• Ruggell
    Diese vier Pumpen in der Ruggeller Regenbeckenanlage transportieren bei einem Unwetter 1800 Liter Wasser pro Sekunde in den Schmettakanal.  (Paul Trummer/Gemeinde Ruggell)

Durchdachtes Entwässerungssystem

Das Ruggeller Entwässerungssystem mag einiges an Wasser schlucken. Trotzdem kommt es immer wieder zu überfluteten Kellern.

Unscheinbar steht ein Holzgebäude mitten im Ruggeller Siedlungsgebiet, direkt am Schmettakanal. Nur quadratische Metalldeckel, die um das Gebäude aus der Wiese ragen, lassen vermuten, dass unter dem Gebäude mehr sein muss. Das Regenbecken «Kirche» ist eines von drei, die zum Entwässerungssystem der Gemeinde Ruggell gehören. Es kommt dann zum Einsatz, wenn die rund 18 Kilometer langen Abwasserleitungen bei Starkregen das Wasser nicht mehr schnell genug abtransportieren können. 

Vergangenes Jahr war dies mehrmals der Fall. Vielen Ruggellern sind vor allem der 27. Juli sowie der 2. und 28. August in Erinnerung. Eine besondere Wetterlage liess die Regenwolken um Ruggell kreisen und innerhalb kürzester Zeit fiel eine Menge Wasser vom Himmel. So viel, dass das Regenwasser durch die Schächte gar nicht mehr abfliessen konnte. Die Folge: überfüllte Keller und Wasserschäden – so viele wie schon seit Jahren nicht mehr. Bei der Gemeinde gingen daraufhin etliche Reklamationen ein: Die Pumpen der Regenbecken würden zu spät einschalten oder die Leitungen hätten zu wenig Kapazität. 
Der Leiter der Bauverwaltung, Emanuel Matt, nahm sich des Problems an. «Das Abwassersystem der Gemeinde war aber nie überlastet gewesen», betont er. Er untersuchte die rund 30 Fälle, die über die Gemeinde verteilt und sehr unterschiedlich waren. Das Resultat der Untersuchungen: Meistens lag das Problem bei der Liegenschaftsentwässerung und dafür sind die Hausbesitzer selbst verantwortlich. 

450 Kubikmeter Wasser in vier Minuten ausgepumpt
Emanuel Matt öffnet die Tür zum Regenbecken «Kirche». «Das Regenbecken entwässert 42 Hektare unserer Gemeinde», veranschaulicht er die Kapazität des Bauwerks. Im ersten Stock befindet sich der Technikraum. Die Steuerung ist vollautomatisch und wird vom Abwasserzweckverband kontrolliert. Auch die Wartung der Regenbecken übernimmt der AZV. Durch eine stabile Sicherheitstüre geht es zum Regenbecken selbst. Sofort steigt der Kanalisationsgeruch in die Nase und der niedrige Sauerstoffgehalt ist spürbar. Draussen scheint die Sonne – das Becken, welches sich in zwei Teile aufteilt, ist leer.

Kommt es jedoch zu einem Unwetter, wird das Abwasser in grossen Schleusen in das das erste Becken gespült. Normalisiert sich die Lage rechtzeitig, geht das Wasser wieder zurück ins Abwassersystem. Dauert der Starkregen an, füllt sich das zweite Becken. «Ist dieses voll, transportieren vier riesige Pumpen bis zu 1800 Liter pro Sekunde in den Schmettakanal», verdeutlicht Emanuel Matt, was die Maschinen leisten können. Und es gibt noch ein zweites solches Regenbecken im Siedlungsgebiet plus ein kleineres im Industriegebiet. 

Entwässerungssystem ständig anpassen
Bereits Ende der 90er-Jahre wurde das erste Regenbecken gebaut. «Die Gemeinde beschäftigt sich schon seit Jahrzehnten ausführlich mit der Entwässerung», sagt Matt und zeigt einen Plan aus dem Jahr 1958, auf dem viele Leitungen, die erst später gebaut wurden, ersichtlich sind. Denn das Hochwasser beschäftigte die Ruggeller immer schon. Das Problem: Die nördlichste Gemeinde Liechtensteins ist auch dessen tiefst gelegene und flachste Gemeinde. Ausserdem ist der Grundwasserspiegel geologisch bedingt sehr hoch. Denn früher gehörte das Gebiet um Ruggell dem Rhein. «Deshalb hat die Gemeinde auch viel Geld in die Entwässerung gesteckt. Somit haben wir eines der leistungsstärksten Systeme im Land», erklärt Matt.
Doch die Kanalisation muss stetig angepasst und weiterentwickelt werden. Die Gemeinde Ruggell arbeitet schon seit Längerem an einem neuen Entwässerungskonzept, das dieses Jahr seinen Abschluss findet. Der Generelle Entwässerungsplan, kurz GEP, zeigt auf, was für eine Kanalisation notwendig ist, wenn Ruggell ausgebaut wird. Jede Gemeinde muss so einen GEP erstellen und dann laufend aktualisieren. Damit auch die privaten Entwässerungsanlagen für die Liechtensteiner Bedingungen geeignet sind, muss seit einigen Jahren die geplante Liegenschaftsentwässerung eingereicht werden, damit die Gemeinde diese prüfen kann. «Die Abwasseranlagen neuer Häuser sind deshalb grundsätzlich auf grössere Ereignisse ausgelegt», so Matt.

Regelmässige Wartung der verschiedenen Anlagen
Die Ruggeller Kanalisation ist grösstenteils ein Mischsystem, wo Regen- und Abwasser zusammenfliessen. Die Abwasserleitungen führen alle zu einem zentralen Punkt bei der Sportanlage Widau, wo sich das Abwasserpumpwerk befindet. Von da aus wird das gesamte Regen- und Schmutzwasser nach Bendern in die Abwasserreinigungsanlage (ARA) gepumpt. Die drei Regenbecken und noch weitere Hochwasserentlastungsanlagen gehören zum System, das regelmässig geprüft und gewartet wird. Dieses Jahr wird beispielsweise das komplette Leitungsnetz gespült. Vergangenes Jahr wurden die Schlammsammler gereinigt. Die Regenbecken werden mehrmals jährlich gewartet. 

Langsam stellt sich ein Schwindelgefühl im Regenbecken «Kirche» ein. Der Sauerstoffmangel wird spürbar. Aus diesem Grund müssen jeweils zwei Mitarbeiter der ARA die Wartung vornehmen. Emanuel Matt verlässt die Anlage wieder. Der Schmettakanal führt wenig Wasser. Kommt das Regenbecken aber in Betrieb, kann sich dies in Sekunden ändern. (manu)

15. Mai 2020 / 17:56
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