• Elektrifizierung Liechtensteins, Triesen
    Themen des Wegs: das Lawena-Museum.  (Tatjana Schnalzger)

Auf den Spuren der Arbeiter

Im Rahmen der #näherdran-Reihe wird hier der Liechtenstein-Weg in Triesen skizziert.

Auf dem 75 Kilometer langen Liechtenstein-Weg, der anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums realisiert wurde und durch alle Gemeinden führt, können 147 sogenannte Erlebnisstationen erkundet werden. «Mittler­weile haben schon viele Einheimische wie auch Touristen entweder den ganzen Weg oder auch Teile davon absolviert», erzählt Martin Knöpfel von Liechtenstein Marketing. Die App «LIstory» (Liechtenstein History) wurde bisher schon über 7500-mal heruntergeladen. An den insgesamt 147 Stationen können zahlreiche, interessante Informationen zur Liechtensteiner Geschichte abgerufen werden. Die Rückmeldungen seien äusserst positiv, denn nicht nur der Weg, sondern auch die App komme sowohl bei Einheimischen wie auch Touristen sehr gut an. In Triesen zeigt sich der Liechtenstein-Weg äusserst vielfältig, zuerst wandert man durch die schöne Natur, danach erkundet man sowohl den alten wie auch den neuen Dorfkern.

Von der Hexenverfolgung und den Tobelhockern
Von Balzers her führt der Liechtenstein-Weg der alten Römerstrasse entlang nach Triesen, wo kurz vor der Säga die erste Station bei einem alten Bildstöckchen ansteht. Anders wie man erwarten könnte, geht es dabei um das grausame Kapitel der Hexenverfolgung, die im 17. Jahrhundert auch in Liechtenstein grassierte. «Bis 1680 wurden rund 200 Frauen und Männer auf dem Scheitenhaufen verbrannt», erklärt Martin Knöpfel. Dabei sei ihnen ein Teufelspakt und Hexenflug zur Last gelegt worden. Erst als sich verfolgte Personen 1680 beim Kaiser beschwerten, wurden solche Prozesse untersagt. Ein damals erstelltes Rechtsgutachten der Universität Salzburg erklärte darauf alle geführten Hexenprozesse für rechtswidrig. Mit diesem dunklen Kapitel hängt auch die Geschichte der Tobelhocker zusammen, die für die von ihnen angeklagten Hexen ins Lawenatobel verbannt wurden. Weiter führt der Weg hinauf Richtung Campingplatz, wo die nächste Station beim Lawena-Museum wartet. Dabei geht es um die Geschichte der Elektrifizierung. «1901 baute Vaduz das erste öffentliche Elektrizitätswerk beim Spoerry-Weiher», erzählt Knöpfel. 1927 wurde das Lawena-Kraftwerk in Triesen gebaut, woraus 1947 die Liechtensteinischen Kraftwerke entstanden sind. In der App können bei dieser Station nicht nur historische Orte und Hilfsmittel der Stromerzeu­gung angeschaut, sondern auch Tonaufnahmen von Doktor Alfons Goop von 1924 angehört werden, in denen er von der Einführung des elektrischen Lichts in Schellenberg berich­tet.  
Vom Lawena-Museum aus geht der Weg weiter durch den Bongertwald Richtung Bofel. «Der Bofel ist einer der landschaftlich schönsten Orte auf der Strecke», schwärmt Knöpfel. Dort geht es um die Stallgüter, von denen es heute noch einige zu sehen gibt. «Die ‹Stallgütle› waren ein wichtiger Bestandteil der Triesner Viehwirtschaft, wo Heu eingelagert wurde und Kühe zur Fütterung hingebracht wurden», so Knöpfel. Allgemein hat sich in der Landwirtschaft einiges verändert: «Früher hatte ein Bauer durchschnittlich fünf Kühe, heute sind es 75.» Durch diese Landwirtschaftszone erreicht man den Lindenplatz, den alten Dorfplatz Triesens. Die Bezeichnung Tanzboden, die der Lindenplatz 1719 hatte, weist auf die Bedeutung der Dorfplätze als Ort für Versammlungen und Feste hin. Neben diesem Aspekt dreht sich die dortige Erlebnisstation um die Dorf­genossenschaft, die früher das Weiderecht, das Holzrecht oder das Auftriebsrecht für die Alpen bestimmte. Heute ist Triesen eine von fünf Gemeinden, die die Organisationsform der Bürgergenossenschaft noch kennen. 

Von der Baumwollweberei zum Landessender
Auf der Dorfstrasse geht es hinab Richtung Spoerry-Areal, wo beim Tannerhaus die nächste Station ansteht. Das Haus, das auf den Weber Emil Tanner zurückgeht, war von 1885 bis 1963 Treffpunkt der evangelischen Gemeinde. «Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung stieg die Anzahl der evangelischen Personen rasant an», erklärt Martin Knöpfel. Diesen Aufstieg verdankte die Gemeinde nicht zuletzt der Baumwollweberei, die 1863 nahe der Landstrasse gebaut wurde. «1874 gab es dort 220 Webstühle und 125 Beschäftigte», so Knöpfel. 20 Jahre nachdem sich Kaspar Jenny 1885 an der Baumwollweberei von Jakob Spoerry in Vaduz beteiligte, fusionierten die beiden Firmen unter dem Namen Jenny, Spoerry & Cie. Diese Fusion ist auch der Grund für die heute noch geläufige Bezeichnung als Spoerry-Areal. Dank Augmented Reality kann man mit der App «LIstory» bei diesem Punkt eine Weberin erleben, die über die harten Arbeitsbedingungen in der Baumwollweberei erzählt. Nicht fehlen darf auf diesem Exkurs der Gasometerturm, in dem das benötigte Gas für die Fabrik gelagert wurde und in dem heute das Kulturzentrum Triesens untergebracht ist. Beim Radio L direkt gegenüber wird die Radio- und TV-Geschichte Liechtensteins thematisiert, die mit einer Radiostation im Haberfeld in Vaduz begann. «Der liechtensteinische Landessender hat 1938 während einer Stunde pro Tag hauptsächlich Musik gesendet», weiss Knöpfel. Doch schon ein Jahr später wurde der Betrieb wieder eingestellt. Erst 56 Jahre danach wurde 1995 Radio L gegründet. 2008 nahm mit 1FLTV der erste Privatsender seinen Betrieb auf. 
Ein paar Schritte weiter steht beim Kosthaus, dem ersten und grössten Arbeiterwohnhaus des Landes, erneut die Fabrikarbeit im Zentrum. 1873 von der Weberei gebaut, wurden dort jeweils bis zu 16 Arbeiterfamilien untergebracht. «Im 19. Jahrhundert herrschten prekäre Arbeitsbedingungen in Fabriken, die Leute arbeiteten 11 bis 13 Stunden am Tag und dies in staubiger Luft», erklärt Knöpfel. Die erste Rechtsgrundlage für Fabriken entstand 1865, wobei Kinderarbeit verboten wurde. Ab 1886 waren alle Fabrikarbeiter krankheits- und unfallversichert. Erst als 1920 der LANV gegründet wurde, verbesserten sich die Arbeitsbedingungen merklich. Nach diesem Kapitel steht auf dem Liechtenstein-Weg ein weiterer, steiler Anstieg bevor, denn es geht zurück Richtung «Linde» durch den alten Dorfkern bis hinauf zur Kapelle St. Mamerten. Die erste Erwähnung der Kapelle datiert aus dem 15. Jahrhundert, man vermutet jedoch, dass gewisse Teile der Kapelle bereits im 9. oder 10. Jahrhundert existierten. «So­mit wäre St. Mamerten die erste Kirche in Triesen gewesen», so Knöpfel. Auf dem Kapellen­areal befand sich im 13. und 14. Jahrhundert eine kleinere Burg, die den Rittern von Trisun oder den Herren von Richenstein als Ansitz gedient haben könnte. Lange vor dieser Zeit, nämlich vor 12 000 Jahren, geschah nahe dem St.-Mamerten-Hügel einer der grössten Bergstürze des ganzen Alpengebiets. 500 Millionen Kubikmeter Gestein donnerten dabei ins Tal. Die darauf basierende Sage «Der Untergang von Trisona» kann man sich als Abschluss des Triesner Wegabschnitts in der App anhören, bevor der Weg über den Funkenplatz weiter hinauf Richtung Wangerberg führt. 

Rund 500 Richtungsweiser auf elf Routen
Bereits Anfang Jahr wurden die rund 500 Richtungsweiser auf den elf Streckenabschnitten angebracht. Informationstafeln wird es auf dem ganzen Weg keine geben. Stattdessen gibt es die App «LIstory», die dafür sorgt, dass man sich die Texte nicht nur anhören kann, sondern dass die Stationen auch laufend aktualisiert werden können. «Der Weg soll etwas sein, das es auch in fünf und mehr Jahren noch gibt.» (mk)

Hinweis
Die App «LIstory» kann im App Store oder im Google Play Store kostenlos heruntergeladen werden. Eine Panoramakarte über den gesamten Liechtenstein-Weg ist beim Liechtenstein-Center erhältlich. 

08. Sep 2019 / 21:23
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