­
­
­
­

Ein Stück Wirtshaus zum Mitnehmen: Ausverkauf in der Dietfurter «Traube»

Was bleibt von einer Dorfbeiz, wenn die letzte Runde ausgeschenkt ist? In der «Traube» in Dietfurt wechselten am Freitag und Samstag Gläser, Stühle, Pfannen und manch liebgewonnenes Stück den Besitzer. Der Inventarverkauf lockte Schnäppchenjäger an – aber nicht nur.
von Andrea Häusler
Gleich mehrere Fondue Chinoise-Sets sind verkauft: Ruth Schönenberger (rechts) hilft ganz selbstverständlich beim Einpacken mit. (Bild: Andrea Häusler)
Tochter Delia Schönenberger (links) hat soeben 14 Beizenstühle an die Frau gebracht. (Bild: Andrea Häusler)
Pfannen, Teller, Saucieren: Gebrauchtes, das auf ein zweites Leben wartet. (Bild: Andrea Häusler)

Das Besteck hat über die Jahre seinen eigenen Glanz bekommen. Feine Kratzer zeugen von Mahlzeiten, Geselligkeit und Begegnungen, aus denen Wirtshausgeschichten entstanden. Makellos wirken dagegen die Gläser: Blank poliert stehen sie dicht an dicht auf alten Beizentischen. Auf anderen stapeln sich Pfannen, Rechauds und Hot-Stone-Sets. Es sind Relikte eines Restaurantbetriebs, der letzten Dezember zum Stillstand gekommen ist.

Die Zeit der «Traube» im Dietfurter Rank ist abgelaufen. Vergeblich hatte Ruth Schönenberger nach einer Nachfolgelösung gesucht. Mit dem Inventarverkauf am Freitag und Samstag lud sie die Öffentlichkeit ein letztes Mal in die Gaststube – bevor das Erdgeschoss des über 300-jährigen einstigen Gerichtshauses zur Wohnung umgebaut wird.

Ein letzter Kaffee in der «Traube»

So überschaubar das Interesse an einer Weiterführung des Betriebs war, so gross ist am Freitag der Andrang auf das, was von ihm geblieben ist. Schon kurz nach zwei Uhr nachmittags ist hinter der Dorfbeiz kein Parkplatz mehr frei. Schnäppchenjäger schieben sich durch die Gänge in die Gaststube, die Küche und Nebenräume.

Ruth Schönenberger steht in der Küche. Die einstige Ausstattung ist bereits ziemlich ausgedünnt. «Ich konnte einiges vorab verkaufen», sagt die Wirtin, die keine mehr sein möchte.

Tochter Delia Schönenberger (links) hat soeben 14 Beizenstühle an die Frau gebracht. (Bild: Andrea Häusler)

Geblieben ist der mobile Tellerwärmer – blanker Chromstahl auf Rollen. 180 Franken soll er kosten. «Das ist günstiger, als einen zu mieten», wirbt Schönenberger im Vorbeigehen. Einig wird man sich trotzdem nicht.

Eine Null mehr trägt das Preisschild der Kaffeemaschine, die leise vor sich hin summt. Der Duft frisch gemahlener Bohnen zieht durch den Raum. Ein letzter Kaffee – das geht noch. Draussen in der «Trübli-Hütte» füllen sich die Bänke. Noch immer hängen Preislisten für Getränke an der Wand – und ein Schild mit Pippi Langstrumpf.  «Am besten ihr geht jetzt nach Hause, denn wenn ihr nicht geht, könntet ihr ja nicht wiederkommen», steht darauf. Ein Satz, der nun eine ganz neue Bedeutung bekommt.

Manches bleibt, anderes geht

Ruth Schönenberger hat sich für einen Moment dazugesetzt, nimmt ihre kleine Enkelin in den Arm und sagt: «Gell, du bist bisher auch zu kurz gekommen.» Man kennt sich. Viele Kaufinteressierte sind aus dem Ort oder der Region. Da und dort ist Wehmut zu spüren. Bei der Wirtin selbst ist sie der Vorfreude gewichen: «Ich habe tatsächlich abgeschlossen», sagt sie. «Jetzt beginnt etwas Neues.»

Tochter Delia Schönenberger hat inzwischen 14 Stühle verkauft. Nur: Wohin damit? Ruth Schönenberger findet einen Platz zum Zwischenlagern – und ist schon wieder gefragt. Fondue-Chinoise-Sets sollen es sein, und davon gleich mehrere: Der Preis passt, der Deal ist rasch besiegelt. Sie gehen an einen Partyservice ennet dem Ricken.

Pfannen, Teller, Saucieren: Gebrauchtes, das auf ein zweites Leben wartet. (Bild: Andrea Häusler)

Gesucht wird auch schlicht Nützliches: Küchentücher etwa. «Weil sie schon gewaschen sind und daher besser trocknen», wie die Frau mit dem Tuchstapel in der Hand sagt. Oder Aufbewahrungsboxen – Dinge, von denen man nie genug haben könne.

Andere sind auf der Suche nach einem Erinnerungsstück – und gehen manchmal leer aus. Das Emailleschild mit der Aufschrift «Küche» ist unverkäuflich. Es wird zusammen mit der Tür in die künftige Wohnung integriert. Auch die Biedermeier-Eckbank bleibt, ebenso der lange Beizentisch mit den schwarzen Füssen. «10'000 Franken hat mir schon mal jemand geboten», sagt Ruth Schönenberger mit einem Lachen. «Aber... nein.»

Vorfreude auf das nächste Kapitel

Am Samstagabend ist vieles, was die «Traube» ausgemacht hatte, weitergezogen. Schönenberger ist zufrieden: «Der Verkauf ist gut gelaufen – vor allem am Freitag.» Was sie mit dem Rest anfängt, weiss sie noch nicht: «Brockenhaus, oder sowas.» Sie ist erst einmal froh, dass der «Flohmarkt» vorbei ist.

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt ihr allerdings nicht: Anfang nächsten Jahres fahren die Handwerker auf. Und bald wird hier neues Leben einziehen: Tochter Andrina, ihr Partner und bald schon ein weiteres Enkelkind. «Darauf freue ich mich», sagt Ruth Schönenberger, die ab Oktober als neue Hallenchefin der Markthalle Toggenburg Events organisieren wird.

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/ostschweiz/dietfurter-traube-schliesst-inventarverkauf-markiert-den-abschied-art-753381

Copyright © 2026 by Vaduzer Medienhaus
Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung.

­
­