• Der Ruggeller Arno Oehri ist schon seit vielen Jahren als freischaffender Künstler tätig. Im Zuge der Corona-Krise ist es für ihn nun eine gute Zeit, ein bedingungsloses Grundeinkommen für professionelle Kulturschaffende in Liechtenstein einzuführen.  (Arno Oehri)

«Wir brauchen jetzt Verbindlichkeiten»

Arno Oehri beschäftigt sich mit vielen Fragen, wie es angesichts der Krise mit dem Kultursektor weitergehen kann. Er sieht Handlungsbedarf.

Seit 1986 ist der Ruggeller Arno Oehri freischaffender Künstler, Projektleiter und Filmemacher. In den 1990er-Jahren hat er zudem damit begonnen, interdisziplinäre und multimediale Bühnenprojekte zu schaffen, hat dokumentarische Videoproduktionen unter eigener Regie verwirklicht und war als Workshop- und Projektleiter an diversen Ausbildungstätten und Kulturinstitutionen tätig. Im Jahr 2006 gründete Arno Oehri schliesslich die Multimedia- und Klangperformancegruppe «Klanglabor». Seine Arbeiten haben stets mit dem Hier und Jetzt zu tun – und so beschäftigt sich der Ruggeller aktuell auch sehr stark mit den Auswirkungen und Konsequenzen, welche die Corona-Krise auf Kulturschaffende in Liechtenstein hat.  

Wie erleben Sie die Krise und wie geht es Ihnen?
Arno Oehri: Persönlich geht es mir noch gut. Allerdings mache ich mir enorme Sorgen um den Kultursektor als Ganzes.  

Weshalb machen Sie sich Sorgen? 
Als Freiberufler und Projektinitiator bin ich es gewohnt, mich selbst zu organisieren. Jedoch sind im Moment keine konkreten Planungen möglich. Es herrscht eine grosse Ungewissheit und Unsicherheit – nicht nur für mich, sondern für den gesamten Kultursektor. Es geht schliesslich um unsere Existenz. 

Wie so viele mussten auch Sie Projekte verschieben oder absagen. 
Natürlich. Momentan bin ich jeden Tag für zwei bis drei Stunden im Probelokal, male und koche täglich zwei Mal für die Familie. Auch habe ich die erste Fassung eines Drehbuchs fertiggestellt. Die künstlerische Arbeit geht nie aus. Die grosse Frage ist aber: Was wird damit? Wie und wann können die angedachten Projekte überhaupt verwirklicht werden? Wie kann ich damit ein Einkommen generieren? 

Die Regierung hat ein Hilfspaket für Kulturschaffende lanciert. Wie stehen Sie zu diesem? 
Ich höre ganz unterschiedliche Geschichten. Das Kulturschaffen ist ein höchst komplexes Gebilde und je freiberuflicher die Leute unterwegs sind, desto mehr leben sie von der Hand in den Mund. Um es deutlich zu sagen: Kulturschaffende sind im Allgemeinen hoffnungslos unterbezahlte, aber meist hochqualifizierte Fachkräfte, die unter vielen anderen einen substanziellen Beitrag zu einer funktionierenden, gesunden, demokratischen Gesellschaft leisten. Diejenigen, die am wenigsten verdienen, fallen am ehesten durch die sogenannten Maschen oder kriegen die geringsten Beiträge, was absolut absurd ist. Meines Erachtens ist es eine gute Zeit, vertieft über   ein bedingungloses Grundeinkommen für professionelle Kulturschaffende nachzudenken. Persönlich habe ich bislang Glück gehabt, was das Unmittelbare anbelangt. Und da bin ich sehr dankbar dafür. Aber viele andere aus dem «Kulturkuchen» sind enorm bedroht und vor allen Dingen steht immer noch die Frage im Raum: Wie bitte soll es weitergehen?

Dann ist es derzeit sehr schwierig, sich mit der Zukunftsplanung zu beschäf­tigen? 
Es gibt keine Zukunftsplanung, weil keine verlässlichen Parameter bekannt sind. Eine Rezession wird kommen und üblicherweise wird dann reflexartig an der Kultur gespart. Es müssen also andere Lösungen her: Wir müssen planen können, wir müssen proben können, wir müssen Verträge aufsetzen, einhalten und unterschreiben können. Wir brauchen Verbindlichkeiten und wir brauchen die Stimme der Gesellschaft und der Politik, die sagt: «Ja, auch euch brauchen wir unbedingt in unserem Gemeinwesen!» Es geht um Werte und wirkliche, gelebte Wertschätzung. Und diese müssen den Akteuren ein Überleben möglich machen. Kunst und Kultur sind kein «Nice-to-have», sondern ein Gesellschaftsfaktor, ein Wirtschaftsfaktor, ein Gesundheitsfaktor, ein Bildungsfaktor, ein Identitätsfaktor, ein Demokratiefaktor und vieles mehr.

Ist die Solidarität unter den Kulturschaffenden in dieser schwierigen Zeit ebenso wichtig? 
Die Solidarität ist enorm wichtig. Wir müssen versuchen,  endlich eine Lobby für die Kultur bilden zu können. Ein Kollege hat kürzlich den Begriff «Kulturrat» ins Spiel gebracht. Dabei geht es um einen Kulturrat, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der verschiedensten Kunstsparten und Institutionen, der als Gegenüber und Diskussionspartner für die Entscheidungsträger mit in die nächsten Schritte involviert wird. Ich habe in dieser Hinsicht einen Brief an die Regierung initiiert, der von fast 70 Kulturschaffenden unterzeichnet wurde. Wir sind bei der Kulturministerin auf offene Ohren gestossen und es werden demnächst Gespräche stattfinden.

Gibt es auch etwa Positives, das Sie der aktuellen Krise abgewinnen können? 
Selbstverständlich ist jede Krise auch eine Chance. Das ist eine Binsenweisheit. Aber wenn man existenziell bedroht ist, fällt es schwer, etwas Positives zu sehen. Hier ist die Gesellschaft als Ganzes gefragt. Es ist wie beim Pflegepersonal: Vom Applaus kann sich keiner ernähren. Es müssen Lösungen und Bedingungen geschaffen werden – und zwar jetzt –, unter denen Kultur und Kunst in der unmittelbaren Gegenwart und auch in der näheren Zukunft stattfinden kann. Die Schwierigkeiten in der Kulturbranche sind aber nicht allein corona-bedingt. Die aktuelle Krise führt einfach dazu, dass die grundsätzlichen Probleme noch deutlicher zu Tage treten. 

Serie - Teil 43: Das Coronavirus legt derzeit alles still – auch das Kulturleben.  Das «Vaterland» hat sich bei liechtensteinischen freischaffenden Kulturschaffenden, die im In- und Ausland tätig sind, erkundigt, wie es ihnen momentan geht und was die derzeitige Krise für sie konkret bedeutet. Heute mit Multimediakünstler, Klangkünstler und Filmemacher Arno Oehri, weitere Kulturschaffende folgen.

15. Mai 2020 / 16:35
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