• Pepi Becker in Vaduz
    Pepi Becker ist in seiner Heimatgemeinde tief verwurzelt und weiss viel Spannendes zu erzählen.  (Daniel Schwendener)

«Das Vaduz meiner Kindheit und Schulzeit»

Der 67-jährige Pepi Becker ist ein Vaduzer Urgestein. Wer ihn kennenlernt, lernt auch die Residenz und ihre Geschichte zu verstehen.

In einer Zeit, als noch der Hochadel, Fussballstars und Schauspieler im Städtle verkehrten. Als noch im Altenbach geschlittelt werden konnte. Der Schnee noch mit Ross und Holzpflug von den Trottoirs gepflügt wurde. In dieser Zeit wuchs Pepi Becker im Vaduzer Städtle auf. Gleich vis-à-vis vom Rathaus kam er zu Welt, in jenem Haus, das alle ganz genau zuordnen können, wenn man sagt: «Dort, wo der Souvenirladen vom Quick ist.» Ja, das ist das Grosselternhaus von Pepi Becker. Und hier hat er eine interessante, unvergessliche und gleichermassen aufregende Zeit als Kind verbracht.

Ein Sch­lüsselerlebnis: Die Schwimmbaderöffnung
Wenn Pepi Becker über seine Jugendzeit und seine über alles geliebte Heimat erzählt, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Er hat sich Notizen gemacht. Aber wo soll er anfangen zu erzählen? Und wo aufhören? «Es gibt so unglaublich viele tolle Geschichten zu erzäh­len», sagt er nahezu verzweifelt und setzt dann sein un­verkennbares, charmantes Becker-Lächeln auf. Also fängt er einfach an, zu erzählen. Aus dem Jahr 1959, in dem es für ihn ein wichtiges Schlüsselerlebnis gab: Die Eröffnung des Schwimmbads Mühleholz. «Das war eine Sensation!» Und dann 1960, als der FC Vaduz in die erste Liga aufgestiegen ist und die Spieler von der Harmoniemusik, vom Gesangs- und Trachtenverein, etc. abgeholt und gefeiert wurden. «Alle zogen sie durchs Städtle. Ganz Vaduz war auf den Beinen.» Ebenso übrigens 1962 beim grossen Kinderfest. «Das ganze Land kam nach Vaduz – und das zu einer Zeit, als die Welt aufgrund der Kuba-Krise am Rande des dritten Weltkriegs stand», schweift Pepi Becker kurz in die Weltgeschichte ab. Man merkt dem Vaduzer an, wie sehr er an der Weltgeschichte interessiert ist. Und wie viel er darüber ge­lesen hat. Er ist wirklich eine wandelnde Bibliothek.

Als die Queen im Städtle einkaufen ging …
41 Jahre lang hat Pepi Becker übrigens als Leiter des Werkbetriebes bei der Gemeinde Vaduz gearbeitet. Nicht nur, aber auch sein berufliches Umfeld erklärt, warum er seine Heimatgemeinde in- und auswendig kennt. Kam hoher Besuch in die Residenz, wurde nicht selten der Werkhof um Unterstützung im Hintergrund gefragt, wenn es etwa darum ging, Umleitungen zu signalisieren oder andere Absperrungen zu organisieren. «Ja, wir hatten schon wirklich grosse Kaliber in Vaduz», sagt Becker über die vielen hohen Besuche, die er miterleben durfte. Prinz Charles und Lady Diana, Bundeskanzler Helmut Kohl, Franz Josef Strauss oder Modedesigner Rudolph Mooshammer mit seiner Hündin Daisy, um nur einige zu nennen. Ausserdem zahlreiche berühmte Schauspieler. Und einmal, ja da sei sogar die Queen zu einem Einkaufsbummel im Städtle gewesen. Er habe miterlebt, wie sie in der Boutique von Graf Andrassy einkaufen ging. «Aber deswegen waren nicht viel mehr Leute im Städtle als sonst», zuckt Becker mit den Schultern. Das gehört eben auch zu Vaduz. Kreischende Fans gibt es in der Residenz wenn überhaupt nur im Fussballstadion. Oder in Form von Touristen, die vielleicht ein Mitglied der Familie des Fürstenhauses gesichtet haben. Apropos Touristen … «ja die kamen dann plötzlich». Am Anfang waren auch Kriegsversehrte aus Deutschland dabei, erinnert sich Pepi Becker. «Das war seltsam für uns Kinder. Wir haben uns gewundert, warum diese Menschen körperlich geschädigt waren. Und dann wurden wir darüber aufgeklärt … ». So tauchte Pepi Becker schon früh in ein trauriges Geschichtskapitel ein.

Von der Milchbar und den Ausflügen ins Schloss
Jetzt blättert Pepi Becker wieder in seinen Notizen. Er hat die wichtigsten Erinnerungen seines Lebens und grosse Veränderungen in seiner Gemeinde festgehalten. Jede Station ist wichtig, jede Erinnerung wertvoll. Und so folgt da noch die Geschichte der legendären Milchbar, wo es an die 60 verschiedene Mischgetränke und Shakes gab. Und wo Pepi Becker mit Freunden Eis kaufen konnte. Übrigens gab es früher gleich nebenan auch einen Eisplatz, wo sich die Vaduzer im Winter zum Schlittschuhlaufen versammelten. Und als 1962 der Hocheck-Lift im Vaduzer Malbun (Pradamee) fertiggestellt wurde, wurden die Skier aus dem Keller geholt.
Und im Frühsommer? Da holte man sich beim Pfarrer während der Schulzeit eine Dispens für die Alpabfahrt. Ab und zu machte man sich auf den Weg zum Schloss. Gleich beim Engländerbau führte damals ein Weg hoch, der die Jugendlichen bis in den Schlossgarten führte. «Der Schlossverwalter hat uns ab und zu erwischt», lacht Pepi Becker. Und weil er sich gedanklich gerade im Schloss befindet, kommt er auch auf die Hochzeit von Fürst Hans-Adam II. und Fürstin Marie zu sprechen. «Das war 1967. Die Vertreter des europäischen Hochadels, die regierenden und nicht regierenden Häuser waren in Vaduz, beispielsweise Königin Anne-Marie von Griechenland und Zita, die letzte Kaiserin von Österreich. »

Warum der Vaduzer besonders weltoffen ist
Viele alte Häuser wurden in den vergangenen Jahrzehnten abgebrochen, neue Häuser wurden gebaut. Doch auch wenn Vaduz sich enorm verändert, oder wie Pepi Becker sagt, «eine unglaubliche Entwicklung» durchgemacht hat, liebt er seine Heimatgemeinde. Und er möchte – ausser ab und zu nach Wien – nirgendwo anders sein. «Ich bin tief verwurzelt in dieser Gemeinde. Und bin quasi mit ihr mitgewachsen.» Veränderungen würden nun einmal dazugehören, weint er dem «alten» Vaduz nicht nach, auch wenn er sich gerne daran zurückerinnert.
Nicht verändert hat sich allerdings der Vaduzer selbst, ist Pepi Becker überzeugt. Weil er schon seit jeher mit Touristen aus aller Welt in Kontakt kam und in den verschiedensten Sprachen nach dem Weg zum Schloss gefragt wird, wundert er sich kaum noch über andersartige Traditionen oder Kulturen. «Man sagt uns Vaduzern zwar nach, wir würden uns für etwas Besseres halten. Aber ­das sind wir sicher nicht. Wir sind einfach etwas anders», schmunzelt Pepi Becker über die «weltoffene Art» der Va­duzer. (dv)

01. Dez 2019 / 20:45
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