Carla Maurer: Was schulden uns die Grosseltern eigentlich?
Mein Algorithmus hat mir letzte Woche folgendes Reel ausgespuckt: ein Vater dreht fröhlich ein Selfie-Video mit seiner velofahrenden Tochter im Hintergrund. Darunter der Kommentar «Schulferien mit einem Kind». Dann folgt eine Mutter, die ruft: «Jetzt hört endlich auf zu streiten!» Darunter die Caption «Schulferien mit zwei Kindern». Im nächsten Bild ein flehender Vater: «Liebt euch doch einfach…». Drei Kinder. Und dann kommt der schweissgebadete Vater von vier Kindern, zerrissenes Hemd, mehr recht als schlecht im Stuhl hängend. Der sagt gar nichts mehr. Bei vier Kindern hört das Reel auf.
Die Mahnung zum Frieden gehört dieser Tage tatsächlich zu meinen meist geäusserten Sätzen. Mein Algorithmus weiss einfach alles. Der Ferienalltag besteht aus fragmentierten Arbeitsblöcken, Familienchaos und ständigem Verhandeln. Kommen bei uns nach dem Umzug in die Stadt Zürich noch Kisten auspacken und die Organisation des neuen Haushalts hinzu. Im Vergleich zu unserem Umzug aus London vor zwei Jahren ein Sonntagsspaziergang. Ein fast ganz normaler Sommer also. Der Glacékonsum schiesst in die Höhe. An heissen Tagen geht es mit aufreibender Materialschlacht in die Badi oder zum Blockbuster-Movie im klimatisierten Kinosaal.
Gottseidank gibt es Grosseltern. Kinder landauf, landab packen für ein paar Tage ihr Pischi und Zahnbürstli und reisen mit Käppi auf dem Kopf zu Grosspapi oder Grossmami in die Ferien. Tschutten, Schifflifahren, Würste bräteln, Ausflüge mit dem Postauto und Lieblingsessen stehen auf dem Programm. Es wird gnadenlos verwöhnt. Schweizer Grosseltern stehen aber nicht nur in den Ferien für ihre Grosskinder auf der Matte. Sie leisten pro Jahr 157 Millionen Stunden Betreuungsarbeit. Kitas und andere schulergänzende Einrichtungen sind zwar an der Spitze. Ein Drittel der Kinder (besonders Kleinkinder unter vier Jahren) wird in der Schweiz jedoch wöchentlich von ihren Grosseltern betreut. Ein europäischer Spitzenwert!
Wie finden das die Grosseltern? Aus meinem Umfeld höre ich gemischte Rückmeldungen. Es gibt die Grosseltern, die jede Woche mehrmals freudestrahlend zum Dienst antraben. Eine kleine Minderheit, wage ich zu behaupten. Da ist der grosse Gruppe der pflichtbewussten Grosseltern, die teilweise grosse Distanzen auf sich nehmen, weil man das halt so macht. Natürlich würden sie ihr Alter gerne freier gestalten. Aber man will das Verhältnis zu den eigenen Kindern nicht aufs Spiel setzen. Dann gibt es die dreisten Grosseltern. Sie stehen für die wöchentliche Betreuung nicht zur Verfügung und ernten dafür missmutige bis neidische und heimlich bewundernde Blicke. Auch sie wohl eher eine Minderheit.
Die Generation Grosseltern haben ihre Betreuungsarbeit eigentlich geleistet. Nämlich an uns. Ganz besonders die Grossmütter. Ihnen fällt aber oft die Betreuungsarbeit der Grosskinder zu. Liebe Mit-Eltern, falls ihr zu den Glücklichen gehört, die fitte Grossmamis und Grosspapis in der Nähe haben (und dazu noch ein intaktes Verhältnis), fragt sie doch einmal, wie sie ihr aktives Alter gerne gestalten möchten und welche Rolle die Familie dabei spielen soll. Wir schulden einander nichts. Geben und Nehmen aus ehrlicher Empathie heraus fühlt sich viel besser an und ist befreiend.
Carla Maurer stammt aus St.Gallen und ist Pfarrerin in der reformierten Kirchgemeinde Sihltal. Sie schreibt diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Toni Brunner und Jérôme Müggler, sowie Reena Krishnaraja und Marta Ulreich, die ihre Kolumnen gemeinsam verfassen.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben





Kleines Vademecum für Kommentarschreiber
Wie ein Kommentar veröffentlicht wird – und warum nicht.
Wir halten dafür: Wer sich an den gedeckten Tisch setzt, hat sich zu benehmen. Selbstverständlich darf an der gebotenen Kost gemäkelt und rumgestochert werden. Aber keinesfalls gerülpst oder gefurzt.
Der Gastgeber bestimmt, was für ihn die Anstandsregeln sind, und ab wo sie überschritten werden. Das hat überhaupt nichts mit Zensur zu tun; jedem Kommentarschreiber ist es freigestellt, seine Meinung auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen.
Jeder Artikel, der auf vaterland.li erscheint, ist namentlich gezeichnet. Deshalb werden wir zukünftig die Verwendung von Pseudonymen – ausser, es liegen triftige Gründe vor – nicht mehr dulden.
Kommentare, die sich nicht an diese Regeln halten, werden gelöscht. Darüber wird keine Korrespondenz geführt. Wiederholungstäter werden auf die Blacklist gesetzt; weitere Kommentare von ihnen wandern direkt in den Papierkorb.
Es ist vor allem im Internet so, dass zu grosse Freiheit und der Schutz durch Anonymität leider nicht allen guttut. Deshalb müssen Massnahmen ergriffen werden, um diejenigen zu schützen, die an einem Austausch von Argumenten oder Meinungen ernsthaft interessiert sind.
Bei der Veröffentlichung hilft ungemein, wenn sich der Kommentar auf den Inhalt des Artikels bezieht, im besten Fall sogar Argumente anführt. Unqualifizierte und allgemeine Pöbeleien werden nicht geduldet. Infights zwischen Kommentarschreibern nur sehr begrenzt.
Damit verhindern wir, dass sich seriöse Kommentatoren abwenden, weil sie nicht im Umfeld einer lautstarken Stammtischrauferei auftauchen möchten.
Wir teilen manchmal hart aus, wir stecken auch problemlos ein. Aber unser Austeilen ist immer argumentativ abgestützt. Das ist auch bei Repliken zu beachten.
Wenn Sie dieses Vademecum nicht beachten, ist das die letzte Warnung. Sollte auch Ihr nächster Kommentar nicht diesen Regeln entsprechen, kommen Sie auf die Blacklist.
Redaktion Vaterland.li
Diese Regeln haben wir mit freundlicher Genehmigung von www.zackbum.ch übernommen.