Von KI sollen alle profitieren: Gewerkschaften am Bodensee fordern kürzere Arbeitszeiten
Die Arbeitswelt ist in einem rasanten Wandel: Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz machen viele Arbeitsabläufe effizienter und steigern die Produktivität. Gleichzeitig nehmen Arbeitsverdichtung, psychische Belastungen und der Druck zur ständigen Erreichbarkeit zu.
Der Interregionale Gewerkschaftsrat (IGR) Bodensee, ein Zusammenschluss von Gewerkschaften aus den Bodensee-Ländern Schweiz, Deutschland und Österreich sowie Liechtenstein, fordert nun grenzüberschreitend entsprechende Verbesserungen für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Veränderungen der Arbeitswelt müssten der Gesundheit, Lebensqualität und Vereinbarkeit von Beruf und Familie zugute kommen.
Kürzere Arbeitszeiten, ausreichend Erholung
Die Antwort auf den Wandel der Arbeitswelt könne nicht darin bestehen, Menschen noch länger arbeiten zu lassen, hiess es an einer Medienkonferenz des IGR Bodensee von Arbeitnehmenden-Vorsitzenden aus allen vier Ländern am Montag in St.Gallen. «Die Arbeitszeit der Zukunft muss sich am Leben der Menschen orientieren – nicht umgekehrt.»
Österreich, Deutschland, die Schweiz und Liechtenstein haben unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und rechtliche Rahmenbedingungen. Die Herausforderungen seien jedoch ähnlich: zunehmende Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel, psychische Belastungen, Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die zunehmende Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit.
Der IGR Bodensee fordert deshalb eine Arbeitszeitpolitik des Fortschritts statt des Rückschritts. Kürzere Arbeitszeiten, mehr Zeitsouveränität, ausreichende Erholung und faire Regeln für flexible Arbeit sollen zu zentralen Eckpfeilern der Arbeitswelt der Zukunft werden.
Produktivitätsgewinne nicht nur für Dividenden
«Wir wollen, dass die Menschen vom Fortschritt profitieren: durch mehr Zeit für Familie und Freizeit, durch bessere Gesundheit und durch faire Bezahlung», sagte Reinhard Stemmer, Landesvorsitzender Österreichischer Gewerkschaftsbund Vorarlberg und Präsident des IGR Bodensee. «Mehr Lebensqualität ist kein Gegensatz zu einer erfolgreichen Wirtschaft – sie ist eine Voraussetzung dafür.»
Lukas Auer, Präsident Thurgauer Gewerkschaftsbund und Vizepräsident IGR Bodensee, stellte fest, dass die Schweizer Wirtschaft «seit Jahrzehnten erhebliche Produktivitätssteigerungen» erziele. Dies dürfe nicht ausschliesslich zu höheren Unternehmensgewinnen und Dividenden führen. «Die Produktivitätsgewinne müssen in Form von mehr Freizeit, besseren Arbeitsbedingungen und einer kürzeren Arbeitszeit bei den Beschäftigten ankommen.»
Die 14 Forderungen des IGR Bodensee umfassen unter anderem die schrittweise Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Gehaltsausgleich; die 4-Tage-Woche als echtes Arbeitszeitverkürzungsmodell statt einer Verdichtung der bisherigen Arbeitszeit; keine weitere Aufweichung von Höchstarbeitszeiten und Ruhezeiten; ein Recht auf Nichterreichbarkeit und verbindliche Arbeitszeiterfassung; mehr Zeitsouveränität und verbindliche Mitbestimmung der Beschäftigten bei der Arbeitszeitgestaltung; besonderer Schutz und kürzere Arbeitszeiten in körperlich und psychisch belastenden Berufen; mehr Erholungszeit durch die sechste Urlaubswoche und den Erhalt gesetzlicher Feiertage; Lebensphasenmodelle, familienfreundliche Arbeitszeiten und flexible Übergänge in die Pension; grenzüberschreitende Mindeststandards bei Arbeitszeit, Ruhezeiten und Arbeitszeiterfassung im Bodenseeraum; eine gerechtere Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit zwischen Frauen und Männern, um Lohn- und Pensionsunterschiede abzubauen.
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