Dreiländereck mit bewegter Geschichte

Ruggell und seine ausländischen Nachbargemeinden teilen eine erzählenswerte gemeinsame Geschichte.

«Denn ein schlechter Nachbar ist eine so grosse Plage, wie ein guter ein Segen ist», schrieb Hesiod um 700 vor Christus. Seitdem der griechische Dichter und Bauer sein Land bestellte, veränderte sich in Sachen Nachbarschaft wenig. Ruggell, das beim Dreiländerdreieck zwischen Liechtenstein, Österreich und der Schweiz liegt, fällt das Glück anheim, gute Nachbarn vergönnt zu sein. Natürlich sind enge Bande mit Gamprin und Schellenberg geknüpft, aber auch über die Landesgrenzen hinaus mit Salez und – geschichtlich gesehen – vor allem mit Nofels.

Geschichte bindet Nofels und Ruggell

Seine Nachbarn sucht man sich nicht freiwillig aus, deshalb muss man sich mit ihnen arrangieren, besonders in Zeiten der Not. Die nördlichste Gemeinde Liechtensteins und Nofels sind sich seit jeher wirtschaftlich, landschaftlich, gesellschaftlich und sprachlich nahe. Diese Faktoren hängen konsequenterweise zusammen. Die Ruggeller – wie auch die Schellenberger im Übrigen – arbeiteten bis zum Ersten Weltkrieg zu grossen Teilen in der Stadt Feldkirch. 30 Prozent der Arbeitsplätze in der Feldkircher Textilbranche nahmen Liechtensteins Unterländer im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Dieser Umstand schlug sich hinsichtlich Vokabular, Lautverschiebungen und Wortdehnungen im Dialekt nieder, obwohl dem Ruggeller natürlich auch Eigenheiten gegeben sind – man denke an «ein Eier». 

Bei Knappheiten unterstützten sich die Nachbarn: Während des Ersten Weltkriegs fielen die Nofler Kirchenglocken der Rüstungsindustrie zum Opfer. Daraufhin verlieh Ruggell auf Bitten der Nofler Kirchenverwaltung ihre kleine 300-jährige Sterbeglocke. Dies geschah auch in Erinnerung an die Entlehnung des Tabernakels von Nofels, das von 1899 bis 1908 in der Ruggeller Kirche Verwendung fand.
In den 1920ern sah es in Ruggell wie in ganz Liechtenstein wirtschaftlich schlecht aus. Zwischen dem Verlassen des Zollverbundes mit Österreich und bis zum Bau der Holzbrücke zwischen Ruggell und Salez war die nördlichste Gemeinde ein- und abgeschlossen. Zu allem Unglück trafen Schaan und die Unterländer Gemeinden die 1927 erfolgte Rheinkatastrophe. In Ruggell wurden lediglich zwei Häuser von den Fluten verschont. Die Flüchtenden kamen in Schellenberg und im Vorarlbergischen unter. Die Nachbarländer boten Hilfe durch ihre Truppen in einer Zeit an, in der Liechtenstein lediglich über Weibel und noch nicht über eine Landespolizei verfügte.

Während des Zweiten Weltkriegs avancierte die Grenze zwischen Liechtenstein und dem Vorarlberg zur Fluchtgrenze, durch die unter Liechtensteiner Mitwirkung jüdische Flüchtlinge ihren Weg in die Schweiz fanden. Treffpunkt der Flüchtlinge war der «Ochsen» in Feldkirch, in dem der Kellner Paul Geier den Flüchtlingen Anweisungen und Hilfestellung gab. Geier wurde gefasst und verlebte die restlichen Kriegsjahre im Konzentrationslager Mauthausen. Zwei seiner Liechtensteiner Mithelfer waren die Ruggeller Rudolf Öhri und Theodor Heeb, wovon Letzterer ein Auto besass, mit dem mehrere Fluchtfahrten in die Schweiz durchgeführt wurden. «Die einen Fluchthelfer haben am Elend verdient, andere nicht; Leben haben beide gerettet», wie Peter Geiger in der Zeitschrift «Terra Plana» schrieb.

Die letzte Holzfähre Liechtensteins

Der Kontakt zwischen Ruggell und dem angrenzendem Sennwald hing stark vom Umgang mit dem Rhein ab. 1929 wurde erstmals eine Brücke gebaut, die Ruggell und Salez verbinden sollte. Das Holz, das gut 70 Jahre lang als Eisenbahnbrücke bei Bad Ragaz diente, war eine Geschenkgabe der SBB. Kein halbes Jahrhundert sollte die Holzbrücke existieren, denn 1963 brannte sie bereits ab. Bis dahin war die Verbindung zwischen Ruggell und Sennwald für circa ein Jahrzehnt getrennt gewesen, denn die letzte wurde am 6. Januar 1918 gekappt, als der letzte Fährmann Liechtensteins den archaischen Beruf an den Nagel hängte. 
Der «Rhi-Buur» Mang Hoop lebte in seinem Haus hinter dem Binnendamm. Der Reisende kündigte die von ihm gewünschte Fahrt an, indem er die Läutevorrichtung betätigte, die per Drahtseil über den Rhein gespannt war und so die sich auf der Liechtensteiner Seite befindende Kuhglocke betätigte. Eine Überfahrt kostete zu Beginn des 20. Jahrhunderts 20 Rappen und 15 Jahre später 30 Rappen. Für die mitfahrenden Kunden war die Überquerung des Rheins ein tollkühnes Erlebnis – besonders wenn das Wasser hoch stand. Davon zeugt folgender Augenzeugenbericht: «Wir hatten gemeint, Mang würde das Schifflein rudern, indessen lief eine Rolle über das fingerdicke Drahtseil, das hüben und drüben an mächtigen Wellböcken angepflockt war.» Nach der anschaulichen Szenerie führte die Verfasserin Maria Grabher-Mayer fort: «Das war eine grosse Beruhigung für uns, das Schifflein rudern, indessen lief eine Rolle über das fingerdicke Drahtseil, das hüben und drüben an mächtigen Wellböcken angepflockt war.» (dab)

27. Aug 2019 / 15:49
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