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Carla Maurer: Was schulden uns die Grosseltern eigentlich?

157 Millionen Stunden pro Jahr betreuen Grosseltern in der Schweiz ihre Enkelkinder. Das ist grossartig, aber keine Selbstverständlichkeit. Pfarrerin Carla Maurer findet: Eltern sollten sich fragen, was Grossmami und Grosspapi eigentlich mit ihrem aktiven Alter anfangen möchten.
Carla Maurer, Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal und Tagblatt-Kolumnistin. (Bild: Samuel Schalch)

Mein Algorithmus hat mir letzte Woche folgendes Reel ausgespuckt: ein Vater dreht fröhlich ein Selfie-Video mit seiner velofahrenden Tochter im Hintergrund. Darunter der Kommentar «Schulferien mit einem Kind». Dann folgt eine Mutter, die ruft: «Jetzt hört endlich auf zu streiten!» Darunter die Caption «Schulferien mit zwei Kindern». Im nächsten Bild ein flehender Vater: «Liebt euch doch einfach…». Drei Kinder. Und dann kommt der schweissgebadete Vater von vier Kindern, zerrissenes Hemd, mehr recht als schlecht im Stuhl hängend. Der sagt gar nichts mehr. Bei vier Kindern hört das Reel auf.

Die Mahnung zum Frieden gehört dieser Tage tatsächlich zu meinen meist geäusserten Sätzen. Mein Algorithmus weiss einfach alles. Der Ferienalltag besteht aus fragmentierten Arbeitsblöcken, Familienchaos und ständigem Verhandeln. Kommen bei uns nach dem Umzug in die Stadt Zürich noch Kisten auspacken und die Organisation des neuen Haushalts hinzu. Im Vergleich zu unserem Umzug aus London vor zwei Jahren ein Sonntagsspaziergang. Ein fast ganz normaler Sommer also. Der Glacékonsum schiesst in die Höhe. An heissen Tagen geht es mit aufreibender Materialschlacht in die Badi oder zum Blockbuster-Movie im klimatisierten Kinosaal.

Gottseidank gibt es Grosseltern. Kinder landauf, landab packen für ein paar Tage ihr Pischi und Zahnbürstli und reisen mit Käppi auf dem Kopf zu Grosspapi oder Grossmami in die Ferien. Tschutten, Schifflifahren, Würste bräteln, Ausflüge mit dem Postauto und Lieblingsessen stehen auf dem Programm. Es wird gnadenlos verwöhnt. Schweizer Grosseltern stehen aber nicht nur in den Ferien für ihre Grosskinder auf der Matte. Sie leisten pro Jahr 157 Millionen Stunden Betreuungsarbeit. Kitas und andere schulergänzende Einrichtungen sind zwar an der Spitze. Ein Drittel der Kinder (besonders Kleinkinder unter vier Jahren) wird in der Schweiz jedoch wöchentlich von ihren Grosseltern betreut. Ein europäischer Spitzenwert!

Wie finden das die Grosseltern? Aus meinem Umfeld höre ich gemischte Rückmeldungen. Es gibt die Grosseltern, die jede Woche mehrmals freudestrahlend zum Dienst antraben. Eine kleine Minderheit, wage ich zu behaupten. Da ist der grosse Gruppe der pflichtbewussten Grosseltern, die teilweise grosse Distanzen auf sich nehmen, weil man das halt so macht. Natürlich würden sie ihr Alter gerne freier gestalten. Aber man will das Verhältnis zu den eigenen Kindern nicht aufs Spiel setzen. Dann gibt es die dreisten Grosseltern. Sie stehen für die wöchentliche Betreuung nicht zur Verfügung und ernten dafür missmutige bis neidische und heimlich bewundernde Blicke. Auch sie wohl eher eine Minderheit.

Die Generation Grosseltern haben ihre Betreuungsarbeit eigentlich geleistet. Nämlich an uns. Ganz besonders die Grossmütter. Ihnen fällt aber oft die Betreuungsarbeit der Grosskinder zu. Liebe Mit-Eltern, falls ihr zu den Glücklichen gehört, die fitte Grossmamis und Grosspapis in der Nähe haben (und dazu noch ein intaktes Verhältnis), fragt sie doch einmal, wie sie ihr aktives Alter gerne gestalten möchten und welche Rolle die Familie dabei spielen soll. Wir schulden einander nichts. Geben und Nehmen aus ehrlicher Empathie heraus fühlt sich viel besser an und ist befreiend.

Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.

 
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