Reena Krishnaraja und Marta Ulreich: Tsch-Tsch
OMG wir haben es gewagt! Unsere WG-Family hat sich vergrössert und wir könnten nicht stolzer auf unseren Zuwachs sein… Leute, wir haben einen Grill!
Und plötzlich verstehen wir gewisse Familienväter besser. Denn kaum steht man mit Grillzange in der einen und dem ersten Bier (von zu vielen) in der anderen Hand vor einem halbverbrannten Stück Etwas, passiert etwas mit einem. Die Haltung wird selbstbewusster, man spürt ein Kitzeln auf der Brust von den vielen männlichen Brusthaaren, aus dem Nichts hat man das Halbwissen eines Hobby-Metzgers und verteidigt das Revier um den Grill härter als sein Erstgeborenes. Das Selbstbewusstsein, das komplett auf der 15-Franken-Grillzange aus der Landi basiert, ist allerdings schnell verflogen, sobald das erste Grillgut durch das Grillgitter flutscht.
Aber irgendwie ist es schon spannend, dass das Grillieren gesellschaftlich immer noch so ein männlich aufgeladenes Ding ist. Als würden wir beim ersten Anblick von Feuer zehntausende Jahre von Fortschritt über den Haufen werfen: «Uhh lueg mol, es isch hell und warm und es knisteret!» Dabei besteht Grillieren in Wahrheit zu 80 Prozent aus warten, kurz etwas mit der Zange antippen, lautstarkem «Es goht no füf Minute!» alle drei Minuten zu rufen und die eigene Ahnungslosigkeit zu überspielen.
Wir haben es uns als einzige WG mit Grill in der Freundesgruppe aber auch nicht leicht gemacht. Auf unserem Rost landet nämlich alles. Und sind wir ehrlich: Was man auf den Grill legt, verrät erschreckend viel über einen Menschen.
Wer Cervelat grilliert, ist einfach klassisch schweizerisch. Du hast IMMER ein Sackmesser dabei, sagst regelmässig «früehner het das au funktioniert» und zahlst auch schon in eine vierte Säule sein.
Wenn du eine Olmabratwurst auf den Grill legt, bist du hingegen die Definition von Mainstream. Dein Lieblingsgenre ist Radiomusik, du nennst Bier Flüssigbrot und die FCSG-Bettwäsche ist auch nicht weit entfernt.
Die Grillschnecken-Fraktion lebt komplett stressfrei. Rechnungen werden frühestens bei der dritten Mahnung gezahlt und wahrscheinlich wohnt ihr mit 27 noch zu Hause, das immerhin mit sehr stabilem WLAN.
Pouletspiessli-Menschen hingegen wissen einfach, was gut ist. Elegant, charmant, effizient. Ihr seid die Art Mensch, die am Bahnhof schon auf dem richtigen Perron steht, bevor das Gleis überhaupt angekündigt wurde.
Die Chäswürstli-Fraktion kann man auch die richtigen «Connaisseure des Lebens» (Marta wollte diese Beschreibung) nennen. Jedoch hat der Genuss auch seine Kosten und diese Gonessöre (so findet Reena sollte man es schreiben) müssten mal zum Grillputzen verdonnert werden.
Maiskolben-Grillierer:innen haben im Leben mindestens etwas verstanden. Wahrscheinlich gutes Elternhaus, emotional stabil und ihr nutzt bestimmt immer Zahnseide, wobei Letzteres beim Mais auch bitter nötig ist.
Beim Gemüsespiess kommt es stark auf die Würzung an. Gut mariniert? Sympathisch und mit beiden Beinen im Leben. Ungewürzt? Dann könnt ihr direkt auf den Schandstuhl zu der «Bratwurst mit Senf»-Gruppe.
Und dann gibt es noch die Grillkäse-Menschen. Ganz ehrlich: geili Sieche. Ihr strotzt nur so vor Lebensfreude und bringt auch die guten Salate.
Also ja, wie ihr seht, haben wir unseren inneren Familienvater gefunden, mit Grillzange, aber ohne Bier und Brusthaare.
Reena Krishnaraja ist Stand-up-Comedian aus Grub und studiert Sozialwissenschaften in Bern. Gemeinsam mit ihrer WG-Kollegin Marta Ulreich schreibt sie diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer, Toni Brunner und Jérôme Müggler.
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