• VADONERHUUS LIEBLINGSREZEPT – BRUNCH
    Erzähl mir, was du isst: Melanie Biedermann auf Rohmaterialsuche für ihr Buchprojekt.  (Julian Konrad)

«Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme»

Melanie Biedermann hat im Vaduzer «Base Camp» der emotionalen Komponente des Essens nachgespürt. Ziel ist eine Buchpublikation.
Vaduz. 

Gut zweieinhalb Jahre ist es her, dass Melanie Biedermann den Absprung wagte. Raus aus dem Hamsterrad täglicher Redaktionsdeadlines, rein ins Leben einer freien Journalistin im aufregenden London. Wobei, vogelfrei ist sie in ihrer Arbeit auch jetzt nicht. Die junge Liechtensteinerin ist geprägt von thematischen Interessen, Vorlieben, auch Leidenschaften, die sich wiederholt auf ihr Tun auswirken. 
Essen ist – neben Musik und Mode – so eine wirkmächtige Determinante. War es immer schon. Davon zeugt unter anderem eine Zeitreise, die sie 2013 für das «Friday Magazine» von 20 Minuten unternahm. Destination: Kindheit. «Maatle, häsch öppis z’ässa?», habe sie ihre Grossmutter frühabends regelmässig am Telefon gefragt. Wenig später sass Melanie Biedermann an Nanas Tisch und liess sich deren Ribel schmecken. Bilder und Gerüche, die blieben. «Essen ist für mich mehr als Nahrungsaufnahme», sagt sie heute. «Essen hat mit Ritualen zu tun, mit Traditionen und mit Erinnerungen.»

Emotionale Komponente geht vergessen
So selbstverständlich dieser Zugang für sie selbst ist, so fremd ist er anderen geworden. Die emotionale Verbindung gehe zusehends verloren, sagt Biedermann. Gegen Fertigprodukte und Lieferservice hat Nanas Ribel oftmals einen schweren Stand. Die Liechtensteinerin wird die Kräfteverhältnisse nicht umkehren können. Aber es ist ihr ein Bedürfnis, der Wertigkeit hinter dem zum Sättigungsakt degenerierten Genusserlebnis wieder zu etwas mehr Geltung zu verhelfen.
Beschäftigt, erzählt sie, haben sie diese Anliegen schon lange. «Aber mir fehlten die Zeit und der Ansatz.» Mittlerweile ist sie einen Schritt weiter. Durch eine berufliche Umorientierung in Richtung längerfristiger Projekte verfügt sie über neu gewonnene Freiräume. Freiräume, die sie nutzen will, die Essenz des Essens auf die Seiten eines Buches zu bringen und sie so anderen Menschen weiter zu vermitteln. Das Ganze versehen mit einer Liechtensteiner Note.

Befruchtende Dialoge auf Dach der Marktplatzgarage
In Rahmen des «Base Camp Vadozner Huus», das im September für drei Wochen die Szenerie auf dem Dach der Marktplatzgarage prägte, hat sie dafür Rohmaterial sammeln können. Anlässlich eines Mitbring-Brunchs nahm Biedermann an einem Tisch Platz, erklärte Besuchern ihre Buchidee, liess sie ihre Lieblingsrezepte aufschreiben und unterhielt sich mit ihnen darüber, was Essen und Kochen für sie bedeutet. Die Leute seien ein wenig schüchtern gewesen, erzählt sie. «Aber es ist doch einiges an Material zusammengekommen. Die Gespräche, die ich führen konnte, waren sehr hilfreich – auch weil sie mich in meiner Idee bestärkt haben.» Es sei wichtig, den Menschen die Tradition und das Ritual des Essens bewusst zu machen und dessen verbindende Kraft wirken zu lassen. Grundsätzlich könnte sich Melanie Biedermann zwei Wege vorstellen, die sie unter dem Eindruck ihrer Erlebnisse im Base Camp einschlagen wird. Der eine wäre der des Geschichtenerzählens. Darüber zu schreiben, was sie von den Menschen erfährt, wenn sie mit ihnen über das Essen spricht. «Das wäre sicher das persönlichere Projekt.» Der andere Weg wäre die Realisierung eines Liechtensteiner Kochbuchs. Allerdings, so Biedermann, seien die 10 bis 15 Lieblingsrezepte, die sie auf dem Dach der Marktplatz-
garage gesammelt habe, noch deutlich zu wenig, um ein Buch zu füllen – zumal mit Capuns 
ein Gericht interessanterweise gleich mehrfach genannt wurde. «Weitere Recherchen wären also sicher notwendig.» 
Denkbar, ergänzt sie, sei auch, den Fokus ganz auf Vaduz statt auf persönliche Rezepte zu legen. Und dabei nicht zwingend auf Privatpersonen. «Ich habe im Base Camp beispielsweise auch ein Rezept vom Inhaber der Bäckerei Amann erhalten. Vielleicht wäre es ja eine Option, die interessantesten Rezepte von Vaduzer Institutionen zusammenzutragen.»

Sinnieren in fremden Gefilden
Die Gedanken und Ideen sowie die sich daraus ergebenden Möglichkeiten, das ist deutlich herauszuhören, hat Melanie Biedermann noch nicht abschliessend geordnet und beurteilt. Sie werde die Sache jetzt ein wenig ruhen lassen und sich dann daran machen, einen konkreten Fahrplan zu entwickeln. Die kleine Auszeit, die sie sich für die kommenden drei Monate verordnet hat, kommt da ganz gelegen. In London gehe es immer hektisch zu und her, sagt sie. Deshalb zieht es sie weg: in den Libanon, nach Sri Lanka und nach Neuseeland. «In dieser Zeit werde ich hoffentlich einiges sortieren können.» Zeit für den nächsten Absprung. Zumindest einen temporären. (bo)

25. Nov 2019 / 06:30
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