soll-Zustands für den Kanton und eine Roadmap mit messbaren Faktoren, wie man dorthin kommt. Ich kann mir vorstellen, dass es in der Zivilgesellschaft und aus der Wirtschaft durchaus gute Ideen gibt, wie man den Thurgau wieder auf Kurs bringen könnte.
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