• Glockenblumen in einer Magerwiese (Archivbild)
    Glockenblumen in einer Magerwiese (Archivbild)  (KEYSTONE/GAETAN BALLY)

Biodiversität am Strassenrand

An Thurgauer Strassenböschungen werden Maschinen eingesetzt, die seltene Tier- und Pflanzenarten zerstören. Umweltschützer haben interveniert. Nun beginnt beim Strassenunterhalt ein Umdenken.
Frauenfeld TG. 

Die Mäh-Mulch-Maschine arbeitet effizient. In Sekundenschnelle rasiert sie meterweise blühende Wiesenborde ab, zerhackt das Mähgut und spuckt es wieder aus. Dabei werden die allermeisten Insekten und Kleinlebewesen getötet. Doch das ist noch nicht das Schlimmste.

Laut Toni Kappeler, Präsident von Pro Natura Thurgau, führt das Mulchen (Liegenlassen des Schnittguts) dazu, dass sich die Wiesenborde mit Nährstoffen anreichern, was das Pflanzenwachstum fördert. "Damit werden seltene Vegetationsgemeinschaften und national prioritäre Arten verdrängt", schrieb der grüne Kantonsrat kürzlich in einer Bittschrift ans Departement Bau und Umwelt.

Als Beispiele nennt Kappeler Strassenböschungen zwischen Herdern und Kalchrain. Dieses seien Habitat der äusserst seltenen Zwergheideschnecke. Während die Populationen der fünf Millimeter kleinen Schnecken an sonnigen Böschungen an der Strasse zwischen Uesslingen und Neunforn erloschen seien, gebe es noch einen Bestand der Wulstigen Kornschnecke bei Dietingen. Beide Schnecken seien national prioritäre Arten und hochgradig gefährdet.

Grillen, Eidechsen, Heuschrecken

Zu bedenken gibt Kappeler auch, dass mit einem naturnahen Unterhalt nicht allein diese Schnecken überleben könnten, sondern zahlreiche andere bedrohte Pflanzen- und Tierarten gefördert würden. Als Beispiele nennt der Naturschützer Grillen, Zauneidechsen, Schachbrettfalter und Heuschreckenarten.

Um die Biodiversität zu erhalten, solle das kantonale Tiefbauamt die Böschungen nicht mehr mulchen, sondern mähen und das Mähgut abführen. So könnten Strassenböschungen als Magerwiesen oder Magerweiden aufgewertet werden.

Kanton will handeln

Das Baudepartement reagierte auf den Brief. Die zuständige Behörde habe von den konkreten Abschnitten Kenntnis genommen, dies in den Strassenunterhalts-Bezirken bekannt gemacht und die Fachstelle Natur und Landschaft informiert, teilte Kantonsingenieur Andy Heller auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mit.

Beim Unterhalt der Strassenränder gehe es in erster Linie um die Verkehrssicherheit. Hohes und in die Fahrbahn ragendes Gras müsse weggeschnitten werden, damit die Strassenpfähle und Randlinien erkennbar blieben.

Zu wenig Personal

Der Kanton verfüge über zwei Mäh-Mulch-Maschinen, sagte Heller. Eine Maschine sei bereits zehn Jahre alt, die andere neu. Der Anschaffungspreis der neuen Maschine betrug 240'000 Franken für das Trägerfahrzeug, das auch für andere Zwecke eingesetzt wird, und 115'000 Franken für das Mähgerät.

Das Mähen und gleichzeitige Mulchen mit diesen Maschinen sei eine sehr effiziente Arbeitsmethode. Das Aufsaugen des Schnittgutes sei wegen der Kleinlebewesen keine Alternative. "Das Mähen von Hand oder mit Balkenmähmaschinen ist sehr aufwändig und erfordert zusätzliche Sicherheitsmassnahmen. Die personellen Ressourcen dafür haben wir nicht", sagte Heller.

Das Thurgauer Kantonsstrassennetz ist laut dem Kantonsingenieur rund 800 Kilometer lang. Rund 600 Kilometer davon liegen ausserorts. Das Gras an den Strassenrändern werde bei Bedarf gemäht, in der Regel zwei bis drei Mal pro Jahr und wenn möglich nicht vor dem 15. Juni.

Froschtunnels

Nicht alle Flächen seien ökologisch gleich wichtig. "Ich gehe davon aus, dass wir von der Fachstelle Natur und Landschaft auf spezielle Abschnitte hingewiesen werden", sagte Heller. Zudem gebe es in den Arbeitsgruppen "Grünpflege" durchaus sehr sachkundige Mitarbeiter, die selbst grossen Wert auf die Artenvielfalt legen.

An verschiedenen Orten habe das Tiefbauamt in der letzten Zeit zur Förderung der Artenvielfalt beigetragen und Restflächen - zum Beispiel Rabatten oder Kreisel-Innenflächen - zu Naturflächen aufgewertet. "Das werden wir bei Unterhaltsarbeiten künftig noch vermehrt tun", verspricht Heller.

Auch beim Amphibienschutz sei das Tiefbauamt tätig. Beispielsweise ziehe man bei allen Sanierungsstrecken einen Amphibienspezialisten hinzu, um Durchlässe für diese und andere Kleintiere zu bauen. (sda)

23. Jul 2019 / 09:19
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