­
­
­
­

«Wir machen das für die betroffenen Mädchen»: Chössi-Theater wagt sich an schweres Thema

Das Chössi-Theater Lichtensteig brachte ein dunkles Kapitel der Toggenburger Geschichte auf die Bühne. Die erste Vorstellung von «Spindl'… Sp'ichr'… Still» über die Zwangsarbeiterinnen in Dietfurt endete mit einer Standing Ovation.
von Ajla Nurkovic
Alle symbolisch vereint im Wohnheim. Die jungen Frauen, die Nonnen und der Fabrikdirektor. (Bild: Rene Tanner Festhalter)
Die jungen Frauen: Bettina Bösch, Leonie Blöchlinger, Gioia Gwin, Anina Zahner, Lina Ammann, Fiona Buchner, Tamara Flury (von links). (Bild: Rene Tanner Festhalter)
Philipp Guldimann als Fabrikdirektor in der Bibliothek. (Bild: Rene Tanner Festhalter)
Die jungen Frauen, für einmal fröhlich im Ausgang. (Bild: Rene Tanner Festhalter)
Dorfbewohner und im Hintergrund die jungen Frauen. (Bild: Rene Tanner Festhalter)
Im Schlafsaal. (Bild: Rene Tanner Festhalter)
Die Nonnen (Beatrix Hafner, Bea Waldvogel, Cilgia Kobelt) und der Fabrikdirektor (Philipp Guldimann). (Bild: Rene Tanner Festhalter)

Es ist Donnerstagabend in der Bahnhalle Lichtensteig. Rund 100 Menschen haben sich eingefunden, alle Plätze sind besetzt. Hinter einem Schleier steht ein Klavier, Projektoren werfen das Bild des Marienheims in Dietfurt an die Wand – jenes Heims, in dem junge Frauen einst unter dem Deckmantel von Fürsorge zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden. «Spindl'... Sp'ichr'... Still» ist die neue Eigenproduktion des Chössi-Theaters und feiert an diesem Abend seine Premiere. Das Stück erzählt von den sogenannten «gefallenen Mädchen» – jungen Frauen, die zwischen 1941 und 1968 in der Spinnerei Dietfurt arbeiten mussten. Es ist kein einfaches Thema, das das Chössi-Theater auf die Bühne bringt. Und doch – oder gerade deshalb – sitzen die Zuschauer gebannt auf ihren Stühlen.

Die jungen Frauen: Bettina Bösch, Leonie Blöchlinger, Gioia Gwin, Anina Zahner, Lina Ammann, Fiona Buchner, Tamara Flury (von links). (Bild: Rene Tanner Festhalter)

Zwischen Lachen und Betroffenheit

Sechs Darstellerinnen verkörpern die jungen Frauen, die einst aus ihrem Leben herausgerissen wurden. Das Stück wechselt zwischen den Geschichten der jungen Frauen, dem strengen Regiment der Ingenbohler Schwestern und der Macht des Fabrikdirektors. In einer Szene erzählen die Mädchen von ihren Schicksalen – für Regisseur Simon Keller und Hauptdarstellerin Lina Ammann die stärkste des Abends. «Es ist eine simple Szene und basiert auf wahren Geschichten der jungen Frauen von damals», sagt Keller.

Philipp Guldimann als Fabrikdirektor in der Bibliothek. (Bild: Rene Tanner Festhalter)

Zwischendurch lockern einzelne Momente die Schwere auf. Als die Mädchen beim Anblick des Zimmermanns kichern, ermahnt eine der Schwestern sie: «Nicht lachen – nur innerlich.» Das Publikum lacht herzlich. Beim Sonntagsausgang in eine Bar dreht die Stimmung vollends. Die Lichter im Raum gehen an, ein Kellner bedient die Zuschauenden, die Mädchen setzen sich mitten unter das Publikum und begrüssen die Leute scheu. Musik ertönt, die Mädchen fangen an zu tanzen, jemand wird auf die Bühne gezogen. Die Darstellerinnen sprechen von «Freiheit» – und man ahnt, wie viel dieses Wort für die «gefallenen Mädchen» bedeutet hat. Einige dieser Szenen sind direkt von Erzählungen der Betroffenen Irma Frei inspiriert, die selbst bei der Premiere im Publikum sass.

Die jungen Frauen, für einmal fröhlich im Ausgang. (Bild: Rene Tanner Festhalter)

Ein Appell an die Gegenwart

Gegen Ende wird das Lied «Labour» der Künstlerin Paris Paloma ins Stück integriert – bekannt als feministische Hymne. Während die Darstellerinnen singen, hält eine Protagonistin eine Rede gegen das Schweigen. Das Publikum schaut gebannt zu. «Es ist ein Appell an die Gegenwart», sagt Regisseur Keller nach der Vorstellung. «Wir wollten die Geschichte mit heute verbinden, da es noch Gruppen gibt, die unterdrückt werden.» Zum Schluss taucht das Bild des Marienheims wieder auf dem Schleier auf – die Darstellerinnen stehen dahinter, als wären sie zurück im Haus. Die Vorstellung endet – und der Saal erhebt sich zu einer langen Standing Ovation.

Dorfbewohner und im Hintergrund die jungen Frauen. (Bild: Rene Tanner Festhalter)

Überwältigende Reaktionen

Hauptdarstellerin Lina Ammann hatte sich zur Vorbereitung Zeit mit Irma Frei genommen. «Ich wollte ihr wirklich gerecht werden», sagt sie. Nach der gelungenen Premiere ist sie erleichtert: «Es ist mir wie ein Stein vom Herzen gefallen.» Die enge Beziehung unter den Darstellerinnen habe dabei geholfen, das schwere Thema zu tragen. «Manchmal umarmen wir uns auch nach bestimmten Szenen», sagt Ammann. Für sie ist klar, was der Abend bedeutet: «Wir machen das für die betroffenen Mädchen, um ihnen eine Stimme zu geben.»

Im Schlafsaal. (Bild: Rene Tanner Festhalter)

Auch Regisseur Keller wirkt nach der Premiere überwältigt. «Wir sind total überfordert. Es ist noch nicht angekommen und wir müssen die Premiere noch verarbeiten», sagt er und lacht. Mediensprecher Hansruedi Kugler ergänzt, dass anfänglich auch Bedenken dagewesen seien, dieses schwierige Thema auf die Bühne zu bringen. «Zum Glück sind wir mutig geblieben.» Zugleich ist es die letzte Eigenproduktion des Chössi-Theaters, bevor dir Bahnhalle umgebaut wird und das Theater eine Pause einlegt.

Die Nonnen (Beatrix Hafner, Bea Waldvogel, Cilgia Kobelt) und der Fabrikdirektor (Philipp Guldimann). (Bild: Rene Tanner Festhalter)

«Spindl'... Sp'ichr'... Still» läuft bis zum 31. Mai im Chössi-Theater Lichtensteig. Bis dahin finden insgesamt acht Vorstellungen statt, viele davon sind bereits ausverkauft. Restkarten gibt es vor allem noch für die Zusatzvorstellung vom Sonntag, 31. Mai. Tickets unter zukunft.bahnhof.

Artikel: http://www.vaterland.li/regional/ostschweiz/choessi-theater-lichtensteig-stueck-ueber-zwangsarbeit-im-toggenburg-art-733094

Copyright © 2026 by Vaduzer Medienhaus
Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung.

­
­