• Ewald Ospelt, Vaduz
    Der Vaduzer Bürgermeister Ewald Ospelt ist seit nunmehr elf Jahren im Amt.  (Tatjana Schnalzger)

«Wir sind die ‹Residenzler›»

Im grossen Interview spricht der Vaduzer Bürgermeister Ewald Ospelt über das Dauerthema Zentrumsentwicklung, die Identität des Hauptorts, einen ungerechtfertigten Imagemakel und traditionell volle Gemeindekassen.
Vaduz. 

17. November– da klingelt es bei Ihnen als Bürgermeister sicher ...
Ewald Ospelt: Dann kommt «SRF bi de Lüt» nach Vaduz.

Genau. Welche Bedeutung hat dieser Besuch des Schweizer Fernsehens?
Natürlich ist es eine Möglichkeit für Vaduz als Hauptort, aber ebenso für das Land insgesamt, sich sympathisch zu präsentieren. In Zusammenarbeit mit Liechtenstein Marketing werden wir sicher einen würdigen Auftritt mit toller Aussenwirkung hinlegen.

Wie toll wäre die Aussenwirkung da erst mit einer in weiten Teilen bereits realisierten Zentrumsentwicklung. Wurmt es Sie, dass Vaduz hier nicht weiter ist?
Wenn Sie das Projekt «Gnuag Platz för alli» ansprechen, dann befänden wir uns wohl in der Bauvollendung. Wurmen? Ich halte es jedenfalls nach wie vor für eine verpasste, mit fadenscheinigen Argumenten eliminierte Chance. Wir hätten hier beim Rathausplatz Kleinkino, den Schlösslekeller, verschiedene Geschäfte, genügend gedeckte Parkplätze und vieles mehr. Schade und vorbei.

Drei Jahre nach dem Aus von «Gnuag Platz för alli» an der Urne hat die Gemeinde im März 2018 einen neuen Anlauf für eine stringente Zentrumsgestaltung präsentiert.
Richtig. In einem ersten Schritt haben wir – unter Einbezug der Bevölkerung – 13 Strategiebausteine herausgearbeitet. Nun befinden wir uns in der Konzeptphase. Wir sind dabei, mit der Ausarbeitung von kleinen und mittelgrossen Projekten erste sichtbare Veränderungen zu schaffen. Die neue Verkleidung der Konzertmuschel etwa nahm diesen Weg.

Ist die neue Art der Zentrumsgestaltung – anders als das Grossprojekt «Gnuag Platz för alli» – ein sanfter, schrittweiser Prozess?
Mit den Bausteinen verfügen wir über Entwicklungsstrategien in verschiedenen Bereichen. Es ging darum festzuhalten, in welche Richtung wir gehen wollen, welche Bedürfnisse bestehen. Das kann dann, wenn Projekte entwickelt werden sollen, entsprechend berücksichtigt werden.

Das ist recht schwer greifbar. Gibt es eine Zielsetzung, bis wann sich die Bausteine wirklich im Erscheinungsbild des Zentrums niederschlagen sollen?
Wir haben kurz nach dieser «Schattenabstimmung» zu «Gnuag Platz för alli» mit der Ertüchtigung des Rathausplatzes begonnen. Bis heute wurde gut 1 Million Franken investiert. Ich denke, das können wir jetzt nicht im nächsten Jahr gleich wieder über den Haufen werfen und mit den Baggern auffahren.

Findet man im Zentrum die Identität eines Dorfes?
Das kann ich so nicht bestätigen. Unsere Vaduzer Quartiere haben vielmehr ganz unterschiedliche Identitäten. Das eher jüngere Zentrum hat ebenso ein spezifisches Wesen wie das alte Mittel- und Oberdorf mit seinen Weinbergen und dem Roten Haus oder das Villenviertel. Die meisten Menschen dürften sich mit dem Zentrum eher weniger identifizieren. Allenfalls mit einzelnen Gebäuden. Sie sind eben oftmals nicht unmittelbar dort zu Hause.

Soll sich das ändern?
Wir möchten im Zentrum wieder verstärkt Wohnraum anbieten. Entsprechende Projekte gibt es bereits – und das nicht nur im Hotellerie-Bereich. Im Nahraum Giessen beispielsweise werden weitere Mehrfamilienhäuser entstehen.

Zurück zur Identitätsfrage: Diese eine Vaduzer Identität gibt es also nicht?
Bezogen auf die Menschen gibt es die sehr wohl. Die Vaduzer definieren sich genauso über etwas wie die Schaaner oder Triesenberger. Wir sind die «Residenzler», wir vertreten das Selbstbewusstsein eines Hauptorts, oftmals verbunden mit Führungsansprüchen, die wir wann immer möglich auch wahrnehmen.

Die Schnittmenge von Vaduz und dem Land Liechtenstein ist gross. Hat es die Gemeinde schwer, ein eigenes Profil zu entwickeln und zu bewahren?
In erster Linie ist es ein Miteinander von Land und Gemeinde. Wir sind uns dieser parallelen Wahrnehmung natürlich bewusst. Aber das Positive überwiegt klar. All die Symbole, die das Land ausmachen –Schloss, Regierungs- und Landtagsgebäude, Kathedrale, Museen – werden auch in einen direkten Zusammenhang mit  Vaduz gebracht.

In den Augen vieler zeichnet Vaduz auch aus, dass dort wenig los ist. Das kann Ihnen nicht gefallen.
Natürlich nicht. Erst recht, weil es einfach nicht stimmt.

Das Tote-Hose-Image ist völlig unzutreffend?
Das wurde herbeigeredet. Klar, wenn ich mich zu bestimmten Jahreszeiten bei schlechtem Wetter abends durch den Aussenraum im Städtle bewege, sind da wenige. Aber zeitgleich ist dann auch in keiner anderen Gemeinde mehr los. Denken wir doch nur an die vielen Touristen oder die ganzen Veranstaltungen. Beachvolleyball, WM- und EM-Meile, Kinderfest, Vaduz Classic – ich könnte aus dem Stegreif 15, 20 Anlässe aufzählen. Da kann doch niemand sagen, dass das Städtle leer ist oder dass kein Angebot existiert. Und an schönen Sommerabenden sind auch unsere Gartenwirtschaften voll. Vaduz muss den Vergleich mit keiner einzigen Gemeinde im Land scheuen.

Dennoch wird sich ein Umdenken wohl nur langsam einstellen. Anders als die anvisierte Etablierung als Kultur- und Bildungsstandort.
Das sind wir schon. Vom Technopark Liechtenstein, den wir unterstützen, über die Universität, mit der wir eine gute Partnerschaft pflegen, bis hin zu Schulzentrum Mühleholz, Primarschule, Kindertagesstätten, Kindergarten, Tagesstrukturen und Tagesschule, Kinderoase – Vaduz bietet alles an. Für mich ist das ein klarer Standortvorteil. Wir hatten ja nicht umsonst im letzten Jahr das grösste Bevölkerungs- und Arbeitsplatzwachstum.

Wie soll dieser Vorteil weiter gestärkt werden?
Indem wir die bestehenden Partnerschaften ausbauen. Entwickelt sich etwa die Universität weiter, ist es an der Gemeinde, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Es ist aber auch wichtig, Privatinitiativen Hand zu bieten – ob das dann bauliche Massnahmen sind oder das Sprechen von Unterstützungsbeiträgen.

Böse Zungen würden sagen: Genügend Mittel sind ja auch vorhanden. 2017 betrugen die flüssigen Mittel über 300 Millionen Franken. Was tun mit so viel Geld? 
Wir investieren.

In was?
Wir investieren in die Zukunft der Gemeinde. Für 2018 haben wir ein Investitionsvolumen von über 40 Millionen Franken verabschiedet. Zuvorderst für die Arbeiten im Zuge des Neubaus der Primarschule und der Tagesschule Ebenholz. Zudem findet in Kürze der Spatenstich für das neue LRK-Gebäude mit Werkbetrieb statt. Daneben gab und gibt es viele kleinere Projekte. Seit ich Bürgermeister bin, hat Vaduz rund 200 Millionen Franken investiert. Damit liegen wir landesweit einsam an der Spitze. Nicht berücksichtigt sind hier die über 100 Millionen Franken, die Vaduz für den vorsorglichen Erwerb von Grundstücken und Liegenschaften aufgewendet hat. Das sind keine klassischen baulichen Investitionen, sie erhöhen aber den Handlungsspielraum für künftige Generationen enorm.

Schlägt dem finanziell verwöhnten Vaduz bisweilen Unmut entgegen?
Natürlich stehen Vaduz und auch Schaan hier im Fokus. Beide Gemeinden sind keine Empfänger im Rahmen des Finanzausgleichs. Da entstehen Begehrlichkeiten. Doch der Umgang mit möglichen Stellschrauben muss wohl überlegt sein. Wenn etwa unser Anteil an der Ertragssteuer nochmals reduziert würde, muss ich mich fragen, weshalb sich die Gemeinde überhaupt noch darum bemühen soll, Unternehmen anzusiedeln. Wir sollten in diesem Zusammenhang im Übrigen nicht nur die monetäre Seite betrachten. Viele Arbeitsplätze bedeuten auch Nachteile: Verkehr, Lärm, Schadstoffausstoss. Aber ja: Neid ist sicher vorhanden. Dabei leisten wir auch Beiträge, die nicht «vaduzspezifisch» sind. Dass Vaduz etwa für drei Jahre Vaduz Classic 750 000 Franken gesprochen hat, kommt nicht nur der Vaduzer Bevölkerung zugute.

Sehen Sie für Ihre Gemeinde eine moralische Verpflichtung, andere, die weniger haben, am eigenen Wohlergehen teilhaben zu lassen?
Ja. Und das tun wir auch. Wir verwenden pro Jahr weit über 100 000 Franken für humanitäre Zwecke. Auch unsere Vereine erhalten – so, wie ich die Zahlen kenne – landesweit die meisten Gelder. Zudem sind die Infrastrukturen, die wir stellen, ja nicht ohne. Vaduz und Schaan leisten Zahlungen für das Schwimmbad Mühleholz zur Deckung des jährlichen Defizits von rund 500 000 Franken. Oder die Jugendherberge, welche die beiden Gemeinden ohne einen Franken vom Land bauen: Weder Schaan noch wir bräuchten sie unbedingt. Aber es ist ein Bekenntnis beider Gemeinden im Interesse des Landes. Es geht um die Stärkung des Miteinanders. Ich bin ein klarer Befürworter von Gemeinschaftsprojekten.

Hinter Ihnen liegen elf Jahre Bürgermeisteramt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?
Es waren tolle und lehrreiche Jahre. Es wird einem bewusst, wie vielseitig ein solches Amt ist. Du wirst mit allen Bereichen des Lebens konfrontiert. Vaduz ist ein kleines KMU mit rund 100 Mitarbeitenden. Es läuft immer etwas, wir setzen grosse Investitionsvolumina um. Aber du bist auch immer empfänglich für die Probleme aus der Bevölkerung. Bürgermeister respektive Vorsteher zu sein heisst, einen Sieben-Tage-Job auszufüllen.

Ist Vaduz heute in etwa dort, wo Sie hinwollten?
Natürlich immer mit bereits erwähnten Abstrichen. Aber so ist das in einer Demokratie. Insgesamt verlief die Entwicklung so, wie ich mir das erhofft habe. Das lässt sich teils auch konkret bilanzieren – ob nun anhand finanzieller Kennwerte, anhand von Zahlen zum Bevölkerungswachstum oder zum Arbeitswachstum oder anhand der heutigen Infrastruktur. Es ist in enorm vielen Bereichen etwas passiert. Aber es gibt natürlich weiterhin was zu tun.

Was sind dabei die grössten Herausforderungen?
Aus meiner Sicht zuvorderst die Frage: Wie weiter im Bereich Parkhaus Marktplatz? Darüber hinaus gibt es viele weitere spannende Themen wie die neue Landesbibliothek, ein mögliches Technisches Zentrum für den LFV, ein Haus des Sports, ein neues Feuerwehrdepot oder der Bau von Alterswohnungen.

Dinge, die Ewald Ospelt über 2019 hinaus als Bürgermeister begleiten wird?
Das wird an der Nominationsversammlung am 28. Oktober bekannt gegeben.

Haben Sie sich denn schon entschieden?
Ja (schmunzelt). (bo)

01. Okt 2018 / 19:11
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