Reena Krishnaraja und Marta Ulreich: Welcher Bünzli sind Sie?
«Bisch du en ‹huere› Bünzli!» Wenn Sie diesen Satz noch nie gesagt haben, wurde er sehr wahrscheinlich zu Ihnen schon mal gesagt. Klingt nach einer Beschimpfung … aber ist es das auch wirklich? Oder sind wir alle im Innern irgendwie ein Bünzli?
Was ist ein Bünzli überhaupt? Wir machen einen kleinen Deep Dive (cooles Gen-Z-Wort für «tiefgründiges Behandeln»). Laut Duden wird Bünzli als Spiessbürger definiert. Also eine «engstirnige männliche Person, die sich an den Konventionen der Gesellschaft und dem Urteil der anderen orientiert». Klingt eindeutig. Woher das Wort Bünzli kommt und was Gottfried Keller damit zu tun hat, können Sie selbst googeln. Genug zur Theorie, hier kommt unser Bild eines Bünzlis:
Zuerst mal müssen wir klarstellen: Für uns gibt es nicht nur den einen Bünzli. Es gibt mehrere Versionen dieses Geschöpfs. Ein Bünzli ist nicht immer ein Mann und muss auch nicht immer etwas Negatives sein.
Der klassische Bünzli: Der Kleidungsstil ist so gewählt, dass er jederzeit ready für eine Wanderung wäre. Er braucht mindestens einmal am Tag seine Portion Fleisch, besitzt einen Brieföffner, mag Riz Casimir, hat wahrscheinlich ein Ferienhaus in Arosa, fährt seit 13 Jahren immer an den gleichen Ferienort und hat stets zwei kleine Appenzeller gekühlt im Getränkefach des Kühlschranks.
Die Karen/Karin Bünzli: Als selbsternannte Sittenpolizei ihres Quartiers mag sie natürlich keine schulterlosen Tops. Im Ausgang vielleicht, doch beim Einkaufen im Volg? Gohts enard?! Sie weiss genau, was sich gehört und was nicht, und ihr Lieblingssatz beginnt mit: «Aso i will jo nüt säge, aber…».
Der coole Bünzli: Du besitzt zwar das Spiel «Kampf gegen das Bünzlitum», hast dafür aber andere Standards entwickelt. Du gehst gerne biken, jasst regelmässig mit Freunden, redest etwas zu gerne über Wein und möchtest dir «irgendwann mal» einen Oldtimer kaufen. Du bist überzeugt, dass du spontan bist, hast aber für die nächste Velotour in zwei Wochen bereits eine Route auf Komoot geplant.
Leider gibt es natürlich auch den unangenehmen Bünzli: Er sagt im Restaurant noch ‹Fräulein›, findet, ohne Alkohol könne man keinen Spass haben, und diskutiert mit Leidenschaft über Neutralität oder KI-generierte Plakate mit falschen Trachten oder Zahlen, die nur symbolisch verwendet wurden.
Es gibt viele Arten von Bünzlis. Doch wo hört normaler Anstand auf und fängt das Bünzlitum an? Vielleicht ist das Stellen dieser Frage schon unser erstes Indiz. Wir würden uns niemals als Bünzlis bezeichnen, qualifizieren uns damit aber direkt für eine weitere Kategorie: die verdeckten Bünzlis. Wir recyceln gewissenhaft, checken auf MeteoSchweiz den Regenradar, bevor wir das Haus verlassen, und würden so gerne mal eine Baustellenlampe mitgehen lassen, haben aber viel zu viel Angst vor den Konsequenzen. Wir gehen nur bis zum letzten Posti in den Ausgang, bestellen im Restaurant grundsätzlich nichts, was man zu Hause mit einer Pfanne und drei Zutaten selbst machen könnte, und finden es völlig legitim, wenn man sich über den kläffenden Hund der Nachbarn aufregt, solange man es nur in der eigenen WG tut.
Bünzlis gibt es also in jeder Ausführung und in jedem Alter und es ist auch völlig okay, ein Bünzli zu sein. Seid also ruhig ein Bünzli, aber bitte kein unangenehmer. :)
Reena Krishnaraja ist Stand-up-Comedian aus Grub und studiert Sozialwissenschaften in Bern. Gemeinsam mit ihrer WG-Kollegin Marta Ulreich schreibt sie diese Kolumne wöchentlich im Turnus mit Paul Rechsteiner, Carla Maurer, Toni Brunner und Jérôme Müggler.
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