• Philipp Büchel
    Philipp Büchel ist Gründer des Blockchain-Büros, ein in Liechtenstein ansässiges Unternehmen, das als Informationsquelle zu Blockchain-basierten Themen dient.  (Tatjana Schnalzger)

Bitcoin: Lange nichts gehört

Morgen findet vermutlich das «Bitcoin-Halving» statt. Was es damit auf sich hat, erklärt Philipp Büchel.

Interview: Daniel Bargetze*

Herr Büchel, um Bitcoin ist es etwas still geworden – auch in Liechtenstein. Wie es scheint, schon vor der Corona-Krise. Woran liegt das?
Philipp Büchel: An der Oberfläche sieht es tatsächlich so aus, als ob es ruhig geworden wäre. Das kommt daher, dass sich ein oberflächlicher Betrachter hauptsächlich mit dem Marktpreis von Bitcoin auseinandersetzt, welcher die letzten zwei Jahre keinen grossen Aufwärtstrend mehr erfahren hat. Bemerkenswert dabei: Der Preis bewegte sich stets über dem dreifachen des Spitzenpreises der vorhergehenden Blase. Unter der Oberfläche wurde das Ökosystem ­Bitcoin aber mit ungebremstem Enthusiasmus weiterentwickelt und verbessert. Skalierbarkeit und Privatsphäre waren und sind hier die grossen Themen, in denen es zu bemerkenswerten Innovationen gekommen ist. Die Kryptowährung ist erwachsener und stärker geworden, ohne dass sie ihre Wurzeln und damit Grundwerte verloren hat. 

Ist Liechtenstein nach wie vor ein internationaler Hotspot im Thema Kryptowährungen, Smart Contracts und Tokenisierung?
Liechtenstein hat mit dem TVTG einen Rahmen geschaffen, der tatsächlich einzigartig ist und eine Grundlage für das Blockchain-Geschäft – oder eben ähnlichen vertrauenswürdigen Technologien – bildet. Wie gut diese Grundlage genutzt wird, können Menschen, die sich tiefer in dieser Businesswelt bewegen, besser beurteilen. Mir ist der Business-Teil oft zu überdreht und zu reisserisch. Hier bewegen sich immer noch viele Marktteilnehmer, auf technologisch oft wackligem Unter­grund, für die grosse Gewinne wichtiger sind als echtes Vorankommen. Das ist ein legitimes Bedürfnis, deckt sich aber nicht mit meinen eigenen Werten. Und noch wichtiger: Solche Zustände gehören wohl zur Entwicklungsphase jeder neuen Technologie dazu. Die Geschichte sagt, dass sich das mit der Zeit bessert. Darauf vertrauend, bleibe ich geduldig und ­beschränke mich darauf, scharf definierte, interpretationsfreie Grundlagen in der Tiefe zu verstehen, zu vermitteln und anzuwenden. Was jetzt vielleicht etwas langweilig klingt, gehört für mich immer noch zu einem der faszinierendsten Dinge, die ich in meinem Leben entdeckt habe. Dabei kann ich mich für vieles begeistern und bin ­gerne neugierig.

Am 12. Mai steht ein «Halving» an. Was ist das? Was wird an dem Tag geschehen?
Vorhersagbare und endliche Geldmenge war für den/die Erfinder von Bitcoin eine wichtige Eigenschaft, die er/sie der Kryptowährung in die DNA mitgegeben haben. Das führt dazu, dass im Moment durchschnittlich alle zehn Minuten 12,5 neue Bitcoin entstehen. Diese frischen Bitcoin manifestieren sich nach einem gewichteten Zufallsprinzip bei einem der beteiligten «Miner». Das sind Netzwerkteilnehmer, die mit ihrer Rechenleistung dazu beitragen, Bitcoin-Transaktionen gemäss eines gemeinsamen Konsens zu bestätigen. Die Zunahme der Geldmenge ist dabei nicht linear, sondern nimmt laufend ab und endet knapp unter 21 Millionen. Diese Abnahme geschieht stufenweise. Das nächste Mal voraussichtlich in den frühen Morgenstunden des 12. Mai. Von da an manifestie­ren sich alle zehn Minuten nur noch 6,25 neue Bitcoin.

Wie wird der Bitcoin-Kurs auf das Halving reagieren?
In der Wirtschaftswissenschaft gibt es den Begriff des Marktgleichgewichts. Das bedeutet, dass Angebot und Nachfrage in einem Gleichgewicht stehen. Der Preis ist in dieser Theorie die Gleichgewichtsvariable. Eine Verknappung des Angebots führt daher zu einer Erhöhung des Preises. Und genau das passiert am Dienstag: Das Angebot an Bitcoin wird halbiert. Die historische Preisentwicklung um die letzten beiden Halvings zeigt hier tatsächlich eine scheinbare Bestätigung dieser Theorie in der Bitcoin-Welt: Der Preis hat sich um die Zeit der Halvings nach oben bewegt. Ob das noch einmal passiert, kann die nächsten Monate gespannt beobach­tet, aber leider nicht vorhergesagt werden. Langfristig gesehen, glaube ich persönlich, dass sich der mittlerweile elfjährige Aufwärtstrend unter der Bedingung fortsetzen wird, dass es ­einen langfristigen Bedarf an in der Menge vorhersagbarem und durch Mathematik definiertem Wertespeicher gibt, der sich elektronisch transferieren lässt und dabei persönliche Daten schützt.

Sollte man jetzt noch rasch zuschlagen und Bitcoin kaufen? 
Wer in Bitcoin «investiert» und das ausschliesslich macht, um Gewinne zu erwirtschaften, hat meiner Meinung nach nicht verstanden, worum es geht, und läuft grosse Gefahr, enttäuscht zu werden. Jemand aber, der Geld möchte, das nicht unkontrolliert vermehrt werden kann und das Privatsphäre gewährleistet, jemand, der eine von innen angetriebene Motivation hat, sich neues Wissen zu erarbeiten und in eines der spannendsten Experimente unserer Zeit einzutauchen, der wird viel Freude damit haben, diese neue Art von Geld und Wertespeicher zu ­erleben.

Wie geht es weiter mit der Bitcoin-Entwicklung? Eine «Killer-Anwendung» für die breite Masse ist nach wie vor nicht in Sicht. 
Die Eigenschaften, die ich in den vorherigen Fragen beschrieben habe, sind meiner Meinung nach bereits die ­«Killer-Anwendung». Bitcoin lehrt einem darüber hinaus zu hinterfragen, was Geld eigentlich ist und wie das gegenwärtige Finanzsystem funktioniert. Wer damit nicht vollends zufrieden ist, bekommt die Gelegenheit, sich mit einer Alternative auseinanderzusetzen. Den grössten momentanen Trend in der Weiterentwicklung sehe ich in Richtung noch höherer Privatsphäre. Hier gibt es Verbesserungspotenzial, und ich bin zuversichtlich, wenn ich die ­bereits erarbeiteten Lösungs­ansätze sehe.

*Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

10. Mai 2020 / 22:32
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