• Heinz Mühlegg in seinen Anfängen als DJ.

«Blinkys» legendäre Tanzabende

Mit der ersten mobilen Disco-Anlage der Region verwandelte Heinz Mühlegg die Vaduzer Turnhalle für kurze Zeit in einen Tanztempel. Derzeit kocht er für den guten Zweck bei Vaduz on Ice.

Sie nannten ihn «Blinky». Heinz Mühlegg hatte den Spitznamen schneller weg, als er die Lichtschalter in der Tanzbar im Kellergeschoss des Café Wolf drücken konnte. Das war sein Job, damals, 1969, in der ersten Vaduzer Disco. Gegenleistung: ein Gratiseintritt und zwei Colas. «Eine Lichtorgel hätte sehr viel Geld gekostet. Deshalb haben wir ein wenig improvisiert», erinnert er sich und schmunzelt. So, wie er es immer tut, wenn er eine der vielen Anekdoten, die sein ereignisreiches Leben bereithält, zum Besten gibt. Als erwachten sie vor seinem geistigen Auge erneut zum Leben.

Einen Fuss hatte der damals 16-Jährige damit in der Tür zur schillernden Disco-Welt. Und «Blinky» zog ihn nicht mehr zurück, im Gegenteil. Er strebte nach einer unmittelbareren, intensiveren Interaktion mit den Tanzenden. Als Discjockey selbst den Takt vorgeben – das wollte er. 1968, während seiner Zeit an einem Westschweizer Internat, habe die Leidenschaft für Musik von ihm Besitz ergriffen, erzählt Mühlegg. In einer Schule mit ausgeprägter liberaler Haltung war der Zugang zu Hendrix, Cocker & Co. ein leichter. Zumal die vielen Stunden auf dem Zimmer mit einer adäquaten Beschäftigung ausgefüllt sein wollten.

Mehr als ein Plattenaufleger
Die ersten Gehversuche am Sonntagnachmittag im «Wolf», die ihm der etatmässige DJ angesichts langer Samstagnächte nicht ungern überliess, verliefen vielversprechend. Nach und nach emanzipierte sich «Blinky» von seinen Anfängen als Lichtschalterknipser, wuchs hinein in die Rolle eines «American DJ», der nicht nur Platten auflegt sondern auch zum Mikrofon greift. «Einfach drauflos schwatzen, das konnte ich schon immer», sagt Mühlegg. Nun hatte er sogar eine Bühne dafür.
Doch sein umtriebiges Wesen gab sich damit nicht zufrieden. Im Kopf des schlaksigen jungen Mannes mit den langen Haaren hatte sich die Idee einer eigenen Disco festgesetzt. Wie gut traf es sich da, dass er zu dieser Zeit eine Lehre bei der Radio TV Gassner AG absolvierte. Gerüstet mit den dort erworbenen Kenntnissen und einem ohnehin grossen bastlerischen Talent, machte er sich im Herbst 1971 daran, die erste mobile DJ-Anlage der Region zusammenzubauen.

«Am Montag muss alles wieder aufgeräumt sein!»
Die Zielstrebigkeit, die der inzwischen 18-Jährige dabei an den Tag legte, ist bemerkenswert. Das Geld für das technische Equipment – Mischpult, Verstärker und zwei Plattenspieler – habe er sich mit diversen Zusatzjobs zusammengespart, erzählt Mühlegg. «Ich habe eigentlich ständig irgendwo gearbeitet.» Alles andere, die Boxen beispielsweise, zimmerte er eigenhändig zusammen. Selbst ist der DJ! Im Sommer 1972 erteilte der damalige Vaduzer Bürgermeister Hilmar Ospelt dem ­aufstrebenden Unterhaltungskünstler schliesslich die Erlaubnis, die alte Äule-Turnhalle an den Wochenenden bis zum Herbst regelmässig zur Disco umzufunktionieren. Unter einer Bedingung, wie Mühlegg sich noch gut erinnern kann: «‹Am Montag muss alles wieder aufgeräumt sein!›» Also machte er sich daran, die Lokalität «discotauglich» herzurichten: Boden schrubben, Sanitäranlagen in Schuss bringen, Sitzgelegenheiten organisieren. Selbstredend kam Mühleggs kreative Ader auch hier wieder zum Tragen. «Stühle und Tische waren umgedrehte Getränkekisten», erzählt er, während abermals ein Schmunzeln seine Lippen umspielt. «Auf die einen habe ich Kissen gelegt, auf die anderen Holzplatten.»
Blieb noch die Sache mit der Aufführungsbewilligung durch das Amt für Volkswirtschaft. «Hansjakob Falk, der spätere Schaaner Vorsteher, hat mich gefragt, bis wann ich die denn brauche», erzählt Mühlegg. «‹Bis morgen›, habe ich geantwortet.» Und damit ungläubige Blicke geerntet. Doch je länger der Jugendliche ihn mit Worten bearbeitete, desto mehr schwand beim Beamten die Skepsis. «Am Ende», sagt der heute 66-Jährige, «hat er dann gemeint, ich soll mal machen. Er schaue, was er tun könne …»

Im Sinne des Gemeinwohls ein Auge zugedrückt
Heinz Mühlegg hätte streng genommen überhaupt nichts tun dürfen. «Ein Minderjähriger, der am Samstagabend und Sonntagnachmittag Discos veranstaltet – das geht von Gesetzes wegen eigentlich nicht.» Und doch liess man ihn gewähren. Weil der 18-Jährige im richtigen Moment eine nützliche Idee hatte. Das Problem junger Menschen, die nicht wussten, was sie in einem Land ohne allzu grosse Unterhaltungsmöglichkeiten mit ihrer Zeit anfangen sollten, versprach so zwar nicht gelöst, aber zumindest abgeschwächt zu werden. «Ich habe mit meiner Disco eine Art Vakuum besetzt», so Mühlegg. Die Resonanz, die dem DJ und seinem temporären Turnhallentanztempel in den Folgewochen beschieden war, stützt diese Einschätzung. Wenn sich die Jugendlichen am Sonntagnachmittag in Richtung Äule aufmachten, durfte sich Heinz Mühlegg grosser Besucherscharen gewiss sein. Aber auch die den Erwachsenen vorbehaltenen Samstagabende, an denen auch eine professionelle Barfrau im Einsatz stand, gerieten regelmässig zu zünftigen Feiern. «Es ging teils wild zu und her», so Mühlegg. «Ich kann mich an einige erinnern, die wegen einer verlorenen Wette ihre Haare lassen mussten.»

Post von der Regierung
Es wären wohl noch viele mehr geworden. Doch im September zog Mühlegg den Stecker. So sei das von Anfang an geplant gewesen, sagt er. «Ich hatte ja noch eine Lehre, die ich abschliessen wollte.» Mit einem fortwährenden Dasein als Wochenend-DJ wäre das mitunter knifflig geworden. «Für mich waren das Sieben-Tage-Wochen.» Sehr lukrative freilich. Der Lehrlingslohn, meint er lachend, sei da nicht mehr als ein Trinkgeld gewesen. 14 Tage, nachdem in der Äule-Turnhalle der letzte Ton verklungen war, erhielt Heinz Mühlegg Post von der Regierung. «Sie hat mir untersagt, weitere Disco-Anlässe zu veranstalten.» Letztlich soll ja alles seine Richtigkeit haben. Auch bei «Blinky». (bo)

Im Rahmen des Theaterabends der Vaduzer Feuerwehr am ­4. Januar 2020 steht Heinz Mühlegg als DJ im Einsatz.

06. Dez 2019 / 23:32
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