«Unser Sozialsystem ist darauf nicht ausgelegt»: Warum Hirnverletzte durchs Netz fallen können
130'000 Menschen leben in der Schweiz gemäss Fragile Suisse mit den Folgen einer Hirnverletzung. Das Beispiel der an einer Hirnblutung erkrankten Steinacherin Daniela Sutter-Posthumus zeigt, dass es hirnverletzte Menschen schwer haben, wieder eine Anstellung zu finden. Oft sind sie nicht mehr so belastbar wie vorher und brauchen mehr Pausen. Eine Anlaufstelle für Betroffene ist der St.Galler Verein Viv., der Menschen mit Hirnverletzungen und Körperbehinderungen unterstützt. Corinne Eigenmann begleitet dort Menschen auf dem Weg in die Wiedereingliederung. Im Interview sagt sie, wo die Schwierigkeiten liegen.
Eine Hirnblutung oder Hirnverletzung kann das Leben in einem Moment völlig verändern. Was sind die grössten Schwierigkeiten nach so einem traumatischen Erlebnis?
Corinne Eigenmann: Die grösste Schwierigkeit ist es, sich im neuen Leben zurechtzufinden. Die Angehörigen sagen manchmal, es ist ein völlig anderer Mensch nach Hause gekommen. Angehörige müssen vieles auffangen. Eine Hirnblutung kann viele unsichtbare Folgen haben wie Schlaf-, Orientierungs- und Konzentrationsstörungen.

Und womit haben hirnverletzte Menschen am meisten zu kämpfen, wenn sie wieder zurückfinden wollen in ein geregeltes Arbeitsleben?
Eine Hirnverletzung braucht viel Zeit, das ist ein entscheidender Faktor. Es kann sich auch lange nach dem Vorfall noch vieles verbessern. Das macht es nicht einfach, zurück in die Arbeitswelt zu finden, dort, wo Leistungsdruck auf allen Ebenen herrscht. Der Betroffene macht sich selbst Druck, vergleicht sich mit vorher. Oft kommt auch der Druck vom Arbeitgeber. Manchmal kann deshalb ein neuer Arbeitsplatz von Vorteil sein. Man sieht es einer hirnverletzten Person ja oft nicht an, dass etwas nicht mehr so ist wie vorher. Verständnis vom Gegenüber ist ein zentraler Faktor. Arbeitgeber haben oft Ängste und Vorbehalte, wie mit diesen Einschränkungen umgegangen werden soll.
In der Schweiz haben wir ein gutes Sozialsystem. Können Menschen mit Hirnverletzungen trotzdem durch die Maschen fallen?
Ja, leider kann das passieren. Unser System ist gut, aber Krankheitsverläufen wie einer Hirnblutung kann es nicht immer gerecht werden. Es gibt nicht einen Tag X, an dem alles wieder gut ist. Es ist ein langwieriger Prozess, herauszufinden, was noch geht und wo die Grenzen sind. Unser Sozialsystem ist darauf nicht ausgelegt.
Es scheint oft so, dass Arbeitslosenversicherung und Invalidenversicherung den «heissen Härdöpfel» hin- und herschieben.
Diesen Eindruck haben wir manchmal auch. Versicherungen müssen auf die Finanzen schauen und sich an Regeln und Fristen halten. Es gibt einen Graubereich, in dem es zwischen den Versicherungen manchmal zu einem Ping-Pong-Spiel kommt.
Das bewirkt der Verein Viv.
Der Verein Viv. führt in St.Gallen, Rapperswil-Jona und Walenstadt stationäre Wohn- und Arbeitsplätze für Menschen mit einer Hirnverletzung oder Körperbehinderung. Zudem bietet die Organisation in Ostschweizer Kantonen ambulante Angebote wie Wohnbegleitungen im eigenen Zuhause oder die Sozialberatung LOTSE, welche Menschen mit einer Hirnverletzung nach einem Reha-Aufenthalt beraten. Im Job-Coaching bieten Viv. ausserdem Unterstützung bei der beruflichen Wiedereingliederung an. (chs)
Was müsste verbessert werden, damit das nicht passiert?
Eine schwierige Frage. Versicherungen müssen sich mehr in die Pflicht nehmen, miteinander und nicht gegeneinander zu arbeiten. Und vor allem: Für die Klienten arbeiten. Gute Abklärungen sind wichtig, aber das braucht leider viel Zeit und dauert lange.
Braucht es mehr geschützte Arbeitsstellen für Menschen, die nicht mehr so belastbar, aber trotzdem noch leistungsfähig sind?
Es sollte im ersten Arbeitsmarkt attraktiver gestaltet werden, Arbeitsplätze anzubieten für Menschen, die nicht mehr ganz so leistungsfähig sind. Das müsste finanziell besser unterstützt werden. Ausserdem ist die Angst oder das Unwissen seitens der Arbeitgeber oft noch zu gross. Transparenz und eine gelebte Kultur im Unternehmen sind ebenfalls wichtig: Es nützt nichts, wenn nur das HR oder der Vorgesetzte von einer Beeinträchtigung eines Angestellten weiss.
Depressionen und Angststörungen sind häufige Folgen einer Hirnverletzung. Gibt es dafür spezifische Anlaufstellen?
Erste Anlaufstellen sind Psychiater oder Psychologen mit der Fachrichtung Neuropsychologie. In Selbsthilfegruppen sehen Betroffene, dass sie nicht allein sind. Eine Hirnverletzung ist ein richtig grosser Einschnitt im Leben.
Was würden Sie sich wünschen, damit die Wiedereingliederung von Menschen, die nicht mehr so leistungsfähig sind, besser gelingt?
Offenheit und die Bereitschaft, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, verstehen wollen. Menschen mit einer Hirnverletzung können oft nicht, es geht nicht ums Wollen. Finanzielle Anreize für Arbeitgeber wären sicher sinnvoll, damit im ersten Arbeitsmarkt mehr Stellen für Menschen entstehen, die etwas mehr Zeit benötigen.
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