• Triesen Gebäude
    Blick auf das Spoerry-Areal, das bis heute weitgehend erhalten ist.  (Urs Bärlocher)

Spoerry-Fabrik: Ein Stück Dorfgeschichte

Die Spoerry-Fabrik spielt eine wichtige Rolle in der historischen Entwicklung Triesens und wird auch heute gut genutzt.

Wer das sympathische Quietschen beim Betreten der alten, zum Teil schon schiefen Treppen in der Spoerry-Fabrik schon einmal gehört hat, ahnt, dass hinter diesem Gebäude viel Geschichte steckt. Auch der für das Gebäude typische Geruch, der sich seit der Stilllegung des Unternehmens laut ehemaligen Arbeiterinnen nicht verändert hat, löst bei der einen oder dem anderen Vorstellungen über das damalige Arbeiten an den Webstühlen aus. Heute gilt das Fabrikareal als ein heraus­ra­gen­des Denkmal der Industrialisierung Liechtensteins und ist aus dem Triesner Dorfkern nicht mehr wegzudenken.

Heute ein Ort mehrerer Institutionen
Die ehemalige Weberei und das umliegende Fabrikareal sind seit 1984 in Besitz der Gemeinde und beheimaten Kulturinstitutionen, Ateliers, Gewerbebetriebe, Bildungsstätten und Vereine. Auch das Kulturzentrum Gasometer hat vor 13 Jahren in der ehemaligen Firmenschlosserei eine Niederlassung gefunden. Im heutigen Ausstellungssaal wurden während der Betriebszeit der Baumwollweberei Maschinenteile angepasst und repariert. Den Namen hat die kulturelle Stätte vom Turm, in welchem das Gas für die Beleuchtung der Fabrik gelagert wurde. Der Gasometerturm ist heutzutage einer der einzigen historischen Gastürme der Region und dient als besonders reizvoller Ausstellungsraum. 
Ebenso die anderen Räume der Fabrik, in denen die Leute in verschiedensten Berufssparten gearbeitet haben, wurden stark umfunktioniert: Wo Weberinnen früher die Webstühle bedient, Spulerinnen die Garnrollen umgespult, Zettelaufleger schwere Fadenrollen am Webstuhl angebracht und Öler die Maschinen geölt haben, wird heute gelernt, gearbeitet, gesungen und getanzt. Im Badehaus, in welchem sich die Familien der Arbeitenden früher waschen konnten, befindet sich heutzutage das Büro des Kaminfegers. Das Gebäude sticht aber trotz vielen Veränderungen dadurch heraus, dass die Räume sehr sanft renoviert wurden, erklärt Petra Büchel, Leitern des Kulturzentrums Gasometer: «Die Treppenhäuser und Böden sind genauso geblieben wie früher. Wenn man durch die Räume geht, kann man die ganze Fabrik­ge­schich­te noch nachvollziehen.» 

Fabrik baute auch in der Umgebung
Abgesehen vom grossen Fabrikhochbau gab es auch noch weitere Gebäude, die zum Fabrikensemble gehörten und heu­te noch immer an die alten Zeiten erinnern. Die ersten, von den Fabrikherren errichteten Häuser dienten dazu, auswär­tige Facharbeiter aus der Schweiz, Österreich und Deutsch­­land mit ihren Familien unterzubringen, erzählt Büchel. Das 1873 erbaute Kosthaus, dessen auffallender gelber Anstrich heute vielen Autofahrern auf der Hauptstrasse ins Auge sticht, war damals das grösste und modernste Wohnhaus Liechtensteins. Darin konnten 16 Familien gut untergebracht werden. Das ebenfalls in Gelb gestrichene Christli-Haus im heutigen Gapont und ein 1946 erbautes Doppelwohnhaus ober­­halb des Fabrikareals dienten ebenfalls als Unterkunft für Arbeitskräfte – sie stehen heute noch. In der zum Konsum-Laden umgebauten Mühle nebenan konnten die Arbeiter vergünstigte Lebensmittel kaufen. Der Laden musste aber 1976 für die Korrektur der Dorfstrasse weichen. Mit der Fabrikantenvilla brachten die Gebrüder Jenny 1905 einen ganz neuen Baustil ins Dorf. In der im Heimatstil gebauten Villa am Fusse der Fabrik wohnten die Fabrikan­ten mit ihren Familien. Das Obermeister-Haus wurde auf der gegenüberliegenden Strassenseite zur Unterbringung des Produktionsleiters und seiner Familie errichtet. Da es 1948 modernisiert wurde, sieht es heute aber ganz anders aus als damals, meint Petra Büchel.

Die Fabrik als Ansatz für Neuerungen
Nicht nur die Grösse des Kosthauses und der luxuriöse Heimatstil der Fabrikantenvilla waren für die damalige Zeit innovativ. «Allein einen Arbeits­platz zu besitzen und damit Bargeld zu verdienen war für die sonst in der Landwirtschaft oder im Handwerk tätigen Leute im 19. Jahrhundert ein Novum», erklärt Büchel. Mit der Fabrik einher gingen auch kulturelle Veränderungen: Die Gastarbeiter brachten neue Sitten und Konfessionen ins Dorf, es wurde die erste evangelische Kirchengemeinschaft Liechtensteins gegründet. Die im Kosthaus einquartierten Arbeiter waren nicht nur die ersten Bewohner eines Mehrfamilienhauses, sondern gehörten auch zu den ersten Familien mit Elektrizität. Auch die erste Telefonlinie wurde zwischen der Weberei in Triesen und der Spinnerei in Vaduz installiert. Sogar das erste Gebäude mit Flach­dach in Liechtenstein wur­de 1911 an den bereits bestehenden Fabriklangbau angebaut und wird noch heute liebevoll «Neubau» genannt. Mit den vielen Neuerungen prägte die heute älteste erhaltene Fabrikanlage Liechtensteins das Dorf sehr und liess es zu einer modernen und multikul­tu­rel­len Stadt heranwachsen. «Dass man das Fabrikgebäude bei der damaligen Schliessung nicht abgerissen hat, bereut heute bestimmt niemand mehr», hält Büchel fest.

Entstehung der Fabrik
Die 120-jährige Erfolgsgeschichte der Spoerry-Fabrik in Triesen beginnt  etwas holprig: Drei Jahre nachdem der Landtagsabgeordnete Franz Anton Kirchthaler und sein Glarner Partner Heinrich Dürst die Baumwollweberei in Triesen erbauen liessen, brennt sie im Jahr 1866 zu einem grossen Teil ab. Laut dem historischen Lexikon des Fürstentums Liechtenstein hatte die Firma mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen, welche Anlass zur Brandstiftung gegeben haben könnten. Die Unternehmer wollten sich womöglich durch einen Versicherungsbetrug vor dem Bankrott retten. Da dieser Plan nicht aufging, wurde die zerstörte Fabrik 1869 von der in Ziegelbrücke ansässigen Textilfirma «Enderlin & Jenny» gekauft und wiederaufgebaut. Für Schweizer Unternehmen war Liechtenstein ein besonders attraktiver Firmen­sitz, weil sie somit die österreichischen Schutz­zölle umgehen konnten. Aus demselben Grund errichtete auch Johann Jakob Spoerry 1882 eine Baumwollspinnerei in Vaduz Ebenholz, die dann die Weberei in Triesen mit Garn versorgte. 1905 fusionierten die beiden Firmen unter dem Namen Jenny, Spoerry & Cie. Zu ihren besten Zeiten beschäftigte die Weberei in Triesen 310 Mitarbeiter, 250 davon weiblich, erzählt Petra Büchel, Leiterin des Gasometers. Abgesehen von kurzzeitigen Durststrecken während des Ersten und Zweiten Weltkriegs und während der Welt­wirtschaftskrise in den 1930er-Jahren waren die Webstühle der Spoerry-Fabrik bis 1982 in Betrieb. Aufgrund von hohen Löhnen und Zöllen und der Konkurrenz aus Billiglohnländern musste die Weberei dann nach 120 Jahren stillgelegt werden. (ak)

08. Sep 2019 / 21:14
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