• Dieses Bild entstand im ersten Jahr, als die 18 Flüchtlinge aus Tibet in Liechtenstein ankamen. Nikolaus und Rita Nipp halfen ihnen mit anderen Einheimischen, hier aufgenommen zu werden.

Vom Himalaja in die Alpen

1993 beantragten 18 tibetische Flüchtlinge Asyl in Liechtenstein. Unterschlupf fanden sie in Balzers.

Im Jahr 1993 versammelten sich acht Männer, fünf Frauen und fünf Kinder aus Tibet vor dem Schloss Vaduz, die mit einem englischsprachigen Dokument versuchten, dort Asyl zu beantragen. Ratlosigkeit herrschte – wie soll mit den Tibetern in einem Land verfahren werden, in dem es noch kein Asylgesetz gibt. Ein Regierungsentscheid folgte 1994, dieser fiel jedoch nicht zugunsten der Tibeter aus: Die Regierung anerkannte die Flüchtlinge nicht als solche an, obwohl ihnen zugestanden wurde, dass eine Rückschaffung nach Tibet wegen der dortigen Situation nicht möglich sei. Somit war die Zukunft der Tibeter vorerst ungewiss. Es folgte ein langwieriger, zeitintensiver Einsatz des Vereins «Tibet-Unterstützung Liechtenstein», bis die Verwaltungsbeschwerdeinstanz beziehungsweise der heutige Verwaltungsgerichtshof 1998 dessen Beschwerden stattgab und den Tibetern somit den Flüchtlingsstatus zusprach. Auch wenn die Institutionen zunächst mit der Aufnahme der Tibeter zauderten, zeigte sich auf privater Seite – vor allem in Balzers – viel Wohlwollen gegenüber den Flüchtlingen aus Tibet.

Ein nahes Verhältnis zu den Balznern

«Mit Balzers fühlen wir uns sehr verbunden, da die Bürger uns immer akzeptiert und mit Respekt behandelt haben», sagt Tsering Norbu Sipatsang, Vereinspräsident der Tibetischen Gemeinschaft in Liechtenstein. Dass sie in der südlichsten Gemeinde in Liechtenstein ihr neues Zuhause fanden, ist aber Zufall gewesen. In den Tagen, als sie ankamen, wur­den die Tibeter im Haus Gutenberg, wo der 1997 verstorbene Nikolaus Nipp als Hausmeister tätig war, und später im alten Pfarrhaus untergebracht. Nipp richtete die Schlafplätze ein und verständigte sich mit ihnen mittels Händen und Füssen. Die Chemie muss dabei gestimmt haben, denn er nahm sich der Tibeter an, bis er verstarb, wie die Witwe Rita Nipp erzählt: «Ich erinnere mich noch, wie manche ihm im Garten halfen und wie Nikolaus sie für kleinere Arbeiten an Landwirte vermitteln konnten.»

Denn arbeiten wollten sie stets und «sie sind immer sehr dankbar und äusserst hilfsbereit gewesen», wie Rita Nipp mehrfach betont. Sie und ihr Mann hätten keinen Handgriff im Garten oder in der Küche ausführen können, ohne dass die Tibeter ihnen nicht unter die Arme gegriffen hätten. Niko­laus Nipp sprach sich auch mit Bäckern und Lebensmittelhändlern ab, die das vom Tag Übriggebliebene günstig abgaben. «Wir werden nie vergessen, wie uns Nikolaus unterstützt hat», so Sipatsang. Aber auch sonst seien Balzner wie Liechtensteiner grosszügig gewesen, hätten Geld gespendet und sich engagiert. Man stellte ihnen eine Privatwohnung in Balzers zur Verfügung, und nach einiger Zeit konnten die einzelnen Familien dort heimisch werden. Auch hier spielte Nikolaus Nipp eine grosse Rolle, bei dessen Verwandten sie unterkommen konnten.

Auch wenn auf politischer Ebene die Frage nach dem Umgang mit den Tibetern nicht geklärt war, verspürten sie deswegen bereits in den ersten Tagen in Liechtenstein ein wenig Heimatgefühl. «Ich kann für alle sprechen, dass unsere ersten Eindrücke von Liechtenstein sehr positiv waren», sagt Sipatsang. Ebenso positiv war die Erfahrung der Bergwelt, die sie an Tibet erinnerte. «Aber na­tür­lich spürten wir die kulturellen Unterschiede zwischen Liechtenstein und Tibet» sagt Sipatsang. Zum Beispiel, dass es in Liechtenstein normal sei, Frem­de auf der Strasse zu grüssen: «Das gibt es in Tibet nicht.» Es seien solche Kleinigkeiten gewesen, welche die Flüchtlinge oftmals überrascht hätten: «Wir kannten die Gemüsesorte Salat nicht. In Tibet isst man bloss gekochtes Gemüse.» Auch hätten sie die verschiedenen Käsesorten erstaunt.

Seit der Anfangszeit sind beinahe 30 Jahre vergangen, Deutsch lernten sie zwischenzeitlich, und in Balzers lebt der grösste Teil der Tibeter noch immer. «Natürlich fühlen wir uns immer noch mit Tibet verbunden, aber nicht mehr so wie früher, weil wir uns in Liechtenstein sehr gut eingelebt und integriert haben», sagt Sipatsang. Den tibetischen Buddhismus leben sie für sich privat aus. «Viele Tibeter haben zu Hause eine Gebetszimmer, das sie täglich nutzen.» (dab)

01. Mai 2020 / 18:32
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