• Jürgen Hasler, Ruggell
    Vizevorsteher Jürgen Hasler ist sich der Verkehrsproblematik bewusst und setzt sich für einen Ausbau des grenzüberschreitenden Verkehrs ein.  (Tatjana Schnalzger)

Ruggell: «Wir sind uns unseres Charmes bewusst»

Jede Gemeinde steht neben landesweiten auch vor ganz individuellen Herausforderungen. Ruggells Vizevorsteher Jürgen Hasler erzählt.

Herr Hasler, Sie wurden bereits zum zweiten Mal in den Gemeinderat gewählt. Neu übernehmen Sie jedoch die Rolle des Vizevorstehers. Welche neuen Aufgaben sind damit auf Sie zugekommen?

Jürgen Hasler: Wie es der Name Vizevorsteher schon sagt, vertritt dieser den Vorsteher bzw. Vorsteherin bei gewissen Terminen oder Aufgaben. Oft finden mehrere Veranstaltungen zur selben Zeit statt, sodass Vorsteherin Maria Kaiser-Eberle und ich uns die Termine dann aufteilen. So hatte ich schon den einen oder anderen «Auftritt» als Vizevorsteher. 

Bringt ein solches Amt auch mehr Aufwand und Verantwortung mit sich?

Ja, durchaus. Man muss sich für die Termine vorbereiten, vor allem, wenn Ansprachen gehalten werden müssen. Als Vizevorsteher bin ich zudem automatisch in den Kommissionen Finanzen und Personal vertreten, die zudem seit der Reorganisation personalmässig verkleinert wurden. Aber auch zahlreiche Dokumente müssen vom Vizevorsteher gegengezeichnet werden. Alles Aufgaben, die ich aber mit viel Freude mache.

Ruggell ist bekannt für sein wunderschönes Riet, für die vielfältige Flora und Fauna – hier blühen im Mai sogar die seltenen Schwertlilien. Ruggell wird auch als Fahrraddorf bezeichnet. Was hat die Gemeinde sonst noch zu bieten?

Tatsächlich gibt es in Ruggell mehr Fahrräder als Einwohner (lacht). Das liegt sicher an der ebenen Landschaft. Ruggell ist aber auch die Gemeinde mit den meisten Sonnenstunden im Land. Und was uns auch ausmacht: Wir haben eine sehr gute Trennung zwischen Wohngebiet und Industrie, sodass der Dorfcharakter wirklich erhalten geblieben ist. Ich freue mich zudem sehr, dass die Pumptrack-Anlage – übrigens ein grosser Wunsch der Bevölkerung – zum Publikumsmagnet für Kinder und Jugendliche geworden ist. Es hat zwar einige Zeit gedauert, bis wir einen «idealen» Standort gefunden haben, doch dafür ist die Nachfrage nun umso grösser. Wichtig erscheint uns das vor allem auch im Hinblick darauf, dass der Veloclub Ruggell und der Liechtensteiner Radfahrerverband seit Jahren mit Nachwuchsproblemen kämpfen. Durch die Pumptrack-Anlage kann vielleicht der eine oder andere Jugendliche für den Radsport begeistert werden. Wir räumen dem Vereinsleben in unserem Dorf einen hohen Stellenwert ein, denn es ist hier sehr ausgeprägt. Oft sind die Ruggeller gleich in mehreren Vereinen aktiv. Und natürlich haben wir in Ruggell auch Biber – das gefällt aber nicht allen. 

Ebenso wie der hohe Grundwasserspiegel …

Ja, mit diesem Wissen leben wir hier in Ruggell natürlich. Es wird daher privat kaum mehr unterkellert gebaut – auch wenn unsere Feuerwehr auf Hochwasser spezialisiert ist.

Ruggell wurde auch als erste Gemeinde des Landes von der Unicef mit dem Label «Kinderfreundliche Gemeinde» zertifiziert. Was hat die Gemeinde dafür getan bzw. warum war dieses Label für die Verantwortlichen wichtig?

 

Das war im ureigensten Interesse der Gemeindeverwaltung und des Gemeinderats. Nicht nur, weil wir den Kindern ein Mitspracherecht einräumen wollten, sondern auch, weil wir durch diesen Prozess enorm viel Input erhalten haben, was überhaupt alles möglich und realisierbar ist. Um unsere Kinderfreundlichkeit zu überprüfen, haben wir deshalb zuerst eine Standortbestimmung gemacht und erfreulicherweise festgestellt: Wir haben bereits seit vielen Jahren grossartige Arbeit zugunsten der Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen geleistet. Im Anschluss an diese Standortbestimmung wurden eine Kinderkonferenz sowie ein «Kindermitwirkungstag» durchgeführt, bei denen jeweils rund 70 Kinder sehr aktiv teilgenommen haben. Aus all den Ideen und Anregungen entstand in Folge ein Aktionsplan mit zwölf Massnahmen, den die Gemeinde nun umsetzen möchte. Verwaltungsintern wurde dafür eine Kontaktstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen geschaffen, welche die Geschehnisse in der Gemeinde und Region unter einem kinder- und jugendpolitischen Gesichtspunkt verfolgen und ihre Erkenntnisse den Behörden und weiteren Anspruchsgruppen zugänglich machen soll. Ausserdem bauen wir eine Jugendkommission mit klar festgelegten Aufgaben und Zielen auf, die regelmässige Kinder- und Jugendanlässe durchführen soll. Doch auch mehrere verkehrspolitische Massnahmen sind geplant oder wurden bereits umgesetzt: So werden etwa Bus-Schülerabos subventioniert und kinderfreundliche Zonen mittels Temporeduktionen sollen geprüft werden.

Im Leitbild der Gemeinde ist festgehalten, dass Ruggell seinen ländlichen Dorfcharakter behalten soll, Erneuerungen und Entwicklungen aber trotzdem bewusst und offen angegangen werden sollen. Wie kann dieser Spagat gelingen?

 

Das ist sicher eine Herausforderung. Noch ist in Ruggell Potenzial für Bauplätze vorhanden, es gibt noch genügend Grünflächen. Für die nächste oder übernächste Generation wird es aber sicher nicht mehr möglich sein, dass jeder sein eigenes Haus mit Umschwung bauen kann – obwohl die Gemeinde ständig Umzonierungen vornimmt. Und auch «Wolkenkratzer» wollen wir – anders als in der Industriezone – im Dorf vermeiden, da wir der Pflege des Ortsbildes ein grosses Gewicht beimessen. Wir sind uns unseres Charmes durchaus bewusst – und wollen diesen auch behalten. 

Nicht nur, aber auch in der Gemeinde Ruggell wird der Verkehr zunehmend zum Problem. Vor allem die Zufahrt zum Industriegebiet ist nicht ideal. Mit dem Projekt «Kreisel und Industriezubringer» soll dieses Problem gelöst werden. Was ist geplant und wie ist der Stand des Projektes? 

Das Projekt ist in Ruggell schon seit 10 Jahren in aller Munde. Die Idee ist, dass unterhalb der Rheinbrücke ein Kreisel gebaut wird, von dem ein direkter Abzweiger ins Industriegebiet führt. Die momentan verwinkelte Zufahrt über das «Rössle» würde dann wegfallen bzw. wäre nur noch für Anwohner befahrbar. Doch für den Kreisel ist natürlich Boden und Platz vonnöten. Seit längerer Zeit sind wir deshalb mit den Anrainern im Gespräch. Es wurden von der Gemeinde schon einige Grundstücke getauscht oder gekauft. Die Verhandlungen mit Grundstücksbesitzern sind noch im Gang. Sobald diese abgeschlossen sind, kann in Zusammenarbeit mit dem Amt für Bau und Infrastruktur mit der Detailplanung begonnen werden.

Das Ganze mit dem Ziel, das Dorf auch vom Verkehr zu entlasten?

 

Es wird vor allem eine Entlastung für jene, die zu den Haupverkehrszeiten in die Industriezone fahren müssen bzw. die nach Feierabend wieder in Richtung Autobahn fahren.

Können damit die grössten Verkehrsprobleme gelöst werden?
Das generelle Verkehrsproblem kann mit einem solchen Projekt natürlich nicht gelöst werden – weder bei uns, noch in einer anderen Gemeinde. Tatsächlich hat in den vergangenen Jahren auch der Verkehr in Richtung Bendern massiv zugenommen. Viele Pendler, die dort arbeiten, fahren von der Autobahn in Ruggell aus und wählen den Weg über die Landstrasse nach Gamprin-Bendern, weil dies der schnellere ist und sie den Stau auf der Rheinbrücke in Haag umfahren wollen. Viele Pendler aus Vorarlberg fahren zudem durch die Ruggeller Quartiere Richtung Industriegebiet.

Es werden langfristig gesehen also noch weitere Massnahmen notwendig sein.

Ja. Irgendwann wird sicher das Thema Umfahrungsstrasse wieder aufkommen. Das ist uns bewusst. Es kann aber Jahrzehnte dauern, alle Beteiligten ins Boot zu holen und dieses Projekt umzusetzen. Bis dahin versuchen wir, den Verkehr über andere Massnahmen zu reduzieren. Vor allem der Ausbau des grenzüberschreitenden Bus- und Bahnangebots ist mir ein grosses Anliegen. Die noch Auto fahrenden Pendler sollen einfach und schnell via Zug- und/oder Busverbindung zu ihrem Arbeitsplatz gelangen. Wie wichtig dieses Thema ist, zeigen Bewerbungsgespräche. Immer öfter ist die Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes und eine gute Anbindung an Zug und Bus ein Thema. Stellen wurden deshalb schon abgelehnt. Aus diesem Grund ist das wirklich ein enorm wichtiges Thema, wenn wir konkurrenzfähig bleiben wollen.

Hat auch der Casinobetrieb zusätzlichen Verkehr generiert?

Ja, das ist definitiv spürbar. Der Verkehr hat vor allem nachts massiv zugenommen. Das verwundert bei den bekannten Besucherzahlen aber kaum.

Welche weiteren Herausforderungen stehen – abgesehen vom Verkehr – für Ruggell in naher Zukunft an?

Der demografische Wandel und die Alterspflege werden uns definitiv vor grosse Herausforderungen stellen. Ausserdem kämpfen einige kulturelle Dorfvereine mit fehlendem Nachwuchs.

Interview: Desirée Vogt

27. Aug 2019 / 14:22
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