Weitgereist durch Raum und Zeit

Findling Die Wälder auf dem Gantenstein sind nicht nur Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Sie bieten noch einem anderen, ganz besonderen Bewohner ein Zuhause. Einem, der einst vor über 10 000 Jahren den Weg nach Liechtenstein fand.

Er gibt keinen Mucks von sich, bewegt sich nicht, tut nichts, wodurch er sich Aufmerksamkeit verschaffen würde. Trotzdem ist er einer der prominentesten «Einwohner» der Gemeinde, der Findling auf dem Gantenstein. «In Schellenberg», sagt der mit der Geschichte der Gemeinde sehr vertraute Alfred Goop, «kennt ihn fast jeder. Und ebenso den Weg dorthin.»

Für Menschen von anderswo trifft sich das mitunter ganz gut. Der Gesteinsbrocken drängt sich nicht eben ins Blickfeld, er versteckt sich vielmehr, so abseits wie er liegt, im Wald, unweit der Grenze zu Österreich. Ein älterer Herr kommt daher, mit Walking- Stöcken in den Händen. «Der Findling? Klar! Einfach dem Weg folgen, und dann beim Gedenkstein (errichtet 1899 zum 200-Jahr-Jubiläum des Erwerbs der Herrschaft Schellenberg durch das Liechtensteiner Fürstenhaus, Anm. d. Red.) links abzweigen.» Alfred Goops These hält der Überprüfung stand.

15 Tonnen schwer
Wenig später thront er auch schon auf seiner kleinen Lichtung, umrahmt vom Grün der Bäume und flachgetretener Erde, die von einer Vielzahl an Besuchern zeugt. Ein grauer Gigant, an einzelnen Stellen moosgesprenkelt, 15 Tonnen schwer. «Der grösste bekannte Findling des Landes», verkündet die Informationstafel, die sich dahinter in die Höhe reckt, um im Wirkkreis der eindrücklichen Erscheinung irgendwie wahrgenommen zu werden.

Er ist nicht der einzige seiner Art in der Region, bei weitem nicht. «Wer durch die Wälder streift, kann immer wieder einmal auf einen Findling stossen», weiss Daniel Miescher, Geologe und Autor des Buches «Geologie Leichtensteins», das 2014 im Alpenlandverlag erschien. Das Exemplar auf dem Gantenstein jedoch sticht heraus. Durch seine Dimensionen, aber ebenso durch seine Lage. So exponiert, wie er sich dem Betrachter präsentiert, wirkt alles wie von Menschenhand inszeniert.

Doch es war allein die Natur, die hier Regie führte. Im Zuge der jüngsten, gut 100 000 Jahre umfassenden Eiszeit sei das gesamte Gebiet vom Rhein-Einzugsgebiet bis an den Bodensee von einem mächtigen Gletscher bedeckt gewesen, erklärt Miescher. «In Liechtenstein reichte die Eisschicht von gut 400 Metern 
unterhalb des heutigen Talgrundes bis hinauf nach Masescha (1250 m ü. M., Anm. d. Red.).» Da sich Gletscher bekanntlich – wenn auch in verhältnismässig geringem Tempo – bewegen, wird alles, was auf ihnen zu liegen kommt, mittransportiert. Auch 15 Tonnen schwere Gesteinsbrocken. Und so begab sich der Findling vom Gantenstein auf eine jahrzehntelange Reise, weg von seinem Ursprungsort in Graubünden hin zu seiner neue Heimat. «Als die Eiszeit dann vor 15 000 bis 10 000 Jahren zu Ende ging und das Eis schmolz, wurde er dort abgelagert, wo er sich heute befindet.»

Verräterische Zusammensetzung
Enttarnt wird seine gebietsfremde Identität, sein Findlingswesen, durch seine Struktur und Zusammensetzung. Die Berge des Rheintals bestehen laut Miescher vornehmlich aus 30 bis 250 Millionen Jahre altem Sedimentgestein, konkret aus Kalkfelsen und Sandstein. Der Schellenberger Findling dagegen sei einer anderen Gesteinsart, dem Gneis, zuzuordnen. «Sie stammt aus tieferen Regionen der Erdkruste, ist kristallin und deutlich älter.» Das Alter des Gantenstein-Giganten beziffert der Experte mit «gut 400 Millionen Jahren».
Seine stoische Aura mag mitunter einen falschen Eindruck vermitteln. Er hat viel erlebt, ist ein Weitgereister – durch Raum und Zeit. Eine gewisse Ehrfurcht zu empfinden, wenn man ihm gegenübersteht, ist da nur folgerichtig. Genau so wie der Umstand, dass ihn fast jeder Schellenberger kennt. (bo)

17. Mai 2019 / 06:30
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