• Das Schaaner Unternehmen Xnet vermietet Dörfer wie Volkach in Bayern für einige Tage an Grosskonzerne – samt Schlüsselübergabe und Eintrag ins Dorfbuch.  (zvg)

Fast niemand wollte Liechtenstein mieten

Seit 20 Jahren vermietet Xnet gastfreundliche Dörfer an Grosskonzerne. Eine Zeit lang wurde auch Liechtenstein angeboten.

«Ja, Snoop Dogg wollte mit der Kutsche durchs Städtle fahren», erzählt Karl Schwärzler in seinem Büro. Das Unternehmen Xnet, das ganze Dörfer vermietet, ist im Erdgeschoss seines Wohnhauses einquartiert. Von Schaan aus hat er mit Kunden wie Novartis, Hyundai, Siemens und weiteren namhaften Konzernen zu tun.

Die Idee von «Rent a village»: Grosskonzerne mieten für ihre Tagungen, statt einem Hotel gleich ein ganzes Dorf, mitsamt Ständchen, der Blasmusik und weiteren Attraktionen. Dadurch hatte Schwärzler auch mit dem Management des US-Rappers zu tun gehabt, als dieser Liechtenstein für eine Plattentaufe mieten wollte. Aufgrund der kurzfristigen Anfrage sei daraus nichts geworden: «Wir haben Vaduz mit dem Management von Snoop Dogg angeschaut. Doch die Lokalitäten sind damals nicht zur Verfügung gestanden.»
Er war nicht nur der prominenteste, sondern so gut wie der einzige ernsthafte Interessent für Liechtenstein. Ein anderes Mal wollte ein Paar aus Kalifornien das Land für ihren 50. Hochzeitstag mieten. Sie sind fälschlicherweise zuerst nach Lichtenstein in Sachsen geflogen. Nach der Besichtigung ging der Xnet-Geschäftsführer mit ihnen zur Post in Vaduz, um als Einladung rund 250 Kalender über den Atlantik zu schicken. «Letztlich haben sie sich noch vor der goldenen Hochzeit scheiden lassen», berichtet Schwärzler. Obwohl die Aktion begraben wurde, treffen gelegentlich weiterhin Anfragen, etwa aus China, Russland oder Saudi-Arabien, ein. Sieben Jahre lang wurde Liechtenstein unter dem Banner «Rent a country» von Xnet angeboten. Vermietet wurde es allerdings nie. Es blieb bei den zwei Besichtigungen.

Liechtenstein mieten für 70 000 US-Dollar pro Nacht
Bevor sich Xnet in Schaan niederliess, arbeitete Schwärzler sowohl im Sommer als auch im Winter von Silum aus. Er selber ist im vorarlbergischen Brand aufgewachsen, wo er früher ein Hotel führte. Seine Mutter kommt aus Liechtenstein. Mit der Zeit wurde Roland Büchel, ehemaliger Geschäftsleiter von Liechtenstein Tourismus (heute Liechtenstein Marketing), auf das Konzept aufmerksam. 2003 wurde das Land per Pressemitteilung zur Miete freigegeben. «Und dann ist die ganze Medien-Maschinerie weltweit angesprungen», erinnert sich der Event-Organisator. Unter anderem berichteten die «New York Times» und CNN über «Rent a country» – als Preis wurde 70 000 US-Dollar pro Nacht genannt. Im selben Jahr nahm Schwärzler für das einzigartige Konzept an der Universität Harvard den «Ig-Nobelpreis» entgegen. Nach wie vor ist die satirische Auszeichnung in den Büroräumen von Xnet aufgestellt. Doch mittlerweile hat sie Staub gefangen.  Während dem Gespräch drängt sich die Frage auf, weshalb Liechtenstein ein Ladenhüter geblieben ist. «Das Problem ist die geringe Anzahl an Hotelbetten im Land und die Saalgrösse gewesen. Damals gab es noch keinen SAL», meint Schwärzler – in ihren Partnerdörfern organisiert Xnet Veranstaltungen für 150 bis 1200 Personen. Durch Shuttle-Transfers von den verschiedenen Gemeinden ins Zentrum wäre eine gewisse Kapazität auf das ganze Land verteilt zu stemmen gewesen. Doch die Unternehmen bissen nicht an.  Aufgrund der Frankenstärke habe der Preis deutlich über jenem der Dörfer in Deutschland und Österreich gelegen, die pro Tag und Person zwischen 220 bis 250 Franken kosten.

Heute spricht Schwärzler bei «Rent a country» von einer «Kuriosität», die ohne Grund hohe Wellen geschlagen habe. Die «Spitze des Eisbergs» seien Anfragen zur Geldwäscherei und ein Film aus China gewesen. Dieser präsentierte Liechtenstein mit einem rosa Schloss und warb damit, dass man einen Wein mit dem Fürsten trinken könnte. Dass Liechtenstein aus dem Sortiment gestrichen wurde, hatte nicht nur mit den fehlenden Vermietungen zu tun. Den Gnadenstoss gab die Politik respektive der Anruf eines Mitarbeiters aus dem Regierungsbüro. «Der Erbprinz hüpft und der Regierungschef schummert – oder umgekehrt», gibt Schwärzler die Kernaussage des Gesprächs wieder.

Daraufhin wurde das Fürstentum sofort von der Xnet-Homepage entfernt. «Wir haben uns dabei nichts Schlechtes gedacht und es einmal probiert», erklärt Schwärzler. Ausserdem sei das Angebot mit Liechtenstein Tourismus abgesprochen gewesen. Doch der Unternehmer zeigt Verständnis dafür, dass man das Image des Landes schützen möchte.
Trotz der ausgebliebenen Vermietung habe Xnet von «Rent a country» profitiert. Denn durch die Aktion sind zahlreiche potenzielle Kunden auf sie aufmerksam geworden. Darunter auch grössere Unternehmen aus Liechtenstein, doch diese darf Schwärzler aufgrund deren Richtlinien nicht nennen.

2019 bestes Halbjahr seit der Geschäftsgründung
Den Erfolg des Konzepts sieht Schwärzler darin, dass die Entscheidungsträger so etwas noch nie erlebt hätten: «Unsere Dörfer sind authentisch, menschlich und analog. Dadurch kommen die Geschäftsleute wieder in Berührung mit der Realität.» Dazu gehöre, dass einem die Hüttenwirtin abends einen Schnaps spendiere oder man zur Konferenz mit einem Schlitten den Hang hinunterfahre. Das «Rundum-dorglos-Paket», mit dem Xnet sein Konzept vermarkte, würde für eine ungezwungene Atmosphäre sorgen, welche hierarchische Strukturen aufbreche. 

Innerhalb der 20-jährigen Unternehmensgeschichte wurden bislang an 19 Standorten über 24 000 Personen betreut und 60 000 Nächtigungen generiert. Momentan hat Xnet mit elf Dörfern eine Partnerschaft. Sechs sind in Österreich, fünf in Deutschland und eines in der Schweiz. Von Veranstaltung zu Veranstaltung erweitert Xnet seine Kontakte und sammelt bei der Umsetzung von Kundenwünschen neue Erfahrungen, aus denen neue Angebote resultierten. Das jüngste Beispiel: Seit 2019 führt das Schaaner Unternehmen zudem «Make!sense Meetings» durch. Dabei handelt es sich um eine Art von «Strategiewanderungen», bei der die Tagung sozusagen an die frische Luft verlagert wird. Nichtsdestotrotz floriert das Geschäft mit den Dorfvermietungen laut dem Gründer weiterhin: «Wir haben heuer das beste Halbjahr aller Zeiten gehabt.» (gk)

22. Okt 2019 / 05:00
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